Wirtschaft : Inkasso-Unternehmen: Im Zwielicht

Roland Koch

Eckhard Lenge verbringt einen großen Teil seiner Arbeit im Verborgenen. "Wenn ich gegen sie ermitteln sollte, würden Sie von meiner Arbeit zunächst einmal überhaupt nichts merken", sagt er. Der ehemalige Kriminaloberkommissar der Volkspolizei betreibt im Internationalen Handelszentrum in der Friedrichstraße eine Detektei und hat auch eine Inkassozulassung.

Der Job eines Inkasso-Unternehmers hat ein klares Ziel: Er soll Geld eintreiben. Das machen in Deutschland mehrere hundert Unternehmen mit vielen tausend Mitarbeitern. Sie sollen Händlern, Handwerkern, Ärzten oder Kreditgebern zu ihrem Geld verhelfen. Die Inkasso-Unternehmer verstehen sich als Dienstleistungsanbieter, die anderen Firmen die Arbeit von Mahnabteilungen abnehmen. Doch gerade die kleineren Unternehmen der Inkasso-Branche haben oft einen zwiespältigen Ruf: Die Spannbreite der Möglichkeiten, Geld einzutreiben, ist groß. Sie reicht von der schriftlichen Aufforderung bis zum persönlichen Besuch - für die Fantasie ist das Stoff genug.

"Am Beginn unserer Arbeit stehen die Ermittlungen zur Person des Schuldners. Die tatsächlichen Vermögensverhältnisse werden ermittelt", erzählt Lenge. Aber auch das Wohnumfeld, die Arbeitsstelle, das Freizeitverhalten und mögliche andere Schulden geraten dabei ins Visier der Ermittler.

"Auch der Gläubiger liefert wichtige Informationen", sagt Lenge. "Gerade, was die Persönlichkeit des Schuldners angeht, erfährt man, ob er etwa einer Aussprache zugänglich oder eher aufbrausend ist." Danach werde auch entschieden, welcher Mitarbeiter-Typ mit dem Fall betraut werde. Oft sei der ruhige Mittfünfziger mit Buchhalter-Image der richtige Mann für den Job. Manchmal müsse man aber - aus Gründen der eigenen Sicherheit - kräftigere Herren mitnehmen.

"Grundsätzlich werden die Schuldner dann persönlich angesprochen, möglichst an einem neutralen Ort und in der Regel ohne Vorankündigung. Unter irgendeinem Vorwand versuchen wir, einen Termin zu bekommen", berichtet Lenge. Er will damit die Situation vermeiden, als Bittsteller an der Tür zu stehen. Während des Gesprächs werde "die Katze aus dem Sack gelassen". Da werde der Schuldschein gezeigt und erzählt, welche Vermögenswerte im Einzelnen ermittelt wurden.

Der Schuldner steht dann vor der Wahl: Entweder er bezahlt seine Schulden oder es wird beispielsweise eine Zwangshypothek auf ein Grundstück eingetragen. "Wir bedrohen, erpressen oder nötigen nicht", sagt der schlanke, drahtig wirkende Detektiv. "Allein schon, weil uns sonst die Inkasso-Erlaubnis wieder entzogen würde, wenn uns jemand anzeigt." Die Aufgabe des Inkasso-Unternehmers sei es, dem Schuldner die rechtlich zulässigen Vorgehensweisen gegen ihn aufzuzeigen.

"Dubiose Geldeintreiber werden das Geschäft nicht lange machen", glaubt Lenge. "Aber ich kann manche Handwerker verstehen, die solche Leute beauftragen." Denn einige Schuldner erfüllten jedes Klischee: "Die leben in einem tollen Haus, fahren ein großes Auto und nichts davon gehört ihnen, das gehört dann offiziell der Frau oder den Kindern." Vor der Pleite seien in solchen Fällen die letzten Vermögenswerte aus der Firma gezogen worden und die Handwerker blieben auf ihren Rechnungen sitzen, was nicht selten die Existenz ihres Betriebes gefährde.

Schon als Detektiv hatte Lenge viele Ermittlungen zu Schuldnern. "Doch der Schritt zur Zahlungsaufforderung ist eine Inkasso-Aufgabe. Da habe ich dieses Geschäftsfeld eben auch noch übernommen," erzählt er. Warum die Schuldner nach seinem Besuch zahlen, sei ihm egal. Sie hätten in der Mehrzahl ihre Situation selbst verursacht: "aus Nachlässigkeit, aus Großkotzigkeit, durch dubiose Geschäfte oder bewusste Konkursherbeiführung." Seine Erfolgsquote liegt nach eigenen Angaben bei 50 Prozent.

Dass es praktisch keine gesetzlichen Qualifikationen für Mitarbeiter in Inkasso-Unternehmen gibt, bedauert Lenge, der auch als Dozent für Sicherheitsfachkräfte tätig ist. Die Sicherheitsbranche brauche unbedingt einen Ausbildungsberuf, in dem es eine Grundausbildung mit anschließender Spezialisierung gebe.

Lenge bekommt ein erfolgsunabhängiges Honorar für die Ermittlungsarbeiten plus eine Erfolgsprovision zwischen 20 und 30 Prozent. Doch seine eigentliche Motivation sei eine andere: "Ich bin mit Leib und Seele Kriminalist. Straftaten aufzuklären und vor Ort zu ermitteln, macht mir einfach Spaß."

Auch Verbraucherschützer hören gelegentlich von der Arbeit der Inkasso-Unternehmer. "Wir kennen die Fälle aus der Schuldnerberatung", sagt Ernst Ungerer, Justitiar und stellvertretender Geschäftsführer der Verbraucherzentrale in Berlin. "Von Schlägertrupps oder ähnlichem haben wir noch nichts gehört. Doch da werden unangenehme Briefe geschickt oder unangemeldete Hausbesuche abgestattet." In solchen Überrumpelungs-Situationen würden die Schuldner manchmal voreilig Schuldanerkenntnisse mit teilweise horrenden Honorarkosten der Inkasso-Unternehmen unterschreiben. "Eigentlich gelten für die Inkasso-Kosten die Obergrenzen der Anwaltskosten. Doch tatsächlich liegen die Rechnungsbeträge oft deutlich darüber." Fantasie-Positionen wie Ermittlungskosten - obwohl der Schuldner seit Jahren die selbe Adresse habe - würden die Kosten in die Höhe treiben. Daneben würden dann oft noch Anwaltsgebühren entstehen, wenn das Verfahren vor Gericht gehe.

Ungerer empfiehlt Schuldnern, den Gläubigern rechtzeitig mitzuteilen, wenn sie nicht mehr zahlen können. So lasse sich - auch im Rahmen der Schadensminderungspflicht des Gläubigers - unter Umständen eine gemeinsame Lösung finden, um die Schulden los zu werden.

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