Innovative Ideen : Nichts Neues ohne Neugier

Das Unbekannte, Unsichere und Riskante öffnet den Blick für neue Perspektiven und Fragestellungen. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Freiräume zum Erforschen und Entdecken verschaffen, profitieren von den innovativen Ideen.

Carl Naughton
Treibstoff für Innovation. Neugieriges Verhalten ist eine große Kraft – es führt zur Gründung von Unternehmen und kann diese lebendig halten. Ohne Neugier gibt es keine wesentlichen Erneuerungen.
Treibstoff für Innovation. Neugieriges Verhalten ist eine große Kraft – es führt zur Gründung von Unternehmen und kann diese...Foto: imago/blickwinkel

Vielleicht erinnern Sie sich noch an das letzte Mal, das Sie Feuer gemacht haben. Osterfeuer, Lagerfeuer, Kamin, Grill? Die meisten Menschen heute beherrschen das Spiel mit dem Feuer. Zum ersten Mal geklappt hat das vor 800 000 Jahren, in der Steinzeit. War aber wohl reiner Zufall, sagen die Archäologen: Bei der Herstellung eines Faustkeils entstand ein Funke. Der entzündete umherliegendes Stroh.

Doch wie wurde aus diesem „Zufall“ die „Mutter aller Erfindungen“, wie die Archäologen sagen? Einfache Antwort: die Menschen in der Steinzeit wollten diesem Zufall nicht ausgeliefert sein. Sie wollten wissen wie es geht, es selber können, es beherrschen. Ihr Antrieb war: die Neugier! Die brennende Frage ist nun: Was wollen Sie sein? Feuermacher oder Wasserkocher? Denn die Neugier brauchen wir auch im 21. Jahrhundert. Neugier ist der Brennstoff für Innovation. Unternehmen brauchen solche „Feuermacher“ der Neuzeit, die zeigen, dass Neugier Nutzen stiftet.

Für die Neurobiologen von heute ist Neugier einer der fundamentalen Mechanismen des Belohnungssystems im Hirn. Und im Wort selbst steckt schon, worum es geht: „Gier“. Unser Gehirn gelüstet es nach Neuem. Diese Lust, belegten Psychologen, bildet die Vorstufe zur Kreativität. Mit anderen Worten: ohne Neugier keine neuen Ideen. Unternehmen wissen dies, manchmal. Der Employer-Branding-Spezialist Universum aus Stockholm führt die Neugier auf Platz fünf der Top-Eigenschaften, die Unternehmen bei ihren Mitarbeitern suchen. Im Grund auch leicht zu verstehen: Wer Neugier hat, brennt! Wie jedoch kann man das herausfinden?

Die Neugierigen arbeiten gewissenhafter

Intuitiv richtig geht der Chef des Ventilatorenherstellers Big Ass Fans die Sache an. Carey Smith sucht seine Mitarbeiter nach zwei Kriterien aus: Neugier und Positivität. Der Erfolg gibt ihm Recht: Die Einnahmen haben sich in den letzten drei Jahren mehr als verdoppelt. Psychologen in Würzburg haben diesen intuitiven Ansatz belegt: Sie entwickelten 2012 einen Kurztest, der die berufsbezogene Neugier misst. Mit überraschenden Ergebnissen: Die Neugierigen sind auch die gewissenhafteren Arbeiter – und tun sich sehr viel leichter mit Veränderungen im Arbeitsumfeld.

Gewissenhaftigkeit trieb bereits die Gebrüder Wright, die viele Rückschläge bei der Entwicklung ihres Flugapparates erlebten, ihre Ingenieursprobleme zu lösen und es immer und immer wieder zu versuchen. Bis die Idee funktionierte.

Der Wunsch nach Sicherheit hemmt den Fortschritt

Die anhaltenden Veränderungen in dieser Welt drängen Unternehmen und Mitarbeiter in einen Zwiespalt: „Sicherheit“ gegen „Risiko“. Globale wirtschaftliche Veränderungen, das Entstehen und Vergehen ganzer Branchen, technologische Umwälzungen, Evolutionen und Revolutionen in den Geschäftsstrategien, Unsicherheit ist allgegenwärtig. Allerdings gilt: Das größere Risiko geht gerade der ein, der sich seine Sicherheit erhalten will.

Die Offenheit für neue Ideen ist die Persönlichkeitsfacette der Neugierigen, die sie Veränderung mit offenen Armen empfangen lässt. Sie wirkt dem „Need for closure“ entgegen. So nennt man den Wunsch, Ambiguität und Unsicherheit möglichst schnell loszuwerden. Dieser führt dazu, die Suche nach neuen Informationen früh zu beenden, in Stereotypen zu denken und Glaubenssätze durch Dogmatismus zu schützen.

Wenn nun die Qualitäten der Neugierigen die Tragpfeiler im disruptiven Wandel sind, dann wäre es logisch, diese möglichst aktiv zu managen.

1992 zeigte die Forschung erstmals, wie wichtig das Fördern von Neugier bei der Arbeit ist. Sie ermutigt Mitarbeiter, weiter zu denken und zu lernen und so auch die Offenheit für Veränderung zu erhöhen. Diese Forderung wurde schnell zu einem Allgemeinplatz. Menschen schauen seitdem nach einem Arbeitsplatz, der ihre professionelle Passion mit offenen Armen empfängt; Führungskräfte suchen Mitarbeiter, die voller Leidenschaft für die Mission der Firma sind. „Passion“ „Leadership“ oder „Neugier“ werden herumgewirbelt wie Bestandteile eines Salatbuffets.

Fragen macht Interesse fühlbar

Was wirklich hilft, berichtet ein Entwicklungsleiter von Conti Tech. Er lässt sich von seinen Teams alles sehr genau erklären, fragt nach, will es selbst verstehen. Statt „habt ihr gut gemacht. Ich will gar nicht wissen, wie…“ fragt er „Was genau habt ihr da angestellt und warum funktioniert das?“ Konsequenz: die Fragerei wirkt wertschätzend, weil sie Interesse fühlbar macht. Das wiederum führt teamseitig zu einer höheren Identifikation mit dem Thema und steigert die Lust an der Lösungsfindung. Der Kognitionspsychologe Daniel Willingham beschreibt, wie Ärzte, Manager, Eltern und Lehrer oft so erpicht darauf sind, eine schnelle Antwort zu bekommen, dass sie gar keine Zeit lassen, um die Frage gut zu entwickeln.

Wie aber kann die dazu nötige Neugierintervention im Alltag funktionieren? Relativ einfach: Ab und zu einen „Neuen“ als Fragesteller ins Team einladen.

Die Psychologen Nicholas Kohn und Steven Smith belegten den Nutzen: Drei-Mann-Teams sollten sich möglichst viele Verwendungen für eine Kartonkiste ausdenken. Zur Hälfte der Teamarbeit wurde ein Mitglied ausgewechselt. Dann wurde die Aufgabe wiederholt. Ergebnis: mit einem neuen Mitglied kamen deutlich mehr Verwendungen der Kiste zutage. Der Neuling trägt dazu bei, neu Fragen zu stellen, die Perspektive zu wechseln, dem „Need for closure“ vorzubeugen. Peter Drucker drückt das so aus: „Der Kommunikator der Vergangenheit wusste, wie er reden musste. Der Kommunikator der Zukunft weiß, wie man Fragen stellt.“

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