Insolvenzen : Pleiten über Pleiten in ganz Europa

Die Krise greift immer weiter um sich: Bis zu 35 000 deutsche Firmen sind von Insolvenz bedroht.

Düsseldorf - Die Zahl der Betroffenen steigt. Immer mehr Unternehmen müssen im Zuge der Wirtschaftskrise Insolvenz anmelden. Das gilt für Europa, für Deutschland und das gilt auch für Berlin, wie die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Dienstag in Düsseldorf mitteilte. 2008 gab es in der Hauptstadt 1480 Firmenpleiten, 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Deutschlandweit erhöhte sich die Zahl der Insolvenzen nach den Hochrechnungen von Creditreform um 2,2 Prozent auf 29 800. Das ist der erste Anstieg seit fünf Jahren. In den 17 untersuchten europäischen Ländern legte die Zahl der Pleiten um knapp elf Prozent zu. Besonders dramatisch verlief das vergangene Jahr in Spanien und Irland mit mehr als doppelt so vielen Firmeninsolvenzen wie 2007.

Im laufenden Jahr wird die Zahl der Pleiten weiter nach oben schnellen. Davon geht die Wirtschaftsauskunftei in ihrer Prognose aus. Es wird erwartet, dass 2009 bis zu 35 000 Firmen in Deutschland in die Insolvenz rutschen, in Berlin rechnet man mit bis zu 1700 Fällen und Auswirkungen auf rund 26 000 Beschäftigte. Die Pleitewelle trifft vor allem den Mittelstand. Nach Einschätzung von Creditreform geraten besonders Betriebe mit geringem Eigenkapital in Gefahr, die Auftragseinbrüche oder große Zahlungsausfälle verkraften müssen und gleichzeitig immer schwieriger an neue Kredite kommen. In den vergangenen Wochen gab es mehrere Beispiele von prominenten Firmenpleiten wie die des Porzellanherstellers Rosenthal, des Autozulieferers Edscha oder des Wäscheherstellers Schiesser.

Dazu kommt die Abhängigkeit vom Ausland. Durch die starke Ausrichtung am Export merken deutsche Firmen früher als andere die globale Dimension der Krise. In einer aktuellen Umfrage von Creditreform unter exportierenden Unternehmen berichten 41 Prozent der 360 befragten Firmen von spürbaren Auswirkungen auf ihr Auslandsgeschäft. Negative Folgen beim Zahlungsverhalten der ausländischen Geschäftspartner sehen 46 Prozent. Jeder fünfte Exporteur sei bereits von Kundenpleiten betroffen gewesen. Die höchsten Risiken sehen die Unternehmen in Osteuropa, speziell im Baltikum. Deutlich höher als in Deutschland schätzen die Befragten die Insolvenzgefahr auch in Spanien, Italien und Großbritannien ein.

Trotz der düsteren Lage gibt es Creditreform zufolge auch positive Entwicklungen. „Wir wollen uns nicht an dem Wettbewerb der Horrorprognosen beteiligen“, sagte Vorstandsmitglied Helmut Rödl. So wirkten etwa die Kurzarbeit, mit der Unternehmen ihre Kosten senken könnten, und die niedrigen Energiepreise positiv. Zudem hofft Rödl auf die Konjunkturpakete. „Sie dürften den schlimmsten Absturz verhindern.“

Im Gegensatz zu den Unternehmen ist die Zahl der Privatinsolvenzen im vergangenen Jahr zurückgegangen – deutschlandweit um 6,4 Prozent auf 126 900. In Berlin mussten 6270 Personen Insolvenz anmelden, immerhin 20 Prozent weniger als im Vorjahr. Wie Creditreform betonte, beruhe diese Entwicklung aber nur teilweise auf einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Verbraucher, manchmal sei der Rückgang auch mit eingeschränkten Beratungsleistungen der Gerichte zu begründen. Für 2009 rechnet Creditreform auch bei Privatinsolvenzen mit einem deutlichen Anstieg.

David C. Lerch

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