Insolvente Unternehmer : Scheitern als Geschäftsmodell

Firmenpleiten können zum Albtraum für Unternehmer werden. Doch immer mehr Manager begreifen die Krise auch als Chance.

Angie Pohlers
Alptraum: Fast 26 000 Unternehmer mussten im vergangenen Jahr die Insolvenz anmelden.
Alptraum: Fast 26 000 Unternehmer mussten im vergangenen Jahr die Insolvenz anmelden.Foto: dpa

Manchmal fängt es mit ausbleibenden Aufträgen an, mit Kunden, die einfach nicht bezahlen. In anderen Fällen stimmt die Kalkulation nicht oder eine Krankheit kommt dazwischen. Oft floppt auch die ganze Idee, das Geschäft will einfach nicht laufen. Es folgen Rechnungen und Kreditraten, die nicht mehr beglichen werden können, Mahnungen und irgendwann die Pleite. Die Geschichte einer Insolvenz verläuft jedes Mal anders. Am Ende stehen aber fast immer Menschen, die nicht nur ihre Firma verloren haben, sondern vor einem Schuldenberg stehen und nicht weiter wissen.

Attila von Unruh hat unzählige dieser Geschichten gehört und versucht, gemeinsam mit den Betroffenen einen Ausweg aus der Krise zu finden. Er ist Gründungsmitglied des Bundesverbandes Menschen in Insolvenzen und neue Chancen (BV Inso), vor rund acht Jahren hat er die ersten Selbsthilferunden in Deutschland organisiert. Heute treffen sich die „Anonymen Insolvenzler“ monatlich in 17 Städten, unter der Woche ist eine Hotline freigeschaltet. „Für die großen Unternehmen gibt es immer Hilfe und staatliche Förderung, für die kleineren gibt es jedoch nicht mal Beratungsangebote“, kritisiert von Unruh. Diese Lücke soll der Verband schließen.

In sieben von zehn Fällen kommt die Hilfe zu spät

Meistens vergeht viel Zeit, bevor Betroffene Hilfe suchen. „Von zehn Anfragen bei uns kommen sieben zu einem Zeitpunkt, wo man nur noch den Sargdeckel zumachen kann“, sagt der Berater, der selbst eine Insolvenz im Bereich Eventmarketing hinter sich hat. Seine Agentur verkaufte er zur Jahrtausendwende. „Während der Umfinanzierung ging der Käufer mit der übernommenen Firma in einem großen Projekt pleite.“ Wegen einer Vertragsklausel konnten die Gläubiger auch von Unruh belangen. Die Forderungen in Höhe von 300 000 Euro konnte er nicht begleichen. 2005 folgte die Privatinsolvenz.

Der Fall von der Karriereleiter hat aber nicht nur wehgetan, sondern von Unruhs Leben grundlegend verändert. Er hat eine Beratungsfirma gegründet, die in Not geratene Unternehmer individuell betreut. Seine neue Arbeit mache ihn glücklicher, sagt er. Es gehe ihm heute nicht allein ums Geldverdienen. Und: Er sei mutiger geworden. „Ich habe keine Angst vorm beruflichen Scheitern.“ Eigentlich müsste er sofort zehn Leute einstellen, stattdessen bleibt es vorerst bei einem dreiköpfigen Team. Wachstum ja, aber nicht um jeden Preis. „Man muss auch ruhig schlafen können.“ Der Weg zu dieser Haltung ist für Attila von Unruh nicht leicht gewesen. Mit besseren Rahmenbedingungen wäre sein Scheitern glimpflicher verlaufen, glaubt er. „Und ich hätte heute sicher ein paar graue Haare weniger.“

"Wie ein Kaninchen vor der Schlange"

Ziel des Verbandes sei deshalb, die Unternehmer im Vorfeld der Insolvenz zu erreichen – zu einem Zeitpunkt, an dem sich das Ruder womöglich noch herumreißen lasse. Wenn nichts mehr zu retten sei, scheiterten einige ein zweites Mal. „Sie kämpfen immer weiter, verbrennen Geld, Kontakte, Freundschaften.“ Manchen Firmenchefs muss von Unruh deutlich sagen, dass sie der Sache ein Ende setzen müssen. Das Gefühl für die Situation kommt abhanden, Probleme werden verdrängt. „Manche sind regelrecht gelähmt wie Kaninchen vor der Schlange.“ Dabei sei erstaunlich, wie lange mitunter enormer Druck ausgehalten wird – fünf Jahre Kampf mit dem Finanzamt kämen durchaus vor.

Der Albtraum für Unternehmer – in fast 26 000 Fällen ist er im vergangenen Jahr wahr geworden, allein in Berlin wurden 1278 Unternehmensinsolvenzen angemeldet. Dass Scheitern immer noch einen Tabubruch bedeutet, erlebt der Berater immer wieder. Manchmal fühle es sich für die Gescheiterten nur so an, doch in einigen Fällen wird die Insolvenz zum sozialen Stigma. „Eine Unternehmerin aus dem Sauerland musste nach der Insolvenz die Ortschaft verlassen – sie wurde regelrecht geächtet“, erzählt der Berater.

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