Wirtschaft : Ingrid Batz

(Geb. 1935)||Von den Familientagen blieben die Fotos. Darauf strahlten die Kinder.

Stefanie Beck

Von den Familientagen blieben die Fotos. Darauf strahlten die Kinder. Vier Kinder hat sie zur Welt gebracht und jedes ihrer Kinder auf eine eigene Weise verlassen. Ihre erste Tochter Petra gab sie zur Adoption frei. Den Vater hatte sie nur eine Nacht gekannt. Damals war sie sich ihrer Entscheidung sicher. Sie hat Petra nie wiedergesehen.

Ihr zweites Kind war ein Junge. Mit dem Vater war sie gern auf Partys unterwegs. Der Junge wurde kurz nach seiner Geburt ins Heim gegeben. Ab und an holten die Eltern ihn zu sich: Familientag. Was von diesen Tagen übrig blieb, waren Schwarzweiß-Fotografien. Der stolze Vater mit seinem Sohn, die glückliche Mutter.

Ihr drittes Kind, die zweite Tochter, Manuela, bekam sie von Richard. Richard mochte Kinder. Manuela nannte er gern „mein Püppchen“. Manchmal fügte er noch hinzu, „Püppchen, das bleibt unser Geheimnis“.

Ab und an kam auch ihr Sohn zu Besuch. Richard mochte auch ihn. Der Sohn flüchtete zurück ins Heim. Ingrid hielt zu Richard, denn die Männer waren ihr neben den Kindern das Wichtigste im Leben – und der liebe Gott natürlich. Sie kaufte sich für 400 Mark eine hölzerne Madonna. Sie schmückte ihre Wohnung mit teuren, antiken Möbeln. Das Geld gab ihr Richard. Dafür übersah sie, dass er ihre Kinder auf seine Weise mochte. Dass die Kinder diesen Mann und seine Liebe nie wieder in ihrem Leben vergessen würden, war ihr allerdings bewusst. Jahre danach fehlte ihr dennoch der Mut, sich den Fragen der erwachsenen Tochter zu stellen. „Ich konnte nichts dafür“ – mehr brachte sie nicht heraus.

Sie bekam ein viertes Kind, wieder ein Mädchen, Sylvie. Wieder ein anderer Vater. Wieder einer, der nicht lange bei der Familie blieb. Ihre zweite Tochter hatte sie inzwischen auch ins Heim gegeben. Sie kümmerte sich nun ganz um ihre Jüngste. Dieses Mädchen war ihr so ans Herz gewachsen, dass sie zu ihrem Geburtstag die große Schwester aus dem Heim holte. Und wieder wurden Fotos gemacht. Darauf strahlt die große Schwester mit der kleinen um die Wette. Am Abend musste Manuela wieder zurück ins Heim.

Sylvie sollte ewig in Obhut bleiben. Also begann die Mutter, ihr zu erzählen, wie krank sie sei. So wurde Sylvie von Arzt zu Arzt geschleppt. Irgendwann glaubte Sylvie selbst an ihre Krankheiten. Mit 28 nahm sie sich das Leben. Sie wollte nicht länger krank sein.

Mit 22 bekam Manuela ihren Sohn Nico. Voll Stolz zeigte sie ihn ihrer Mutter, und „die Oma“ bot sich an, gelegentlich auf ihren Enkel aufzupassen. War er dann in ihrer Wohnung, wurde ihr alles zu viel, und sie sperrte ihn in ein Zimmer ein.

Manuela sagte sich von ihr los. Und Ingrid hatte wieder ihre Ruhe.

Jahre der Einsamkeit – mit wechselnden Männern. Irgendwann versuchte sie, wieder Kontakt zu ihrer Tochter aufzunehmen. Ohne Erfolg. Dann ging Ingrid auf Wanderschaft. In Frankreich wurde sie barfuß von der Polizei aufgefasst. Sie brachten sie nach Hause. Die Ärzte aus der Psychiatrie versuchten, den Kontakt zur Tochter Manuela herzustellen. Vergeblich. Ingrids Sohn wollte sie nicht sehen. Die erste Tochter Petra lebte inzwischen in Amerika und hatte nie den Versuch unternommen, ihre leibliche Mutter ausfindig zu machen.

Ingrid blieb allein, mit sich und ihren Tabletten. An Sylvies Geburtstag steckte sie ihren Ausweis in eine kleine Plastiktüte, legte sie am Ufer ab, nahm eine Überdosis ihrer Tabletten und ging in die Havel.

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