Internationale Finanzkrise : Aktienmarkt abgesackt - Russland schwächelt

Schwarze Tage für die russische Wirtschaft: Der Leitindex des Aktienmarkts war am Freitag auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren gesunken. Regierungschef Putin macht die Finanzkrise in den USA für die wankende Wirtschaft in seinem Land verantwortlich.

MoskauDas rohstoffreiche und wirtschaftlich lange Zeit stabile Russland erlebt seit August nicht nur wegen des Krieges im Südkaukasus ein Finanzerdbeben nach dem anderen. Auf Russlands Aktienmarkt ist der Leitindex RTS am Freitag mit 1469,15 Punkten auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren gerutscht. Moskaus Analysten sehen kein Ende der "schwarzen Tage". Die Kapitalflucht ist ungebremst. Die Zentralbank bezifferte sie im August mit fünf Milliarden US-Dollar (3,5 Milliarden Euro), doch Experten bezweifeln die Angaben und schätzen sie auf zehn bis 20 Milliarden Dollar.

Während die russische Führung vor allem die Finanzkrise im Westen für den Sinkflug der Aktien verantwortlich macht, sehen Analysten besonders auch innenpolitische Gründe für die ins Wanken geratene Wirtschaft. "Die Stimmung grenzt schon an Panik", meint der russische Investmentexperte Jewgeni Wolkow von der Moskauer MDM-Bank. Seit Jahresbeginn brach der RTS-Index um 37 Prozent ein, davon allein in der ersten Septemberwoche um elf Prozent.

Angst vor neuer Rubel-Krise

Der Rubel büßt rapide an Wert ein, was bei einigen Ängste vor einer neuen Rubelkrise wie 1998 auslöste. "Es ist so, dass in Zeiten drohender Sanktionen gegen Russland und erhöhter politischer Risiken viele Investoren ihre Portfolios ändern und sich auf andere Wachstumsmärkte konzentrieren", erklärte der Präsident des russischen Verbandes der Industriellen und Unternehmer, Alexander Schochin. Die russische Wirtschaft sei von ausländischem Kapital abhängig und hoffe deshalb auf eine baldige Rückkehr des Geldes. 

In diesem Sommer hatte Regierungschef Wladimir Putin zunächst mit einem öffentlichen Wutausbruch wegen der Preispolitik des Stahlkonzerns Mechel die Aktien gleich mehrerer Rohstoffunternehmen auf Talfahrt gesetzt. Die Kritik an Mechel und einigen anderen Konzernen, Kohle zu Dumpingpreisen ins Ausland verkauft und Steuern hinterzogen zu haben, verursachte Dollarverluste in Milliardenhöhe an den Börsen. Anleger befürchteten zeitweilig, es könne ein neuer Skandal wie um den zerschlagenen Ölkonzern Yukos aufziehen.

Russlands Beitritt zur WTO gefährdet

Zudem drückte der Machtkampf um den russisch-britischen Ölkonzern TNK-BP auf die Stimmung. Anfang September wurde der Streit allerdings beigelegt. Schließlich ließen der Krieg im Südkaukasus und danach noch Russlands umstrittene Anerkennung der Unabhängigkeit der völkerrechtlich zu Georgien gehörenden Provinzen Abchasien und Südossetien die Indizies weiter in den Keller stürzen, wie die russische Wirtschaftszeitung "Kommersant" am Samstag feststellte.

Die Nervosität unter den Investoren ist spürbar, weil wegen der russischen Kaukasuspolitik Sanktionen drohen und auch Russlands Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) in die Ferne zu rücken scheint. Trotz internationalen Protests halten russische Soldaten Kerngebiete Georgiens besetzt. Für ein Ende dieses Völkerrechtsverstoßes will sich an diesem Montag auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy bei Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew in Moskau einsetzen.

Medwedew und Putin: Finanzkrise im Westen ist Schuld

Medwedew und Putin betonen derweil unisono, die wirtschaftlichen Probleme in Russland seien Auswirkungen der Krise auf den internationalen Finanzmärkten. Schuld sei die US-Wirtschaft. Die USA sollten sich vielleicht weniger mit internationalen Problemen und stattdessen mit den Problemen ihrer eigenen Wirtschaft beschäftigen, riet Medwedew. Der Krieg in Georgien werde keine spürbaren Wirtschaftsfolgen für Russland nach sich ziehen, betonte Putin. Die Kapitalflucht sei vielmehr Folge der Liquiditätskrise im Westen.

In diesem Jahr rechne Russland mit einer Halbierung des Kapitalzustroms im Vergleich zu 2007 auf rund 40 Milliarden Dollar, teilte Putin laut der staatlichen Agentur RIA Nowosti Anfang September mit. 2007 hatte der Zufluss mit 80 Milliarden Dollar eine Rekordhöhe erreicht. Der geringere Zustrom sei "halb so schlimm", weil die gewaltige Geldmenge die Inflation nach oben getrieben habe, sagte Putin. Seit Jahresanfang stiegen die Verbraucherpreise in Russland um 9,5 Prozent. Zentralbankchef Sergej Ignatjew betonte, die makroökonomische Situation in Russland sei weiterhin stabil. (kk/dpa)

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