Wirtschaft : Insiderinformationen direkt vom FBI

In New York wird die unheilvolle Allianz zwischen staatlichen Ermittlern und Spekulanten vor Gericht verhandelt

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Von I.J.Dugan, M. Schroeder

und A.Elstein

Als der FBI-Agent Jeffrey Royer am 2. Januar 2001 eine Datenabfrage machen ließ, schien das ein ganz normaler Routineauftrag zu sein. Der Angestellte eines FBI-Büros im US-Bundesstaat New Mexico sollte für ihn in einer Datenbank nachsehen, ob ein Mann ns Richard McBride Vorstrafen hatte. Wie Royer erfuhr, war McBride wegen Veruntreuung von 40000 Dollar 1998 von einem Gericht zu sechs Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden.

Vorstrafen unterliegen zwar keiner Geheimhaltungsvorschrift. Doch darf die FBI-Datenbank „National Crime Information Center“ nur für staatliche Zwecke genutzt werden. Royer soll aber andere Motive gehabt haben. Er leitete die Informationen an den berüchtigten Börsenspekulanten und Internet-Aktienanalysten Amr Ibrahim („Tony") Elgindy weiter. Auf dessen beliebter Website stand am darauffolgenden Tag, dass McBride – der Gründer eines kleinen Unterwasserkamera-Herstellers in Florida – „ein Schwerverbrecher auf Bewährung“ sei. Daraufhin fiel der Aktienkurs von Sea-View Video Technology und brachte Börsenspekulant Elgindy einen hübschen Gewinn ein. Denn drei Wochen zuvor hatte er so genannte Leerverkäufe der Unternehmensaktien getätigt, also auf einen fallenden Kurs spekuliert.

Im Mai stellten New Yorker Staatsanwälte Royer und seine Partner wegen organisierten Verbrechens vor Gericht. Sie werfen dem FBI-Agenten vor, mit Kriminellen – die er eigentlich verfolgen sollte – gemeinsame Sache gemacht zu haben. Laut Anklage haben Royer und Elgindy regelmäßig vertrauliche FBI-Informationen für ihre Leerverkäufe verwendet. Elgindy wird außerdem Kursmanipulation und die Erpressung von Chefs kleinerer Unternehmen vorgeworfen. Dabei soll er staatliche Behörden auf bestimmte Unternehmen angesetzt oder damit gedroht haben, dies zu tun. Neben Royer und Elgindy stehen drei weitere Personen vor Gericht, darunter die Ex-Freundin von Royer – eine FBI-Agentin namens Lynn Wingate.

Der Fall wirft Licht auf die dunkle Seite im Verhältnis zwischen Staatsbediensteten und Leerverkäufern. Leerverkäufer oder Shortseller sind Anleger, die mit Andeutungen über Schwierigkeiten von Unternehmen handeln. Bei Leerverkäufen von Aktien (oder Shortselling) leiht man sich Aktien von Brokern und verkauft diese kurz darauf in der Hoffnung auf sinkende Kurse.

Wenn der Kurs fällt, kann der Leerverkäufer die Aktien später wieder billiger einkaufen und verdient an der Kursdifferenz. Leerverkäufe von Aktien sind zwar gesetzlich erlaubt, aber umstritten. So haben sich einige Leerverkäufer auf die stark schwankenden Aktien winziger Unternehmen verlegt und verdienen damit Geld, dass sie mit Schmutz auf die Firmen werfen.

Leerverkäufer können aber auch wichtige Tipps an staatliche Stellen geben. Mit den Hinweisen der Informanten müsse man allerdings sehr vorsichtig umgehen, warnt Ronald Long, früherer Chef des Regionalbüros der US-Börsenaufsicht SEC in Philadelphia. Die Gefahr bestehe, falschen Informationen aufzusitzen oder durch staatliche Ermittlungen den Kurs eines kleinen Unternehmens auf Talfahrt zu schicken.

Wie heikel die Allianz von Informant und Staatsbediensteter ist und wie schnell sie zu Korruption führen kann, zeigt der New Yorker Prozess. Elgindy und sein Partner Derrick Cleveland machten sich bei Royer durch Tipps über verdächtige Unternehmen lieb Kind. Anschließend verleiteten sie den FBI-Mann dazu, sie mit Informationen aus staatlichen Datenbanken zu versorgen. Royer machte mit, weil ihn die Aussicht reizte, über Elgindy und Cleveland an der Welt der Aktienhändler teil zu haben, heißt es in der Anklageschrift.

Der 35-jährige Royer wurde gegen Kaution freigelassen und wartet auf seinen Prozess. Der 34-jährige Elgindy sitzt in Haft. Zwei weitere Angeklagte sind gegen Kaution auf freiem Fuß. Alle erklären, unschuldig zu sein. Nur Cleveland hat gestanden, an einem organisierten Verbrechen beteiligt zu sein. Er kooperiert mit der Staatsanwaltschaft.

Die Geschichte: Der FBI-Agent Royer heuerte Cleveland - einen wegen Kokainhandels vorbestraften Geldmanager - vor mehreren Jahren als bezahlten Informanten an. Später wurden die beiden Freunde. Über den heute 34-jährigen Cleveland lernte Royer den Online-Börsenguru Elgindy kennen. Der hatte gerade eine viermonatige Gefängnisstrafe wegen Finanzbetrugs abgesessen. Elgindy lehnte es zwar ab, bezahlter Informant zu werden, versorgte Royer aber mit Hinweisen auf Aktienbetrügereien.

Beim FBI zu arbeiten, war der große Traum des zielstrebigen Arbeitersohns Royer gewesen. Doch er wurde damals immer frustrierter, als seine Vorgesetzten zwei seiner Ermittlungen blockierten, wie seine Ex-Frau Barbara Royer berichtet. Sein Ärger nahm zu, als das FBI eine Versetzung nach Denver ablehnte, wo seine Familie lebte. Royer begann mit dem Gedanken zu spielen, das FBI zu verlassen. Er wollte sich mit einem Aktienanalyse-Unternehmen selbstständig machen. Auch seine neue Freundin, eine Kollegin vom FBI namens Wingate, wollte den Dienst quittieren und eine Praxis als Psychologin aufmachen.

Von diesem Zeitpunkt an kam Geld ins Spiel. Von November 2000 an überwies Cleveland insgesamt 32425 Dollar in vier Tranchen an Royer. Laut Anklageschrift waren die Zahlungen als „corrupt inducement“, als Anreiz zur Korruption, gedacht - damit Royer die FBI-Kriminalitätsdatenbank abfragte. Zwei Wochen nach der ersten Geldüberweisung machte Elgindy Leerverkäufe von Sea-View-Aktien. Über Royer habe Elgindy von der Vorstrafe des Unternehmenschef McBride erfahren, heißt es in der Anklageschrift.

Mitte 2001 schlug Elgindy Royer vor, das FBI zu verlassen und für ihn als Aktienanalyst zu arbeiten. Das Angebot fügte sich gut in Royers Zukunftspläne, sagt seine Ex-Frau. Bis Royer Ende Dezember beim FBI ausschied und eine Ausbildung in Elgindys Unternehmen begann, versorgte er Elgindy und Cleveland weiter mit FBI-Informationen über kleine, börsennotierte Unternehmen. Diese machten darauf Leerverkäufe der betreffenden Unternehmensaktien, heißt es in der Anklage. Als Royer nicht mehr beim FBI arbeitete, verschaffte er sich Zugang zu den Datenbanken über andere Wege. Unter anderem über seine Freundin Wingate, die weiter für das FBI arbeitete.

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