Wirtschaft : Ingeburg Seldte

Geb. 1920

Marc Neller

Senioren – eine ansteckende Krankheit? Die Alten sind die Alten! Als Katze hätte sie vier Leben mehr gehabt, um all das zu erledigen, was es zu tun gab. So waren es nur drei. Und das eigentliche kam zuletzt.

Ihr erstes Leben ist das kürzeste: eine unbeschwerte Jugend. Es endet spätestens, als all ihre Verehrer in den Krieg ziehen. Kein einziger kommt zurück. Auch nicht der junge Ehemann. Das zweite Leben ist das einer Hausfrau und Mutter. Es ist in Ordnung, aber nicht ihr Traum. Als Ingeburg Seldte etwas über 50 ist, sind die beiden Kinder aus dem Haus, und für sie beginnt Leben Nr. 3, die große Freiheit. Ihr Leben als Lobbyistin des Alters.

Die Deutschen sprechen, sofern sie überhaupt über die Alten sprechen, immer von den „Senioren“. Für Ingeburg Seldte klingt das wie eine ansteckende Krankheit. Und viel zu viele Menschen verhalten sich, als sei es tatsächlich eine. Das macht sie verrückt. Die Alten sind die Alten, Punktum. Und das Altern ist keine Krankheit, sondern ein Lernprozess. Da muss man was machen!

Ingeburg Seldte macht alles, am liebsten gleichzeitig und schnell. Sie gründet die Berliner Seniorenvertretung, wird Vorsitzende der deutschen Seniorenvertretung – für den Namen kann sie nichts. Und sie sitzt bald in einer Sozialkommission. Sie sagt, dass späte Romanzen im Altersheim etwas Wunderbares sind und setzt durch, dass die Alten in Pflegeheimen eigene Briefkästen bekommen. Man soll nicht sehen, wer Briefe bekommt, und wer vielleicht schon einsam ist.

In den Neunzigern gründet sie eine Wissens- und eine Zeitzeugen-Börse. Das hilft den Alten noch mehr als denen, die etwas von ihnen wollen, denkt sie sich: Sie merken, dass man sie braucht.

Man kann alt sein und wie sie selbst ein künstliches Knie haben, aber man darf nicht zu Hause sitzen und seine Zipperlein zählen. Man darf, um genau zu sein, überhaupt nur selten sitzen. Schon unter normalen Umständen kommt man nicht dazu, alles zu tun, was man sich vornimmt. Sie hat spät angefangen und das Gefühl, vieles nachholen zu müssen.

Als sie ein Kind war, sagte ihr Vater: „Mädchen brauchen nicht so klug zu sein.“ In ihrem dritten Leben besucht sie einen Fortbildungskurs in der Europäischen Akademie. Sie fährt auf Seminare, holt ein ganzes Studium nach, lernt immer wieder neue Menschen kennen, Studenten, Professoren. Alt ist man, wenn man nicht mehr neugierig ist. So gesehen ist selbst die Küche ein Jungbrunnen, solange man nicht jeden Tag großartige Dinge kochen muss. Sie bringt viele Stunden damit zu, ihren Coq au Vin oder die Straußensteaks mit Kartoffelselleriepüree zu perfektionieren.

Alles Provisorische ist ihr ein Graus. Was sie macht, macht sie ganz und mit Leidenschaft: nähen, kochen, Würmer suchen. Als Kind verbrachte sie die Wochenenden mit ihren Eltern in Tegelort. Der Vater angelte, Ingeburg suchte Regenwürmer. Der Vater zahlte einen Pfennig das Stück. Und sie wusste, dass es mehr Geld gab, wenn sie große Würmer teilte. Also teilte sie leidenschaftlich.

Ihre Leidenschaft ist allerdings auch gefürchtet. Bei Politikern zum Beispiel. In einer Fernseh-Talkshow trifft sie auf Trude Unruh, die von den Grauen Panthern. Ingeburg Seldte hält nicht viel von ihr und sagt das: „Sie reden immer nur. Aber man muss was tun.“

Zimperlich ist sie nicht. Wenn sie für die Belange der Alten kämpft, kann sie unerträglich sein, sagen ihre Kinder. Ihr Verständnis von gepflegter Streitkultur hat sie im Haus der Großeltern geschult. Die hatten sechs Kinder mit sechs unterschiedlichen Weltanschauungen. Sozialdemokratisch, national, kommunistisch, königstreu, christlich, liberal. Nur wenn es um ihre Bedürfnisse geht, kämpft sie nicht. Sie liebt es, mit ihrem zweiten Mann nach Italien oder Frankreich zu reisen, Kunst, Kirchen und Paläste anzusehen. Wenn sie schwimmen will, bringt sie es nicht fertig, ihm zu sagen: Wir bleiben eine Woche am Strand. Dabei ist er nicht dominant. Er chauffiert sie zu Terminen. Und sie sagt bis zuletzt: „Die Gefühle füreinander, das ist vielleicht das Überraschendste, bleiben gleich.“ Vielleicht ist man mit 70 schwereloser verliebt als mit 17, weil man keine Makellosigkeit mehr vortäuschen muss.

Wenn man hilft, bekommt man so viel zurück, denkt sie: schöne Momente, Erfahrungen, Anerkennung. Zuletzt ist sie sich nicht mehr so sicher. Sie streitet mit der Krankenkasse, ob sie durch ihre Knie und Hüften zu 37 oder 40 Prozent behindert ist, und ob sie Geld für orthopädische Schuhe bekommt. Da hilft ihr auch ihr Bundesverdienstkreuz wenig. Als sie schwer erkrankt, fühlt sie sich alt und ohne Lobby. Sie wehrt sich nicht mehr.

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