Insolvenzen : Die Welle rollt an

Experten sind sich einig: Im Herbst nach der Bundestagswahl wird es viel mehr Pleiten geben. Nach den Exportfirmen erreicht die Rezession dann die Dienstleister.

Dieter Fockenbrock
296094_0_99e248d5.jpg
Insolvent. Erst traf es international tätige Unternehmen wie den Modekonzern Escada. Nun geraten kleinere Firmen in Gefahr. Foto:...ddp

Düsseldorf - Eine Welle an Unternehmensinsolvenzen dürfte nach den Wahlen zum Bundestag die deutsche Wirtschaft überfluten. Darin sind sich Experten einig. Treffen wird es dann auch kleine bis mittelgroße Unternehmen, die unter anderem als Folge des rigiden Sparkurses vieler Großkonzerne Aufträge verlieren. Die Lage ist schon jetzt viel kritischer, als es die Prognosen signalisieren. So rechnet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform zwar mit einem mäßigen Anstieg der Unternehmenspleiten um 14 Prozent auf etwa 35 000 Fälle in diesem Jahr. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn die Zahl der betroffenen Arbeitnehmer wächst überproportional.

Deutlich wird das am rasanten Wachstum des Insolvenzgeld-Etats der Bundesagentur für Arbeit (BA): Bis Juli hatte die Behörde mit 800 Millionen Euro schon doppelt so viel Insolvenzgeld ausgezahlt wie im Vorjahreszeitraum. Bis Jahresende erwartet die BA mittlerweile Ausgaben von 1,4 Milliarden Euro – vermutlich wird auch das nicht reichen. Mit 173 000 Anträgen auf Insolvenzgeld hat die Zahl der neu von einer Pleite betroffenen Arbeitnehmer schon im Juni zwei Drittel des Jahres 2008 erreicht. Und die Sommermonate werden jeden Rahmen sprengen. Denn die Megapleite von Arcandor mit 45 000 Beschäftigten ist in dieser Statistik noch gar nicht enthalten. Allein der Essener Konzern kostet die BA rund 250 Millionen Euro für die Monate Juni, Juli und August. Insolvenzgeld wird auf Antrag als Lohn- und Gehaltsersatz maximal drei Monate durch die BA gezahlt. Das entlastet die Unternehmen und schafft Spielraum für ihre Sanierung.

Bis heute hat die Pleitewelle vor allem größere Unternehmen mitgerissen. Automobilzulieferer wie zuletzt Kögel (1150 Beschäftigte) oder Edscha (5200) mussten zum Insolvenzgericht, weil sie kaum noch Aufträge bekamen. Kögel etwa verbuchte innerhalb von zwölf Monaten ein Minus von 90 Prozent. „Der Mittelstand hält sich dagegen bislang sehr gut,“ sagt Frank Kebekus, Vorsitzender des Gravenbrucher Kreises von Insolvenzanwälten. Vor allem eine solide Eigenkapitalausstattung habe diese Unternehmen bislang vor der Pleite bewahrt. „Viel Luft ist allerdings jetzt nicht mehr. Zieht die Wirtschaft in den nächsten ein, zwei Quartalen nicht spürbar an, wird die Insolvenzwelle von den Großunternehmen auch auf den Mittelstand übergreifen“, fürchtet Kebekus. Er verwaltet etwa den Leverkusener Bremsbelagproduzenten TMD Friction (4500 Mitarbeiter). TMD und Teile von Edscha haben inzwischen Käufer gefunden.

Auch Creditreform fürchtet eine zunehmende Zahl von Pleiten. „Gemessen am Einbruch des Auftragseingangs der Industrie müsste die Welle im Herbst kommen“, sagt deren Experte Michael Bretz. Die Unternehmen geraten mit Zeitverzug in Schwierigkeiten, weil alte Aufträge erst noch abgearbeitet werden können. „Die eher exportabhängigen Mittelständler hat es zuerst getroffen“, sagt Volker Treier, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Jetzt kommen verstärkt die binnenmarktorientierten kleineren Firmen in Bedrängnis.“ Weil viele der großen Konzerne ihre Kosten zusammenstreichen, trifft es nicht mehr nur ihre Zulieferer, sondern immer stärker auch die Dienstleister. Am Ende steht die kleine Werbeagentur oder die Reinigungsfirma vor dem Aus. „So rollt die Rezession durch die Unternehmenslandschaft“, sagt Bretz.

Selbst Unternehmen, die nicht von der Pleite bedroht sind, müssen die Lasten mittragen. Denn das Insolvenzgeld wird als Umlage bei der Wirtschaft wieder eingesammelt. Gesetzlich festgelegt wurden vor vielen Monaten für dieses Jahr 0,1 Prozent der Lohnsumme. Gebraucht würde aber ein Mehrfaches. Ende Juni war die Insolvenzgeldkasse der BA längst leer, die Mittel werden jetzt durch Steuern gedeckt. Die Regierung muss nach den Wahlen festlegen, ob und wie sie sich das Geld im kommenden Jahr zurückholt. Der DIHK warnt bereits vorsorglich vor Belastungen. Zumal auch der Pensionssicherungsverein (PSV) angekündigt hat, seine Umlage zur Absicherung der Betriebsrenten zu erhöhen. HB

0 Kommentare

Neuester Kommentar