Inklusion : Arbeit für alle

Wer nicht mehr fit genug ist, verliert schnell seinen Job. Doch es geht auch anders. Wie Berliner Vorzeige-Unternehmen Mitarbeiter einsetzen, die weniger leistungsstark sind.

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Müllwerker. Klaus-Dieter Klette hat nach einem Arbeitsunfall bei der BSR weniger anstrengende Aufgaben übernommen.
Müllwerker. Klaus-Dieter Klette hat nach einem Arbeitsunfall bei der BSR weniger anstrengende Aufgaben übernommen.Foto: Georg Moritz

Es ist eine vergleichsweise einfache körperliche Arbeit. Klaus-Dieter Klette nimmt die Containerdeckel in Empfang, die ein Gabelstapler auf die Laderampe des orangenen Lkws hievt und schichtet sie aufeinander. Mit seinen Kollegen transportiert er sie dann durch Berlin und tauscht sie bei den Containern der Berliner Stadtreinigung (BSR) vor Ort gegen die alten Deckel aus. Nach und nach bekommen alle XXL-Mülltonnen einen neuen Schiebedeckel, der im vorderen Bereich eine zusätzliche kleine Klappe hat, die das Öffnen erleichtert und verhindert, dass Kinder beim Spielen hineinfallen und nicht mehr alleine herauskommen, erklärt er.

Der Müllwerker Klaus-Dieter Klette ist seit einem Arbeitsunfall schwerbehindert. Müll abholen kann er nicht mehr. „Das sieht zwar leicht aus. Aber wenn man bis zu 120 Tonnen am Tag schiebt und dann auch noch über Kopfsteinpflaster, ist das eine ganz schöne Kraftanstrengung“, sagt er. „Nicht bei allen, aber bei vielen Kollegen geht das mit der Zeit ziemlich auf die Knochen.“

Nach seinem Unfall arbeitete er zunächst in einer Tonnenwerkstatt, wo er kaputte Mülltonnen reparierte. Seit vier Jahren nun ist er beim „Deckel in Deckel“-Projekt dabei, derzeit auf dem Betriebshof Malmöer Straße in Prenzlauer Berg. Es ist eines von mehreren Projekten für Ältere, Behinderte oder Mitarbeiter, die etwa durch einen Arbeitsunfall nicht mehr ihre bisherige Arbeitsleistung erbringen können, also „leistungsgemindert“ sind.

Die BSR hat den Anspruch, möglichst alle Mitarbeiter weiter zu beschäftigen. „22 Jahre lang arbeiten sie im Durchschnitt bei der BSR. Bei vielen waren schon der Vater oder Großvater hier tätig“, sagt BSR-Personalvorstand Andreas Scholz-Fleischmann. „Wir werfen niemanden raus, der leistungsgemindert ist“, sagt Scholz-Fleischmann. „Stattdessen überlegen wir uns, wie wir die Menschen sinnvoll im Unternehmen einsetzen können. Wertschätzend und sinnstiftend soll diese Betätigung sein.“ 14,5 Prozent der Beschäftigten haben eine Behinderung. Für ihr Engagement wurde der BSR im Oktober der Inklusionspreis 2013 des Unternehmens-Forums verliehen, einem bundesweiten, branchenübergreifenden Zusammenschluss von Konzernen und mittelständischen Firmen, der Menschen mit gesundheitlicher Einschränkung oder Leistungsminderung die volle Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen will.

Angesichts des demografischen Wandels und eines drohenden Fachkräftemangels ist die Inklusion, also die Teilhabe aller an der Arbeitswelt, ein immer wichtigeres Thema für Betriebe. Bis 2020 wird der Anteil der Erwerbstätigen über 50 in der Europäischen Union auf fast 35 Prozent steigen. Besonders, wenn Tätigkeiten körperlich anstrengend sind, wie bei der BSR, in der Pflege oder am Bau gilt es, rechtzeitig Strategien zu erarbeiten, um das Potenzial älterer Mitarbeiter lange nutzen zu können.

Je nach Branche gibt es unterschiedliche Ansätze, sagt Anita Tisch. Sie forscht am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zum Thema „Gesundheit und Älterwerden in der Arbeit“. „Das beginnt bei der ergonomischen Ausstattung von Arbeitsplätzen, geht über technische Hilfestellungen oder bestimmten Hebetechniken“, sagt sie. Die Wissenschaftlerin Tisch warnt vor irreführenden Klischees. Immer weniger Ältere stünden – Dank des technischen Fortschritts – vor dem Problem, dass ihre Arbeit körperlich zu anstrengend werde. Arbeitsunfähigkeiten aufgrund von psychischen Belastungen hingegen habe bedeutend zugenommen.

Dass ihm sein Arbeitgeber nach seinem Arbeitsunfall ein neues Beschäftigungsfeld geschaffen hat, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit, meint Klaus-Dieter Klette. „Wir setzen uns schließlich für das Unternehmen ein. Es ist wichtig, das Gefühl zu haben, noch gebraucht zu werden“, sagt er. Aber auch Klette weiß, dass Inklusion längst nicht in jedem Unternehmen Alltag ist.

Dabei ist im Sozialgesetzbuch das betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) als Aufgabe des Arbeitgebers festgeschrieben. Fällt ein Arbeitnehmer länger als sechs Wochen aus, dann wird ein Verfahren in Gang gesetzt, in dessen Verlauf Arzt, Personaler und Mitarbeiter gemeinsam ausloten, welche Tätigkeiten noch zumutbar sind und wo er im Unternehmen eingesetzt werden kann. Bei der BSR macht das ein Integrationsteam aus BEM-Koordinator, Schwerbehindertenvertretern, Personalräten, Führungskräften und Betriebsärztin. „Wir gucken bei jedem individuell, was er noch kann“, sagt Scholz- Fleischmann.

Beschäftigte, die weitsichtig planen, bereiten sich selbst auf ein Arbeitsfeld im Alter vor. Für Holger Hache etwa liegt die Rente noch in weiter Ferne. Er ist Jahrgang 1978 und arbeitet als Maurer am Bau. Momentan macht er am Lehrbauhof der Fachgemeinschaft Bau eine Meisterschulung, die ihm sein Arbeitgeber bezahlt. Für ihn ist das auch eine Art der Altersvorsorge. „Ich möchte mit 50 nicht mehr aktiv auf dem Bau arbeiten müssen“, sagt er. Stattdessen könnte er sich vorstellen, Lehrlinge auszubilden. Der Meisterkurs ist die Basis dafür.

Im Garten- und Landschaftsbauunternehmen Herold sind vier der 29 Mitarbeiter behindert. „Einer hatte zum Beispiel vor vielen Jahren einen Arbeitsunfall und kann seitdem nicht mehr schwer heben“, sagt Margot Herold. Für die Chefin bedeuten die Handicaps ihrer Mitarbeiter, passende Aufgaben zu finden und Teams entsprechend ihrer Fähigkeiten zusammenzustellen. Die ersten beiden Mitarbeiter mit Behinderung stellte Herold schon vor 20 Jahren ein. „Wir suchten Leute und waren froh, dass die Qualifikationen und die Chemie passten“, sagt sie. Die beiden arbeiten bis heute bei Herold.

Angesichts des drohenden Fachkräftemangels in der Pflege hat auch der Klinik-Konzern Vivantes ein großes Interesse daran, seine Mitarbeiter langfristig zu binden. Eva Müller-Dannecker leitet den Bereich Change Management bei Vivantes. Ihr Haus setzt zum Beispiel auf gemischte Teams mit jungen und älteren Pflegekräften. „So können die Aufgaben und Dienste je nach Lebenssituation und Bedürfnissen der einzelnen günstig verteilt werden“, sagt sie.

Außerdem wird die betriebliche Gesundheitsvorsorge ernst genommen. In internen Kursen lernen Krankenschwestern, wie man Patienten hebt, ohne den Rücken falsch zu belasten. „Außerdem gibt es die Möglichkeit, innerhalb des Unternehmens von physisch sehr fordernden Stationen in der Neurologie oder Geriatrie zu etwas weniger körperlich belastenden Stationen mit jüngeren und mobileren Patienten zu wechseln“, sagt Eva Müller-Dannecker. Es gibt durchaus Spielräume. Sie müssen nur entdeckt werden.

Gut 8000 Container müssen in Klaus-Dieter Klettes „Deckel in Deckel“-Projekt noch umgerüstet werden. Wenn das geschafft ist, wird er selbst wohl schon seinen Ruhestand genießen. Seine Projektkollegen dagegen werden dann neue Aufgaben in anderen Tätigkeitsfeldern bei der BSR übernehmen.

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