Infrastruktur : Reißen, schweißen, weißen – wie Berlin zusammenwuchs

Die kommunalen Versorger fanden nach der Wende schnell den Schulterschluss.

 Tong-Jin Smith
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Hohe Rohrbruchquote. Die Wasserbetriebe investierten nach der Wende viel in das Abwassernetz - einige Gebiete waren noch gar nicht...Foto: dpa/Zentralbild

Gerade ist Berlin von der Vereinigung der 27 Hauptstädte aller EU-Staaten mit dem neu geschaffenen Preis „Bridging Divisions in Cities“ ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede betonte Günter Piening, Berlins Beauftragter für Integration und Migration, dass der Mauerfall vor 20 Jahren für alle Berliner Chancen eröffnet hat. Diese soziale Teilung sei weitgehend überwunden, sagte er. Aber gilt das auch für die Infrastruktur?

Während die U-Bahn in den Jahren der Zweistaatigkeit in Ost und West getrennt war, verband die von der ostdeutschen Reichsbahn betriebene S-Bahn die Stadt bis zum Mauerbau und auch danach über Sektorengrenzen hinweg. Dennoch war sie gerade im Westen nicht unumstritten. Die Erweiterung des U-Bahn- und Busnetzes in West-Berlin machte die S-Bahn hier fast überflüssig. Strecken wurden geschlossen, Stationen verkamen zu Geisterbahnhöfen, die S-Bahn fuhr jährlich hohe Verluste ein. Im Herbst 1980 schließlich kam es zum West-Berliner Reichsbahnerstreik. In der Folge wurde fast die Hälfte des S-Bahnnetzes im Westen stillgelegt. Das brachte die Politik wieder auf den Plan. Nach Verhandlungen mit der Ost-Berliner Seite übernahm schließlich die BVG das S-Bahnnetz im Westen. So wurde die S-Bahn wieder zum Teil des öffentlichen Verkehrs in beiden Teilen der Stadt.

Von der staatlichen Trennung fast gänzlich unberührt war das Wasser- oder besser gesagt das Abwassernetz. Bereits vor dem Mauerfall gab es Kontakte zwischen dem VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung im Osten und den Berliner Wasserbetrieben im Westen. „Die Wasserversorgung hingegen wurde in den 50er Jahren getrennt“, sagt Stefan Natz von den Berliner Wasserbetrieben. „Jeder Bezirk wurde zum Selbstversorger.“ Schon im Dezember 1989 kooperierten die beiden Partner und fusionierten formell 1992. „Die erste Maßnahme war der Abbau der Sperrgitter in den grenzüberschreitenden Kanälen“, erzählt Natz. Sie waren zuvor vor allem im Herbst 1961 zur Flucht aus der DDR genutzt werden. Der letzte Republikflüchtling entkam am 28. Oktober 1972 an der Teltower Badstraße durch den Kanal, wie jetzt auch eine Ausstellung im Museum im Wasserwerk am Müggelseedamm zeigt. Die zweite Maßnahme war eine umfangreiche Bestandsaufnahme. „Im Osten war die Rohrbruchquote dreimal höher als im Westen", so Natz. Hier waren Investitionen nötig, ebenso in der Neuerschließung von Bestandssiedlungen, wo bis zur Wende kein Abwassersystem existierte. Und schließlich mussten auch Schritt für Schritt Klärwerke modernisiert oder neu gebaut werden. Insgesamt sind so seit 1990 sieben Milliarden Euro investiert worden.

Dass die Infrastruktur nun auf dem neuesten Stand ist, gilt auch für die Stadtreinigung, wenngleich das Zusammenwachsen der Westberliner BSR mit dem Ostberliner VEB Stadtwirtschaft tückisch war. „Die VEB Stadtwirtschaft hatte zum Teil andere Aufgaben als BSR“, sagt Sabine Thümler von der BSR. „Unter anderem betrieb sie Sickergruben für Jauche, dies hatten im Westen private Unternehmen übernommen. Sie hat auch Beerdigungen übernommen und war zudem für die Grünflächenpflege zuständig.“

Eine große Herausforderung für die vereinte Stadtreinigung war, wie für alle kommunalen Versorger nach der Wende, der teilweise drastische Personalabbau bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung. Für die BSR kam noch hinzu, dass sie drei Deponien aus dem Osten übernommen hat, die 2005 geschlossen wurden und seither gesichert und saniert werden müssen. Dabei macht sich das Unternehmen das entweichende Methan zunutze und setzt es zur Strom- und Wärmegewinnung ein. „Das ist Klimaschutz hoch zwei“, sagt Thümler.

Aber nicht nur die BSR ist seit der Wende zu einem zukunftsorientieren Unternehmen zusammengewachsen, auch die ehemalige Bewag und die VEB Energieversorgung haben das geschafft. „Ich kann mich an eine große Neugierde erinnern“, sagt Holger Schade, heute Leiter der Netzführung bei dem Bewag-Folgeunternehmen Vattenfall. „Wir haben uns gegenseitig schnell besucht, obwohl es noch zwei getrennte Unternehmen waren.“ Auch habe es von Vorstandsseite die richtigen Signale für die Mitarbeiter gegeben. Es sei ja klar gewesen, dass Ost und West zusammengeführt werden würden – was 1996 auch passiert ist. Insofern war es von großem Vorteil, dass ab 1994/5 auf beiden Seiten gleiche Gehälter für gleiche Arbeit gezahlt wurden.

Die Einbindung der Insel West-Berlin ins 380-Kilovolt-Netz sei ein großer Schritt für die Bewag gewesen, so Schade. Damit sei der Grundstein gelegt worden, um die gesamte Stadt bis 2000 mit der Höchstspannung zu versorgen. Mittlerweile verbinden 40 000 km Kabel Kunden mit dem Stromnetz.

Während Strom etwas Überregionales ist, handelt es sich bei der Fernwärme um etwas Regionales – wie beim Wasser. Und während aus technischen Gründen bis heute die Versorgernetze in Ost und West getrennt bleiben, werden sie dennoch aus einer Hand verwaltet werden, so Wolf-Dietrich Kunze, Vorstandsmitglied der Vattenfall Europe Wärme AG und zuständig für Vertrieb und Personal. „Das Zusammenwachsen ist in unserem Bereich über die Kunden passiert“, sagt er. Das Land Berlin, die kommunalen und privaten Wohnungsbaugesell- und Genossenschaften würden 80 Prozent der Klientel für ihre Wärme ausmachen. Investiert habe das Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren vor allem in die Modernisierung der Anlagen. So seien heute Strom- und Wärmeerzeugung durch Kraftwärmekoppelung viel umweltfreundlicher und effizienter als zu Zeiten der Braunkohlekraftwerke. „Damit sparen wir fossile Brennstoffe und vermeiden CO2“, so Kunze.

In Berlin sind seit dem historischen November 1989 die Infrastrukturen zugewachsen. Dies ging einher mit der Modernisierung der kommunalen Versorger und Versorgungseinrichtungen. Nur die S-Bahn ist weiterhin in ihren klassischen Farben Rot und Gelb unterwegs.

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