Wirtschaft : Innovativen Gründern geht das Geld aus

Beteiligungsbranche meidet Start-ups und verdient mit etablierten Firmen/Forscher machen sich nicht selbstständig

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Berlin (mot). Dem Standort Deutschland gehen junge Unternehmer und Existenzgründer verloren, weil sich immer weniger Kapitalgeber finden. „Forscher und Ingenieure wagen den Schritt in die Selbstständigkeit nicht mehr, weil ihnen die finanziellen Risiken zu groß geworden sind“, warnte am Dienstag der Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). Bestätigt wird der Trend von der FraunhoferGesellschaft und der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitkom) warnte davor, Deutschland drohe den Anschluss an die technologische Entwicklung im Internet zu verlieren, weil die Schulen „katastrophal ausgestattet“ seien.

Die 187 BVK-Mitgliedsunternehmen investierten zwar im Jahr 2003 insgesamt 2,6 Milliarden Euro (2002: 2,7 Milliarden Euro) vor allem in kleine und mittlere Unternehmen. Finanziert wurden aber vor allem fortgeschrittene Unternehmen und Firmenübernahmen. Auch der Anteil der Hightech-Firmen sank von 54 Prozent im Jahr 2000 auf 25,4 Prozent im vergangenen Jahr. Milliardenschwere Transaktionen, die fast ausschließlich auf das Konto großer ausländischer Risikokapitalgesellschaften gehen, dünnen dabei die Early-Stage-Finanzierung (siehe Lexikon, Seite 16), also die Anschubfinanzierung für Gründer, aus.

„Das hat negative Wirkungen auf die notwendige Schaffung einer neuen Innovations- und Technologie orientierten Unternehmergeneration“, sagte BVK-Vorstandsmitglied Michael Groß in Berlin mit Blick auf die von Bundeskanzler Gerhard Schröder ausgerufene Innovationsoffensive. Auch 2004 sei hier keine Entspannung in Sicht, wenngleich sich die Beteiligungsbranche eine leichte Belebung des Geschäfts insgesamt erwartet. „Der Tiefpunkt ist durchschritten“, sagte BVK-Chef Holger Frommann.

Der Trend zur Größe ist auch am Fondsvolumen abzulesen, das die vom BVK erfassten Beteiligungsesellschaften 2003 einsammelten. Von den eingeworbenen 6,4 Milliarden Euro entfielen allein 5,1 Milliarden Euro auf das britische Unternehmen Permira. Bei der Gründerfinanzierung drohe eine „extreme Kapitalknappheit“, fürchtet Groß.

Michael Brandkamp von der bei der KfW angesiedelten Technologie-Beteiligungs-Gesellschaft (tbg) teilt diese Befürchtung: „Es ist schon beeindruckend, wie stark die Finanzierung von Start-ups zurückgegangen ist.“ Nur 40 Prozent der von der tbg in der Gründungsphase geförderten Unternehmen hätten nach dem Start eine Anschlussfinanzierung gefunden. 80 Prozent der insgesamt 108 Firmen, die die tbg im Rahmen ihres Programms „BTU-Frühphase“ seit 2001 mit jeweils 150000 Euro finanziert hat, stammen aus dem Wissenschaftsbereich. „Wir könnten jedes Jahr 100 Firmen fördern, wenn wir sicher sein könnten, dass auch die weitere Finanzierung gesichert ist“, sagt Brandkamp. Die Geldgeber seien jedoch risikoscheuer geworden, weil sich viele während des New-Economy-Booms finanziell die Finger verbrannt hätten. Kleine Beteiligungen seien heute wegen der hohen Risiken und Betreuungskosten nicht mehr attraktiv. „Hier versagt der Markt“, sagt Brandkamp. Wenn der Wissenstransfer nicht funktioniert, müsse die öffentliche Hand aktiver werden. Aus diesem Grund legt das Bundeswirtschaftsministerium zusammen mit dem Europäischen Investitionsfonds einen Dachfonds für Beteiligungskapital in Höhe von 500 Millionen Euro auf, der am kommenden Montag der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll. Tobias Schwind, Berater bei der Fraunhofer Venture Community, begrüßt die Initiative. Schwind, der Ausgründungen aus der Fraunhofer Gesellschaft betreut, fürchtet, dass die privaten Beteiligungsfonds in Zukunft noch weniger bereit sein werden, in junge deutsche Firmen zu investieren. „Die Startup-Finanzierung droht auszutrocknen.“

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