Wirtschaft : Internationale Finanzmärkte: Die Globalisierung muss moralisch werden

Uwe Schlicht

Die Welt ist nicht heil. Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Hunger und Krankheit verschwinden nicht. Als Schuldiger muss häufig die Globalisierung herhalten. Die Katholisch Akademie Berlin hat jetzt unter dem Thema "Geld regiert die Welt" zur Eröffnung der Misereor Fastenaktion eine Podiumsdiskussion veranstaltet: Der Vertreter von Misereor, Josef Sayer, ließ es an harten Anklagen gegen Liberalisierung und Globalisierung nicht fehlen. Sayers These: Geld regiere die Welt. Und das sei zum Schaden der Ärmsten.

Das wollte Michel Camdessus, der ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf keinen Fall so stehen lassen. Geld regiert in seiner Sicht nicht die Welt, und sein Gegenpart auf dem Podium, Kardinal Oscar Rodriguez aus Honduras, der lange Zeit Sprecher der lateinamerikanischen Bischofskonferenz gewesen war, konnte sich auch nicht zu so plakativen Aussagen verstehen.

Camdessus argumentierte sehr einfach: Wenn die Übel der Welt und die Krisen der Wirtschaft (etwa in Asien in den späten 90er Jahren) wirklich nur auf die Ursache, die Liberalisierung der Finanzmärkte zurückzuführen wären, dann wäre auch eine Lösung einfach zu finden. Die Krise der Finanzmärkte sei deshalb so schwer zu verstehen, weil sie eigentlich vier Krisen zugleich umfasse, sagte Camdessus. Im Vergleich zu früheren Wirtschaftskrisen in den letzten 50 Jahren zeichne sich die Krise der 90er Jahre durch eine vorher nicht gekannte Breite aus. Betroffen sei nicht nur die Finanzwelt, sondern auch das Management der Betriebe. Verstärkt werde alles durch die Geißel des Hungers in der Welt. Den Politiker fehlten außerdem die Maßstäbe, um die Krise zu bannen. Die Zerrüttung der wirtschaftlichen Systeme in einzelnen Ländern und Regionen der Erde - als Beispiele wurden Mexiko, Russland, Osteuropa, Brasilien, Korea, Indonesien, Thailand, die Philippinen genannt - habe Rückwirkungen auf die ganze übrige Welt.

Der lateinamerikanische Kardinal Oscar Rodriguez stellte aus der Sicht der Kirche die Fragen der Humanität in den Mittelpunkt. Der Kardinal erinnerte an die Anfangszeit des Dialogs mit Vertretern der Weltwirtschaft, als diese der Kirche vorhielten, sie verstehe nichts von der Ökonomie. Wenn die Ökonomen sagten, es gebe keine Alternative zur Globalisierung, dann sei von den Wirtschaftsdenkern zumindest mehr Ethik zu fordern, weil sonst die Korruption immer weiter um sich greifen würde. Auch die Politik benötige eine neue Ethik: Lateinamerika habe labile Demokratien wegen der Schwäche der Wirtschaft und Korrumpierbarkeit der Politiker. Der Kardinal erinnerte die Wirtschaft daran, dass sie nicht nur für Banker, Manager und die Finanzmärkte da sei, sondern jeden Bürger betreffe. Auch den Mangel an Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit nannte der Kardinal als die großen Schwächen in vielen Teilen der Welt. Gerechtigkeit forderten die Bürge ein - ohne Rechtssicherheit würden die wirtschaftlich starken Länder nicht in Schwellenländer oder Länder der Dritten Welt investieren.

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