Insolvenz : Abschied von Arcandor

Ab Dienstag wird der Handelskonzern Arcandor zerschlagen. Vorstandschef Eick bekommt die volle Höhe seines über fünf Jahre laufenden Vertrages als Abfindung ausgezahlt, insgesamt 15 Millionen Euro.

David C. Lerch
Eick
Karl-Gerhard Eick -Foto: dpa

Düsseldorf - Viele der rund 38 000 Beschäftigten der Handelshäuser Karstadt und Quelle blicken in eine ungewisse Zukunft. Wie es mit ihren Unternehmen weitergeht, mit ihren Arbeitsplätzen zumal, kann ihnen auch knapp drei Monate nach dem Insolvenzantrag niemand sagen. Bei der Versandhandelssparte um Quelle werden zum Jahresende rund 3700 Stellen gestrichen, bei Karstadt stehen entsprechende Verhandlungen noch bevor. Beide Traditionshäuser suchen einen Partner und eine Perspektive.

Auch der Chef der Muttergesellschaft Arcandor, Karl-Gerhard Eick, weiß wohl nicht, wie es mit ihm beruflich weitergeht. Nur, dass er den Konzern verlassen wird. Wenn am Dienstag das Amtsgericht Essen aller Voraussicht nach das Insolvenzverfahren gegen die wichtigsten Gesellschaften von Arcandor eröffnet und den Insolvenzverwalter zu deren Chef ernennt, wird Eick nicht mehr gebraucht. Der Machtverlust wird ihn schmerzen, aber Einbußen hat er keine. Im Gegenteil: Eick bekommt die volle Höhe seines über fünf Jahre laufenden Vertrages als Abfindung ausgezahlt, insgesamt 15 Millionen Euro. Immerhin muss nicht der marode Handelskonzern diese Summe aufbringen, sondern die Privatbank Sal. Oppenheim, Hauptaktionärin von Arcandor, die Eick erst im März dieses Jahres ins Unternehmen holte.

Die Arbeitnehmer haben dennoch kein Verständnis für die Millionenabfindung. „Eick wird für eine Aufgabe belohnt, die er nicht erfüllt hat“, sagte der Vorsitzende des Quelle-Betriebsrats Ernst Sindel dem Tagesspiegel. Die einfachen Angestellten dagegen hätten keine Garantien. „Sie müssen am Ende die Zeche zahlen, obwohl sie am wenigsten dafür können“, so Sindel. Auch bei Karstadt sind viele Beschäftigte vor den Kopf gestoßen, berichtete Betriebsratschef Hellmut Patzelt: „Sie können die Verträge zwischen Herrn Eick und Sal. Oppenheim nicht erklären. Das ist für die Mitarbeiter nicht nachvollziehbar.“ Sindel sieht in solchen Verträgen einen klaren Gewissenskonflikt. „Eine Bank und ein Unternehmen haben völlig unterschiedliche Interessen“, erklärte Sindel. Es werde stets nur über die Höhe von Managergehältern gestritten, aber es gehe auch darum, wem ein Chef wirklich verpflichtet ist. Eick selbst verteidigte die Höhe seiner Abfindung. „Ich komme aus einfachen Verhältnissen und weiß, dass 15 Millionen Euro sehr viel Geld ist – auch für mich“, sagte er der „Bild am Sonntag“. Er habe stets betont, dass er lieber hart und mit Herzblut arbeite und nicht vorzeitig aufhören möchte.

Der Abgang von Eick symbolisiert den neuen Abschnitt, der bei Arcandor nun beginnt und einschneidende Veränderungen nach sich zieht. Mit der Eröffnung des offiziellen Insolvenzverfahrens endet die dreimonatige Schonfrist, die das deutsche Insolvenzrecht vorsieht. In dieser Phase zahlt die Bundesagentur für Arbeit die Löhne und Gehälter, bei Arcandor wurden Verträge mit Lieferanten und Vermietern ausgesetzt und müssen nun nachverhandelt werden.

Vor allem bedeutet der neue Abschnitt aber die Trennung von Karstadt und Quelle. Die beiden Unternehmen gehen nach zehnjähriger Verbindung, darunter zwei Jahre unter dem von Ex-Chef Thomas Middelhoff stammenden Kunstnamen Arcandor, künftig eigene Wege. Das Konzerndach Arcandor mit knapp 100 Mitarbeitern soll nach den Plänen des noch vorläufigen Insolvenzverwalters Klaus-Hubert Görg abgewickelt werden. Das heißt, zunächst werden alle Vermögensgegenstände wie etwa Firmenwagen oder Gemälde veräußert. Danach soll der Name aus dem Handelsregister gelöscht werden.

Für Karstadt und Quelle soll ein Käufer gefunden werden, allerdings auf unterschiedlichen Wegen. Die Warenhauskette will Görg eigenständig sanieren und anschließend als Ganzes veräußern. Davon erhofft sich der Insolvenzverwalter mehr als von dem Verkauf einzelner Vorzeigeobjekte wie etwa dem KaDeWe. Das durchkreuzt die Pläne des Metro-Konzerns, der etwa zwei Drittel der 90 Karstadt-Filialen mit der eigenen Tochter Kaufhof fusionieren will. Anfang 2010 will Görg mit dem fertigen Sanierungsplan um Investoren werben. Die neuen Verträge vor allem mit den Vermietern und die Einschnitte bei den Arbeitnehmern werden Karstadts Kosten erheblich drücken. Das soll Käufer anlocken.

Bei Quelle drängt die Zeit. Das Versandhaus soll mit der Sparte Primondo so bald wie möglich verkauft werden. Es soll mehrere Interessenten geben, öffentlich hat sich bisher keiner bekannt. Auch das Versandgeschäft will Görg nur als Ganzes verkaufen, doch das wird schwierig. Spezialversender wie der TV-Sender HSE 24 sind begehrt und Quelle braucht dringend Geld. Weil die Kundenzahlungen erst in Raten eingehen, finanziert sich Quelle über mehrere Banken, seit der Insolvenz zu sehr schlechten Konditionen. Jetzt wird nachverhandelt. Dass die Finanzierung überhaupt weiterläuft, verdankt Quelle einem staatlichen Kredit. David C. Lerch

0 Kommentare

Neuester Kommentar