Insolvenz : Arcandor: Fünf nach zwölf

43.000 Mitarbeiter sind von der Insolvenz betroffen. Für die Warenhäuser und die Touristiksparte gibt es Interessenten

David C. Lerch

Düsseldorf - Seit Dienstagmittag ist der wochenlange Überlebenskampf des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor vorbei. Nach vergeblichen Versuchen, staatliche Hilfe zu bekommen, stellte der Konzern um 12.05 Uhr beim Amtsgericht Essen einen Insolvenzantrag – auch für die Warenhaussparte Karstadt sowie die Versandhandelstöchter Primondo und Quelle. Nicht betroffen von der Insolvenz sind die Touristiktochter Thomas Cook, die Spezialversender von Primondo und der Shopping-Sender HSE 24.

Ab sofort bestimmt Hubert Görg die Geschicke von Arcandor. Das Gericht bestellte den Kölner Anwalt als vorläufigen Insolvenzverwalter für alle vier Verfahren. Das operative Geschäft soll künftig der Insolvenzexperte Horst Piepenburg führen, der zum Generalbevollmächtigten ernannt wurde. „Heute ist Deutschlands größtes Insolvenzverfahren eingeleitet worden“, sagte Piepenburg. Dabei gehe es in erster Linie um den Erhalt von Arbeitsplätzen. 43 000 Mitarbeiter sind von der Insolvenz betroffen.

Wie es mit den einzelnen Teilen des Konzerns weitergeht, ist offen. Am ehesten Klarheit besteht bei der Warenhaustochter Karstadt. Die Arcandor-Spitze verhandelt bereits mit dem Konkurrenten Metro über eine Fusion von Karstadt und Kaufhof zur Deutschen Warenhaus AG, die nun wahrscheinlicher wird. Metro hat angeboten, etwa 60 der 90 Karstadt-Standorte zu übernehmen und mit Kaufhof zusammenzuführen. Unabhängig von der Insolvenz solle einen „fairer Kaufpreis“ für die 60 Häuser gezahlt werden, sagte Metro-Chef Eckhard Cordes im ZDF. Er wolle aus der Kombination der Kaufhof- und Karstadt-Häuser einen „starken europäischen deutschen Kaufhauskonzern bauen“, der aus etwa 160 Häusern bestehe. Ein solches neues Unternehmen könne man an die Börse bringen und daran beteiligt bleiben, sagte Cordes.

Dass nicht alle der rund 30 000 Mitarbeiter von Karstadt dem neuen Warenhauskonzern angehören werden, gilt als sicher. Experten rechnen mit mindestens 5000 Arbeitsplätzen, die verloren gehen. Offen ist auch, was mit den überschüssigen Immobilien in bester Lage passiert.

Darüber hinaus gibt es bei Metro bereits Pläne, die neu zu gründende Warenhaus AG weiterzuverkaufen. Das erfuhr das „Handelsblatt“ aus Bankenkreisen. Als Interessent wird der italienische Unternehmer Maurizio Borletti genannt. Auch bei der Fürther Versandsparte Quelle reagierte man schockiert auf die Insolvenz. Arcandor hatte die Tochter bereits seit Monaten mit harten Einschnitten in Richtung Onlinehandel umgebaut. Diese Strategie wolle man weiterverfolgen, sagte ein Primondo-Sprecher. „Wir hoffen, dass die Traditionsmarke Quelle kein Opfer der Insolvenz wird.“ Ob Quelle eigenständig überleben kann, ist mehr als unsicher. „Wir brauchen einen Investor oder Kooperationen“, sagte Betriebsratschef Ernst Sindel. Der Bürgermeister von Fürth, Thomas Jung (SPD), befürchtet, Quelle könnte der große Verlierer im Ringen um Arcandor werden. Ein Partner für Quelle sei nicht in Sicht.

Das wohl attraktivste Filetstück, das Arcandor zu bieten hat, ist die 53-prozentige Beteiligung am britischen Reiseanbieter Thomas Cook. Daran hat der Handels- konzern Rewe mehrfach Interesse bekundet. Die Anteile hat Arcandor an die Banken verpfändet. Es gilt als sicher, dass sie auf den Markt kommen und mit dem Erlös die Gläubiger bedient werden.

Die Staatsanwaltschaft Essen hat unterdessen Ermittlungen gegen Arcandor- Chef Karl-Gerhard Eick wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung eingeleitet. Ein Privatmann hatte vergangene Woche Anzeige erstattet.

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