Insolvenz : Arcandor: Um jedes Haus kämpfen

Der Arcandor-Insolvenzverwalter Görg will Stellen retten. Gleichzeitig übt er scharfe Kritik am Kurs von Ex-Chef Middelhoff.

David C. Lerch
Goerg
Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg -Foto: dpa

Düsseldorf - Die Beschäftigten der insolventen Handelshäuser Quelle und Karstadt kommen nicht zur Ruhe. Am vergangenen Donnerstag hatte die Insolvenzverwaltung bekannt gegeben, bis Anfang kommenden Jahres 3700 der insgesamt 10.500 Stellen bei der Arcandor-Tochter Primondo, die hauptsächlich aus Quelle besteht, abzubauen. Bis Mittwoch dieser Woche verhandelt der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg mit den Arbeitnehmervertretern von Karstadt über personelle Konsequenzen bei der Warenhaustochter. Das sagte der Betriebsratschef von Karstadt, Hellmut Patzelt, dem Tagesspiegel.

In den Gesprächen soll es vor allem um 19 der insgesamt 90 Filialen von Karstadt gehen, deren Zukunftsfähigkeit Görg gesondert überprüfen will. Patzelt rechnet mit zähen Verhandlungen. Er kündigte an: „Wir werden um jedes Haus kämpfen.“ Welche Filialen betroffen sind, wurde bisher nicht bekannt. Je nach Größe arbeiten in einem Haus 120 bis 250 Mitarbeiter. Dass eine Sanierung von Karstadt in jedem Fall mit Entlassungen verbunden ist, darüber macht sich Patzelt, der zugleich dem Gesamtbetriebsrat des Mutterkonzerns Arcandor vorsteht, keine Illusionen. „Ich bin kein Traumtänzer“, sagte Patzelt.

Weitere harte Verhandlungen stehen bei Quelle bevor. Die personellen Fragen scheinen zwar vorerst geklärt, allerdings nicht die finanziellen. Das hängt mit der speziellen Konstellation im Versandgeschäft zusammen. Weil die Kunden Produkte von Quelle häufig in Raten, in jedem Fall aber verzögert bezahlen, finanziert sich das Unternehmen über ein so genanntes Factoring-Verfahren mit der Essener Valovis Bank. Das bedeutet, Valovis überweist Quelle gegen einen gewissen Abschlag direkt den ausstehenden Betrag der Kunden und erhält deren Zahlungen. Nach der Insolvenz von Quelle Anfang Juni kündigte Valovis den Vertrag mit Quelle und stieg erst mit der Sicherheit eines staatlichen Massekredits über 50 Millionen Euro wieder ein. Allerdings verläuft die Finanzierung seit der Insolvenz mit deutlich besseren Konditionen für die Bank, wie der Vorstandsvorsitzende von Valovis, Robert Gogarten, bestätigte. Insolvenzverwalter Görg zufolge muss Quelle seither mehr als doppelt so viel für die Vorfinanzierung der Kundenforderungen zahlen wie vor der Insolvenz. Gogarten wollte das nicht kommentieren. Die jetzigen Konditionen gelten bis zur voraussichtlichen Eröffnung des eigentlichen Insolvenzverfahrens am 9. September.

Für die Zeit danach fordert Görg andere Bedingungen, um die Zukunft des traditionsreichen Versandhauses zu sichern. Entsprechende Verhandlungen stehen Gogarten zufolge in den kommenden Tagen an. Neben Valovis und der Insolvenzverwaltung betrifft das auch die BayernLB und die Commerzbank, die seit der Insolvenz am Factoring von Quelle beteiligt sind. Der staatliche Massekredit läuft noch bis Ende des Jahres.

Görg hatte am Wochenende das frühere Management von Arcandor scharf kritisiert. „Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass um den Preis der kurzfristigen Liquidität die Ertragskraft und die Substanz ruiniert wurden“, sagte Görg der „Welt am Sonntag“. Die Vorwürfe richten sich hauptsächlich gegen Thomas Middelhoff, der bis Februar 2009 knapp vier Jahre an der Konzernspitze stand. Er habe sparsamere Vorstandsvorsitzende erlebt, sagte Görg. Die Kosten für den Vorstand seien bei einem Unternehmen in der wirtschaftlichen Verfassung von Arcandor sehr hoch gewesen. Zudem kritisierte Görg die Übernahme von Thomas Cook, die auch auf Middelhoff zurückgeht. Sie habe Arcandor Substanz entzogen, die später bei Karstadt und Quelle gefehlt habe.David C. Lerch

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