Integration durch Selbstständigkeit : "Berlin hat mich geheilt"

Hamid Mohammadi kam als Flüchtling und ist mit seiner Modefirma ein erfolgreicher Unternehmer geworden. Migranten gründen heute öfter auch in Branchen, die hohe Qualifikationen verlangen.

Susanne Ehlerding
Kräftige Farben, bequeme Schnitte und behütende Kapuzen sind das Markenzeichen von Chapati Design. Foto: promo
Kräftige Farben, bequeme Schnitte und behütende Kapuzen sind das Markenzeichen von Chapati Design.Foto: promo

Besser kann Integration nicht laufen. Auch wenn Hamid Mohammadis erfolgreiches Unternehmen einst aus einer Enttäuschung geboren wurde. Vor 28 Jahren war er aus dem Iran nach Deutschland gekommen, hatte Asyl erhalten und ein Studium der Kunststofftechnik in Darmstadt abgeschlossen.

Mit Deutschland aber war Mohammadi bis dahin nicht warm geworden. Viele kleine Alltagserfahrungen erlebte er als „offenen oder subtilen Rassismus“: Der Polizist, der ihm eine Moralpredigt hielt, weil Hamid Mohammadi falsch geparkt hatte („So etwas gehört sich nicht in Deutschland“ – als ob Deutsche nie falsch parken würden). Oder die Frau, der die Einkaufstasche herunterfiel. Als der Iraner helfen wollte, dachte die Deutsche, er wolle sie berauben.

Hemdchen mit weiten Ärmeln und Hosen mit Schlag

Bei Hamid Mohammadi setzte eine Trotzreaktion ein: „Wenn die Deutschen mich nicht mögen, dann mag ich sie auch nicht. Davon hat mich Berlin geheilt“, sagt er. „Geh mal da hin, du bist ein Typ, der sich dort wohlfühlen wird“, riet ihm damals ein Freund.

Nach dem eher aus Pflichtbewusstsein absolvierten Studium war Mohammadi frei: „Auf eigenen Beinen stehen, auch wenn ich vielleicht nur trockenes Brot essen würde, in die weite Welt kommen und etwas Schönes schaffen, das anderen Freude macht.“ So etwas schwebte ihm vor, ohne dass er genau wusste, wie er sein Ziel erreichen könnte.

Beim Import-Shop, heute Bazaar Berlin, machte es klick. Hamid Mohammadi kam ins Gespräch mit einem Textilhersteller aus Indien. Bald darauf reiste er nach Delhi, um in dessen Fabrik seine erste kleine Kollektion zu entwerfen. „Damals war ich ein Hippie mit langen Haaren und langem Bart. Ich habe Sachen entworfen, die dazu passten, Hemdchen mit weiten Ärmeln und Hosen mit Schlag“, erzählt er.

Hamid Mohammadi im selbst designten Hoody. Foto: privat
Hamid Mohammadi im selbst designten Hoody.Foto: privat

Damals kam Mohammadi als Neuling in die Modebranche. Touristinnen in Delhi überredete er, mit ihm zur Näherei zu fahren, um dort die Passformen für seine Modelle in den Größen S, M und L auszumessen. Heute beschäftigt der Betrieb 150 Arbeiterinnen, die ein monatliches Festgehalt bekommen. Zuhause in Berlin hat Mohammadi inzwischen acht Läden mit 32 Mitarbeitern, die an 190 Wiederverkäufer in Europa und Übersee liefern. Genannt hat er sein Unternehmen Chapati-Design. Der Name bedeutet Brot – so wie das trockene Brot, auf das sich der Gründer am Anfang eingestellt hatte und so wie seine Näherinnen nun ihr Brot zum Leben mit den Kleidern für den deutschen Markt verdienen.

Im Zusammenhang mit der Debatte um die Flüchtlinge verweist Mohammadi auf Zahlen der Kreditanstalt für Wiederaufbau, wonach 21 Prozent aller Neugründer in Deutschland Migranten sind. 42 Prozent davon beschäftigen Mitarbeiter, eine überdurchschnittliche Zahl. Bei allen Gründern zusammen sind es nur 29 Prozent.

„Wer auf der Flucht war, schafft sich mit einer Gründung Würde und Respekt“

Nach einer weiteren Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung sind 17 Prozent aller Selbstständigen nach Deutschland eingewandert oder haben einen Migrationshintergrund. Besonders die Zahl von Einwanderern aus Osteuropa habe seit der EU-Erweiterung 2004 stark zugenommen. Insgesamt sei die Zahl der Unternehmer mit Migrationshintergrund in den den vergangenen Jahren viermal so stark gestiegen wie bei den Deutschen.

Bisher ging die Forschung oft davon aus, dass sich eher die Geringqualifizierten selbstständig machen, um auf diesem Weg Arbeit und Wohlstand suchen, schreiben die Autoren. Sie beobachten nun einen anderen Trend: Die Dominanz von Gastgewerbe und Handel habe erheblich nachgelassen, während die Relevanz von sogenannten wissensintensiven Dienstleistungen bei den Unternehmen von Migranten wachse. Sie liege mit einem Anteil von 25 Prozent aber noch 13 Prozentpunkte unter dem der deutschen Unternehmer.

Hamid Mohammadi sieht die große Gründungbereitschaft unter Migranten auch darin, dass sie keine Angst vorm Risiko haben. „Wer auf der Flucht war, schafft sich mit einer Gründung Würde und Respekt.“ Inzwischen ticken die Deutschen auch anders als vor 25 Jahren: „Sie haben mehr Kontakt zu Einwanderern und können sie als Bereicherung sehen.“

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