Wirtschaft : Inge Stark

(Geb. 1941)||Sie war impulsiv, auch mal albern. Sie liebte das Leben und dachte früh an den Tod.

Thomas Loy

Sie war impulsiv, auch mal albern. Sie liebte das Leben und dachte früh an den Tod. Radfahren ist eine sehr subtile Form der Freiheitsgestaltung. Es fordert den Menschen, aber es befördert ihn auch, wohin er will, ohne ihn mit Motorschäden oder Tankstopps zu belästigen. Das Fahrrad erreicht eine angenehme Reisegeschwindigkeit. Es bindet wenig Kapital und Zeit. Es ist immer da, wenn man es braucht. Uli dachte, als sie sich ihr erstes Auto anschafften, VW-Käfer, moosgrün, die Phase des Radfahrens sei nun abgeschlossen. Uli fuhr ab sofort Auto. Inge nahm weiter das Rad. Uli kaufte auch ein Segelboot. Inge radelte zum Liegeplatz und freute sich, wenn Uli vergaß abzulegen.

Sie war ein Kriegskind aus Berlin und musste früh lernen, Abschied zu nehmen. Der Vater starb an einem Nierenleiden. Die Mutter ging mit ihr nach Masuren, weit weg von den Brandbomben und den Alarmsirenen. Drei Jahre alt war sie, als es wieder hieß: Wir müssen fort! Auf einem großen Herrenrad, massives Eisen, schwarzer Lack, saß Inge irgendwo zwischen Bündeln mit Proviant und Decken. Von dem Hof in Masuren flüchteten sie bis in die Nähe von Bayreuth. Inge hat das alte Herrenrad nie weggegeben. Es steht heute noch im Keller, neben dem anderen Fahrrad, dem schönen, leichten, neuen, mit dem sie tödlich verunglückte.

In dem Dorf bei Bayreuth waren sie Flüchtlinge aus dem Osten, auf die man gerne verzichtet hätte. Der Pfarrer hatte Mitleid und nahm sie in seinem Haus auf. Inge bekam die aufgetragenen Schuhe der Pfarrerstöchter, aber immer eine Saison zu spät. Inge zwängte sich hinein, das Leder stauchte ihre Zehen zusammen, dass sie sich langsam verkrümmten.

Mit dem Herrenfahrrad kurvte sie im Dorf herum, zuerst stehend, schräg von einer Seite tretend, weil sie nicht über die Stange reichte. Später radelte sie nach der Schule bis nach Bayreuth aufs Arbeitsamt, um eine Lehrstelle zu finden. Die Realschule sei ja an sich eine gute Sache, sagte ihre Mutter, aber unter den besonderen Umständen ihrer Mittellosigkeit sei das Geldverdienen nun mal wichtiger. Inge lernte Sekretärin und kaufte sich von ihrem ersten Lehrlingsgehalt – natürlich – ein eigenes Fahrrad. Als der bayerische Freistaat ein Rückführungsprogramm für Flüchtlinge auflegte, nahmen Mutter und Tochter gerne an und gingen zurück nach Berlin.

Hier wurde alles besser. Inge fand Arbeit bei der Allianz, lernte einen Mann kennen, den Uli, tanzte mit ihm durch die karibische Nacht auf dem Dach des Hilton, heiratete, wurde schwanger. Zwischen den Ereignissen verstrichen jeweils ein paar Jahre. Inge überlegte genau, welchen Schritt sie als Nächstes tat. Sie schlug einen Haken ein, legte ihr Seil hindurch und kletterte weiter zum nächsten Etappenziel. Sollte sie stolpern, würde sie nicht tief fallen. Wahrscheinlich würde sie jemand auffangen, aber auch darauf wollte sie sich nicht verlassen. Inges kategorischer Imperativ wich etwas ab vom Original: Handle so, dass, wenn alle Stricke reißen, du immer noch auf eigenen Füßen stehen kannst. Sie gab ihre Arbeit als Sekretärin nie auf, obwohl Uli genug verdiente für zwei. Und auch für drei. Um Kind, Arbeit und alles übrige bewältigen zu können, wechselte sie auf eine Halbtagsstelle an einer Schule, kochte abends vor, damit sie am nächsten Tag nach Aufwecken, Frühstückmachen, Sohn-in-die-Schule-bringen, arbeiten, Sohn-von-der-Schule-abholen schnell was Warmes auf den Tisch zaubern konnte. Die erste Hälfte des Tages war präzise durchgeplant, inklusive Fahrzeiten zwischen den Einsatzorten, gerechnet in Fahrradminuten. Um 15 Uhr fiel sie dann erschöpft in den Nachmittagsschlaf. Ein zweites Kind zu bekommen, traute sie sich unter diesen Umständen nicht mehr zu.

Sie war eine kleine Frau, zierlich, mit einem hübschen Kopf, dunklen kurzen Haaren. Sie konnte impulsiv sein, auch mal albern. Interessant fand sie alles, was mit Kultur und Geschichte zu tun hatte. Davon war in dieser bayerischen Nachkriegsrealschule dummerweise kaum die Rede gewesen. Als Holger, der Sohn, 5 war, reisten sie nach Israel und die Jahre darauf um den halben Globus, weil ja überall soviel steinerne Historie herumsteht, von deren Existenz sie früher nicht mal etwas geahnt hatte. Inge grämte sich vor Ärger, dass sie all die Sprachen dieser Länder nicht beherrschte, nicht mal Englisch und Französisch, was doch jedes Kind in ihrer Schule lernte. Als Holger mit Französisch anfing, besuchte sie parallel einen Sprachkurs an der Volkshochschule. Als gute Mutter fühlte sie sich verpflichtet, ihrem Sohn Französisch-Nachhilfe zu geben, wie es in Bildungsbürgerkreisen üblich ist. Als das Projekt scheiterte, weil Holger viel schneller im Französischen vorankam als sie, gab sie das Sprachenlernen insgesamt auf. Alles Ermuntern half nichts. Etwas nur ein bisschen können, mit dem Mut, Fehler zuzulassen, das verletzte ihren Ehrgeiz, da blieb sie lieber stumm.

Sie würde früh sterben, sagte sie oft. Um sie müsse man sich keine Sorgen machen, später, wenn andere in die Pflegejahre kommen. Wieso sie das sagte, weiß keiner so genau. Hinter all ihrer Kulturbegeisterung, der Lebensfreude, dem Genießen von Strand, Sonne, Landschaft oder dem Spracherwachen der Enkelkinder, ihrer Liebe und Tatkraft stand ein unauslöschlicher Gedanke an das dunkle Ende von alledem.

Inge und Uli machten lange Radtouren, gerne flussabwärts oder von Kirche zu Kirche. Diesmal hatten sie sich die Straße der Romanik ausgesucht. In Halberstadt bezogen sie Quartier, machten sich am nächsten Tag auf den Weg in die Berge. Eine Gewitterfront zog auf. Bei der Abfahrt von einem Hügel kollidierten ihre Räder. Inge stürzte, fiel auf den Kopf und verlor das Bewusstsein. Dann brach das Gewitter los.

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