Wirtschaft : Internationale Finanzkrisen bewältigt - Neubewertung aller Notmaßnahmen nötig

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Die Turbulenzen an den internationalen Kapitalmärkten nach den Mitte 1997 ausgebrochenen Finanzkrisen in vielen asiatischen Ländern wurden von den Notenbanken der Industrieländer bis zum August des vergangenen Jahres noch erfolgreich abgewehrt. Erst nach der im August 1998 ausgebrochenen Vertrauenskrise in den russischen Rubel mussten die Notenbanken schärfere Maßnahmen ergreifen, um eine Ausweitung der Rubelabwertung - und später auch der von Lateinamerika ausgehenden Unruhen - auf andere Märkte in den Industriestaaten und der Dritten Welt zu verhindern.

Zu dieser Einschätzung kommt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner neuen Untersuchung "Internationale Kapitalmärkte - Entwicklungen, Aussichten und Politische Fragen" (International Capital Markets: Developments, Prospects and Policy Issues). Der seit 1980 jährlich erscheinende Bericht, den der IWF als "integralen Bestandteil" seiner Aufsicht über die Volkswirtschaften seiner Mitglieder ansieht, untersucht in seiner 1999-er Ausgabe die "schwerste internationale Krise in der Nachkriegszeit". Eingeschlossen in die Untersuchung sind die so genannten "reifen Märkte" in Argentinien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Hongkong, Italien, Japan, Malaysia, Mexiko, Polen, Singapur, der Schweiz, der Türkei, Ungarn und den USA.

Die Anfang Juli 1997 in Thailand ausgebrochene asiatische Krise blieb nicht auf die Region beschränkt. Kurzfristig wurden andere Länder der Dritten Welt ebenso davon betroffen wie Märkte in den industrialisierten Ländern. Aber wegen der erfolgreichen Politik der Notenbanken hatten Lateinamerika und die Schwellenländer Asiens bis Mitte 1998 wieder Zugang zu den internationalen Finanzmärkten, konnten also neue Mittel aufnehmen. Selbst die asiatischen Krisenländer erlebten dank des Erfolgs der vom IWF verordneten Anpassungsmaßnahmen wieder Kapitalzuflüsse.

In den Industriestaaten erwiesen sich insbesondere die Wertpapiermärkte als stark. Sie stellten schon im vergangenen Jahr bei Aktien neue Rekorde auf: Die Gewinne gegenüber 1997 lagen zwischen 45 Prozent und 65 Prozent. Die Zinsen für Staatsanleihen sanken auf lange Zeit nicht registrierte Tiefstände.

Die Lage änderte sich schlagartig, als Moskau am 17. August 1998 ein Moratorium für die ausländischen Schulden verkündete, was gleichzeitig die Beziehungen Russlands zum Internationalen Währungsfonds dramatisch trübte. Der IWF suspendierte ein Hilfsprogramm im Volumen von 22,2 Mrd. Dollar. Da auch Japan immer tiefer in eine wirtschaftliche Krise geriet, was auch Auswirkungen auf die Finanzmärkte in den Industriestaaten hatte, stieg die Sorge vor neuen weltweiten Turbulenzen im Frühherbst 1998. Nur die etablierten Kapitalmärkte konnten damals noch Zuflüsse registrieren.

Die amerikanische Notenbank (Fed) sah zu dieser Zeit ihre Pflicht darin, durch Zinssenkungen "Zäune" gegen die drohenden weltweiten Krisen zu errichten. Ihre erste Zinssenkung vom September 1998 hatte noch relativ geringe Wirkung. Als aber US-Notenbankchef Alan Greenspan durch eine zweite Zinsreduzierung im Oktober 1998 seine Bereitschaft unterstrich, speziell der amerikanischen Wirtschaft in den globalen Turbulenzen zu helfen, fassten die Märkte wieder Mut und beruhigten sich. Die beiden amerikanischen Zinssenkungen hatten ihren Zweck erfüllt.

Aber der Internationale Währungsfonds rechtfertigt auch die Zinserhöhungen der Fed seit Ende Juni dieses Jahres. Die Geldpolitik der Notenbank musste die seit Anfang 1999 spürbaren inflationären Tendenzen in den USA rechtzeitig eindämmen.

Die Anfang dieses Jahres ausgebrochene Krise in Brasilien war nach Einschätzung des IWF ein erneuter Störfaktor an den internationalen Märkten. Dagegen bewertet der Internationale Währungsfonds die Einführung des Euros als erfolgreich. Sie sei "einfacher als erwartet" gewesen, allerdings habe die Entwicklung des Euro-Kurses die internationalen Devisenmärkte in den folgenden Monaten beherrscht.

Die Turbulenzen haben, wie der IWF feststellt, indessen die Frage aufgeworfen, ob die vorhandenen Systeme und Maßnahmen noch für die Meisterung künftiger globaler Krisen ausreichen. Denn auch etablierte Finanzmärkte und starke Volkswirtschaften konnten sich den Krisen in anderen Regionen nicht entziehen. Wenn dazu noch eine Weltwährung wie der Yen unter Druck gerät, stellt sich die Frage, wie die zunehmenden Schwankungen an den Märkten und die großen Zinsunterschiede zwischen den einzelnen Ländern bei Liquidität und Krediten zu bewältigen sind.

Vor allem die russische Krise verlangte nach einer Neubewertung aller bisherigen Not-Maßnahmen. Der IWF selbst prüft seither die Lage in Russland schärfer als bisher.

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