Wirtschaft : Internationale Aktienmärkte: Vorsprung für die Börsen

Weiche oder harte Landung? Erinnert sich noch jemand? Wochenlang haben die Experten darüber diskutiert, welchen Weg die amerikanische Wirtschaft nach zehn starken Wachstumsjahren nimmt. Schwächt sich die Konjunktur nur für ein paar Monate ab? Oder steuert die größte Volkswirtschaft der Welt auf eine Rezession zu? An der Börse hat man auf die Frage inzwischen eine Antwort gefunden: Wir müssen auf eine Bruchlandung vorbereitet sein.

Die Indizien dafür lassen sich am Kurstableau der Börsen ablesen. Es sind nicht mehr nur die Neuen Märkte und die Internet-Unternehmen, die das Wohlwollen der Anleger verloren haben. Es ist die gute alte Industrie, es sind die Banken, die Autohersteller und die großen Elektronikkonzerne, die in eine Vertrauenskrise geraten sind. Ein verlässlicher Beobachter der amerikanischen Verhältnisse, der Chef des kalifornischen Netzwerkausrüsters Cisco, John Chambers, gab jüngst die unmissverständliche Losung aus: Wir befinden uns in einem mindestens sechsmonatigen Abschwung. Der Börse hatte es schon vorher geahnt: Cisco-Aktien sind binnen zwölf Monaten um 70 Prozent gefallen.

Das Beispiel des kalifornischen Netzwerkausrüsters zeigt: Die Börse hat mit der realen Wirtschaft eben doch zu tun. Die Fieberkurve der Kurse misst mehr als die Temperatur der Spekulation. Sie ist das Barometer für das Investitionsklima in den Unternehmen, für das Vertrauen der Investoren und - in der Summe - für die Verfassung einer Ökonomie. Nachdem die Spekulationsblase geplatzt und die New Economy erwachsen geworden ist, selektiert der Markt nun bei jenen Unternehmen, die die Früchte der digitalen Revolution eigentlich ernten sollten: Die Marktführer, die Erfinder, die soliden Rechner. Die Investoren fragen jetzt nicht mehr danach, welcher Existenzgründer in Zukunft überleben wird. Sie wollen wissen, ob es die ganz Großen schaffen. In den USA, in Europa, überall auf der Welt.

Mit dem Ökonomen Joseph Schumpeter gesprochen: Die elektronische Revolution mit ihren gravierenden Folgen für den Wirtschaftsablauf tritt in ein neues Stadium der schöpferischen Zerstörung ein. Im globalen Wettbewerb um Geschäftsmodelle, neue Produkte und technische Innovationen ist ein Überangebot entstanden. Getrieben von dem unbeirrbaren Glauben an den endlosen Aufschwung und die unerschöpfliche Geldquelle Börse haben die Unternehmen investiert - und die zukünftige Entwicklung mitunter falsch eingeschätzt. Aber wer hat sich tatsächlich verkalkuliert? Wie viele große Unternehmen waren es? Und waren es insgesamt genug, um eine ganze Volkswirtschaft zum Einsturz zu bringen? Die lange Liste von Gewinnwarnungen spricht für ein bedrohliches Ausmaß an Fehleinschätzungen. Die Börse hat ihre Konsequenzen bereits gezogen.

Die Erwartungen der Anleger sind umgeschlagen von allgemeiner Euphorie in düsteren Pessimismus. Und wie immer fällt die Depression der Börsianer tiefer aus, als die aktuelle Lage rechtfertigt. Das ist der Vorsprung der Börse: Sie nimmt vorweg, was der realen Wirtschaft noch blüht. Erwartungen, die treibenden Kräfte des Wirtschaftens, werden auf dem Parkett sofort in Taten umgesetzt. Daraus ergibt sich für den Anleger eine auf den ersten Blick paradoxe Schlussfolgerung. Wenn die Konjunktur am Boden liegt, geht es an der Börse schon wieder bergauf. Über den Zeitpunkt darf freilich gestritten werden. Aber: Die jetzt zu beobachtende Entschlossenheit der Investoren wird sich auszahlen. Es gibt keinen Grund zur Kapitulation.

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