Wirtschaft : Internationaler Kaffeebar-Kult: Wenn die Espressomaschine dampft und duftet

Dagmar Rosenfeld

Vor der Theke aus dunklem Nussholz wartet eine Menschenschlange. Die Espressomaschine spuckt unter monotonem Brummen Dampfschwaden aus, und es duftet nach frisch gemahlenen Kaffeebohnen. Um die Mittagszeit herrscht in der Berliner Kaffeebar am Gendarmenmarkt Hochbetrieb. Nachwuchsmanager mit Schlips und Kragen, Studenten in Jeans und Pullover und junge Mütter, bepackt mit Kind und Einkaufstüten, stehen an, um in den Genuss eines Café Latte oder Espresso Macciato zu kommen. Behutsam tragen sie ihre heißen Kaffeebecher zu einem der Stehtische. Dann werfen sie einen Blick in die Tageszeitung, genießen das Ambiente und schlürfen schweigsam den schwarzen Muntermacher.

Ein Mischung aus Latte Macciato und Lifestyle - so sieht die neue Kaffeekultur in der Bundesrepublik aus. Mit der Kännchen- und Kuchenwelt unserer Großmütter hat sie nichts mehr gemein. Der Kaffeebar-Kult stammt aus Nordamerika, wo Kaffee lange Zeit nicht mehr als eine schwarzgefärbte, geschmacklose Brühe zum Runterspülen von Donuts war. Bis Starbucks 1985 von Seattle aus Qualitätskaffee in aller Munde brachte. Heute beschäftigt die Mutter aller Coffeeshops 50 000 Mitarbeiter, die in weltweit 4000 Läden Kaffee, Bagles und Muffins servieren. Jetzt will Unternehmens-Chef Howard Schultz auch das kaffeeverwöhnte Europa mit dem "Starbucks-Erlebnis" verzaubern. In Zürich, am Schnittpunkt der Kaffeekulturen Deutschlands, Frankreichs und Italiens, eröffnete er Anfang März den ersten Testshop auf dem Kontinent.

Doch leicht wird es für Howard Schultz nicht, den europäischen Kaffeemarkt zu erobern. Denn das Coffeeshop-Konzept ist hier kein Novum mehr. In Deutschland setzte der Boom bereits vor drei Jahren ein. Mittlerweile locken fast 300 Läden mit italienischem Ambiente und amerikanischen Marketingstrategien die deutschen Kaffeetrinker. Zu den Pionieren auf dem deutschen Markt gehört World Coffee. 1997 eröffnete Roman Koidl auf der Börsenstraße in Frankfurt (Main) die erste Bar nach amerikanischen Vorbild. Auf 38 Quadratmetern bot er gestressten Börsianern 192 Kaffeesorten - von klassisch über aromatisiert bis eisgekühlt - im Pappbecher zum Mitnehmen oder in der Porzellantasse an der Theke an.

Offenbar überzeugte das Konzept nicht nur die Kunden, sondern auch die Investoren. 1998 stieg das Venture-Capital-Unternehmen 3i Deutschland mit 20 Prozent bei World Coffe ein, das Land Brandenburg folgte mit einer 20-prozentigen Beteiligung. Heute ist World Coffee nach Segafredo und Lavazza mit 15 Filialen in Berlin, Hamburg, Kiel, Göttingen und Frankfurt der drittgrößte Anbieter in Deutschland. Allerdings warnt Geschäftsführer Koidl trotz eines Jahresumsatz von 13,5 Millionen Mark vor überzogenen Renditeerwartungen. Die Profitabilität von Coffeeshops müsse differenziert betrachtet werden. "Das Geschäft baut sich langsam auf. Selbst in einer Metropole wie Frankfurt hat es über ein Jahr gedauert, bis wir aufatmen konnten. Jetzt setzt der Shop täglich bis zu 4000 Mark um", sagt Koidl. An der Spitze seien da Nettorenditen von elf Prozent machbar.

Zu den deutschen Top-Ten gehört auch Balzac Coffee. Unternehmensgründerin Vanessa Kullmann ließ sich während ihres Aufenthalts in New York inspirieren. Als sie dort bei Starbucks ihre morgendliche Kaffeeration kaufte, sei ihr der Gedanke gekommen, dass dieses Konzept der Bequemlichkeit und Zeitersparnis auch in Deutschland erfolgreich sein könnte. Vanessa Kullmann behielt Recht: In den acht Balzac-Bars fröhnen täglich 8000 Kunden dem Kaffeegenuss nach amerikanischer Art. Importiert ist auch der Kaffejargon aus den USA. Wer einfach nur eine Tasse Kaffee bestellt, muss präziser werden: Take-away oder im Haus, den Becher in small, large oder x-large, klassisch oder mit Zimtaroma.

"Ketten wie World Coffee und Balzac haben die deutsche Kaffeekultur neu definiert", sagt Hans-Georg Müller vom Deutschen Kaffeeverband in Hamburg über das Phänomen der Kaffeebars. Kaffee als Genussmittel sei lange Zeit nur noch bei der älteren Generation ein fester Bestandteil des sozialen Lebens gewesen. "Die jungen Leute haben zu der Tradition von Kaffeeklatsch und sonntäglichem Kaffeetisch keinen Bezug mehr", sagt Müller. Kaffee habe ein verstaubtes, altbackenes Image und sei dem Nachwuchs nicht "trendy" genug.

Um bei der Jugend wieder die Lust auf eine Tasse Kaffee zu wecken, revolutionieren jetzt auch die großen Röster wie Jacobs, Tchibo und Co. ihren Kaffeeausschank. Jacobs eröffnete im Oktober 2000 den ersten "j-cubs"-Shop in Berlin, und Tchibo will 300 Filialen zu modernen Kaffeebars umbauen. Auch Nescafé betreibt in Deutschland seit zwei Jahren erfolgreich eigene Coffeeshops. "Kaffee soll Lebenslust vermitteln und Spaß machen", sagt Markus Irmscher, Projektleiter der Nescafé out of Home GmbH. Dementsprechend auch das Design: dunkelbraunes Parkett und hellgetünchte Wände sorgen für südländisches Flair beim Kaffeegenuss im Stehen. Denn die Jugend trinkt ihren Kaffee nicht mehr am gedeckten Tisch.

Noch ist das Geschäft mit den Kaffeebars in der Bundesrepublik nicht ausgereizt. Deshalb haben die deutschen Unternehmer auch wenig Angst vor Howard Schultz, dem Kaffee-König aus den USA. "Konkurrenz belebt den Markt", lautet einstimmig ihr Kommentar.

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