Wirtschaft : Ingrid Wuthe

Geb. 1939

Kirsten Wenzel

Nach der Familienpause die Ausbildung zur Meisterin der Hauswirtschaft. Ich habe“, sagt ihr Mann verlegen, „ganz vergessen, Ihnen etwas zu trinken anzubieten.“ Ihr wäre das nicht passiert. Nicht auszudenken. Sofort hätte sie ein Kristallglas aus dem Schrank geholt und eine Vielfalt niveauvoller Getränke zur Auswahl gestellt. Sie hätte auch etwas Kleines zum Essen angeboten, vielleicht sogar schon ein Stück frischen Stollen, von dem sie jedes Jahr in den Wochen vor Weihnachten 20 bis 30 Stück zu backen pflegte. Der Freundes- und Bekanntenkreis konnte sich darauf verlassen. Der Keller ist natürlich noch immer gut gefüllt, mit Gläsern mit selbst gekochter Marmelade, Gelees und Einweckobst. Jedes Jahr fuhr sie aufs Land und kaufte die Früchte körbeweise bei dem Bauern ihres Vertrauens, dann weckte sie ein, tagelang, in ihrer Einbauküche mit Profiausrüstung. Das war für sie Lebensqualität, sagt ihr Mann.

Ihr Leben begann in anderen Verhältnissen, wenige Wochen vor Kriegsausbruch. Einen Vater gab es nicht. Die Mutter floh mit ihr vor den Bomben in das besetzte Polen, und später vor den Russen wieder in Richtung Westen. 1945 starb die Mutter an Typhus, hinterließ das kleine Mädchen und ein Neugeborenes. Zwei Kriegswaisen, um die sich zunächst Krankenschwestern kümmerten. Die Familie, die die sechsjährige Ingrid bei sich aufnahm, lebte in Oranienburg und gehörte zu den Zeugen Jehovas. In diesem strengen, und, wie sie es empfand, sehr freudlosen Geist wurde sie nun elf Jahre lang erzogen. Es gab keinen Geburtstag, keinen Fasching und kein Weihnachten. Freundschaften zu ihren Mitschülern schätzten die Pflegeeltern nicht. Der einzige Lichtblick war der Kontakt zu ihren fröhlichen Cousins, die sie ab und zu besuchten. Nach der Ausbildung zur Kauffrau in einem Chemiewerk packte sie sofort ihren Koffer und zog fort, in ein Zimmer zur Untermiete. Die Pflegeeltern hat sie nie wieder gesehen.

Sie war nun ein alleinstehendes Fräulein in der DDR mit vertrauensvoller Anstellung bei der Deutschen Bauern-Bank. An der Friedrichstraße lernte sie einen jungen Mann kennen, der ihr gefiel. Doch wieder wollte man ihr den Umgang verbieten, diesmal im Betrieb, aus Sicherheitsgründen, weil der neue Freund im Westteil der Stadt lebte. Also packte sie noch einmal ihren Koffer und setzte sich ab – auch wenn die Liebe längst nicht hielt, was sie versprochen hatte. Das war im Mai des Jahres 1959.

Als selbstbewusste und charmante Frau, die leicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte, lernte ihr späterer Mann sie schließlich kennen, bei einem Richtschmaus für einen der vielen Neubauten der Technischen Universität. Wie üblich saßen die Architekten mit den Sekretärinnen zusammen am vornehmen Extratisch, während die Bauarbeiter Eisbein aßen. Er hatte als Vertreter der Baubehörde ein paar feierliche Worte gesprochen und war ihr gleich aufgefallen. Später gingen sie tanzen, er fuhr sie nach Haus. Noch im selben Jahr heirateten sie.

Sie bekam einen Sohn, und mit seiner Karriere ging es schnell bergauf. Das Geld reichte bald für ein schönes Eigenheim in Charlottenburg, mit Blick auf den Teufelsberg, und für ein großes und ein kleines Auto. Mit dem kleinen fuhr sie den Sohn zu den Spielkameraden, organisierte Kinderfeste und widmete sich im Übrigen ganz dem Schaffen einer angenehmen Atmosphäre im eigenen Heim. Sie hatte viele Wünsche, sagt ihr Mann. Die teuren Vorhänge, die vielen hübschen Kleider, die prächtige Terrasse, auf der zu ihrer Freude eine Ente brütete, und das lange Regal voll mit Mokkatassen von KPM, das machte sie glücklich. Und ihn machte glücklich, dass es sie glücklich machte. So wie das gesellschaftliche Leben, die Empfänge, die Oper, das Ballett, die Philharmonie, die vielen Reisen. Acht Kreuzfahrten haben sie gemacht, wunderbare Gelegenheiten, ihre Abendroben auszuführen. Und jeder ihrer Geburtstage wurde gefeiert.

Nach 20 Jahren „Familienpause“, Sorge für den Sohn, Pflege der Schwiegermutter, dazu auch Engagement im Elternrat und im „Deutschen Staatsbürgerinnenbund“ begann Ingrid Wuthe noch einmal ein neues Kapitel: Auch das hat Spuren hinterlassen in der Wohnung am Teufelsberg. Meterweise Aktenordner stehen neben dem Schreibtisch. Eine Ausbildung, systematisches Wissen – der Ehrgeiz hatte sie gepackt, aus der Leidenschaft noch eine Profession zu machen. Ihr Mann war schon längst im Ruhestand und malte Aquarelle, da büffelte sie nun täglich Fächer wie Ernährungslehre, Hygiene, Haushalttechnologie, Nahrungszubereitung, Sozial- und Rechtskunde, Volkswirtschaftslehre, Textilarbeit, Berufs- und Arbeitspädagogik. Der Titel „Meisterin der Hauswirtschaft“ war ihr erklärtes Ziel. Nach fünf Jahren harter Ausbildung hielt sie stolz den Meisterbrief in den Händen. Da war sie fast 65 Jahre alt.

Sie konnte sich nur kurz daran erfreuen und in Kursen an einem privaten Institut ihr Wissen weitergeben. Seit längerem bereits klagte sie über Leibschmerzen und Herzrasen, doch die Ärzte konnten nichts entdecken. Als sie doch etwas fanden, war der Krebs schon zu weit vorangekommen. Sie könnte noch leben, sagt ihr Mann verzweifelt. Sie wollte so viel nachholen, doch am Ende war die Zeit einfach um. Viel zu schnell. Ihre Kleider hat er dem Johannesstift geschenkt.

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