Wirtschaft : Internet-Anleger setzen auf Qualität

NORBERT KULS (HB)

Garry Trudeau hat offensichtlich genug von der Internet-Hysterie.Der Erfinder des amerikanischen Polit-Comics Doonesbury zeichnete die Internet-Macher jüngst in ironischem Licht.Sein Held Mike Doonesbury, dessen fiktive Internetfirma kurz vor dem Börsengang steht, erklärte seiner Tochter das eherne Gesetz der Branche: "Im Internet-Geschäft ist Profitabilität etwas für Weichlinge.Das bedeutet nur, daß die Strategie nicht aggressiv genug war." Es sei in Ordnung, eine Menge Geld rauszuwerfen, solange man es mit Absicht tue.

Bislang schien Investoren das egal zu sein."Im Sommer haben Anleger fast alles gekauft, was mit Internet zu tun hatte", sagt Keith Benjamin, Analyst beim Investmenthaus Bank Boston Robertson Stephens.Nur so ist zu erklären, daß eine Aktie wie Broadcast.com steigende Verluste melden und am gleichen Tag noch um 7 Prozent steigen konnte.Im Juli mit einem Kurs von 18 Dollar an die Börse gegangen, war der Kurs des Radio- und Fernsehanbieters im Internet zwischendurch bis auf 74 Dollar gestiegen.Nach Verlusten notiert die Aktie derzeit knapp über 40 Dollar.

Wie Broadcast.com gerieten auch andere Internet-Aktien in den vergangenen Wochen zunehmend unter Druck.Seit Juli hat der Internet-Aktienindex, der die 50 größten Werte abbildet, über 50 Prozent verloren.

Für den Analysten Michael Parekh von der Investmentbank Goldman Sachs ist Kritik an der Überbewertung der Internet-Titel nicht neu.Darüber, daß das Internet unprofitabel sei, würden schon seit drei oder vier Jahren Witze gemacht, meint der Analyst.Parekh hält das allerdings für unfair.Denn Internetfirmen müßten vom ersten Tag an global agieren."Wenn das Unternehmen nicht innerhalb kurzer Zeit Marktführer wird, ist es gestorben", sagt Parekh.Ist das Marktsegment attraktiv genug, folgten nach einer gewissen Zeit auch die Gewinne.

Anleger brauchen in diesem Sektor gute Nerven.Denn die Kurse der Internetaktien schwanken extrem stark.Der Grund: die immer noch geringe Liquidität und Marktkapitalisierung der Aktien.Analyst Parekh beziffert den Marktwert der Branche auf etwas weniger als 100 Mrd.Dollar.Dagegen ist General Electric, die größte Gesellschaft an der New Yorker Börse, mehr als zweieinhalbmal soviel wert (266 Mrd.Dollar).Ein Ungleichgewicht von Nachfrage und Angebot könne daher zu überzogenen Bewertungen führen.Kursausschläge von 20 bis 30 Prozent bei nur geringen fundamentalen Veränderungen seien nicht ungewöhnlich.

Nach starken Verlusten Ende August in einem allgemein schwachen Markt sind die Kurse einiger Aktien in den vergangenen Tagen wieder etwas gestiegen."Die profitablen Unternehmen und die Branchenführer haben sich zuerst wieder erholt", beobachtete Steven Horen, Analyst beim Investmenthaus Nations Bank Montgomery Securities.Es scheint einen Trend zu Qualitätsaktien im Internetsegment zu geben.Dazu gehören nach Ansicht von Horen der Software-Produzent Intuit und Pegasus Systems, die Dienste für die Hotelbranche anbieten.Auch TMP Worldwide, die im Internet Werbung und Stellenangebote bieten, habe gute Aussichten.

Analyst Keith Benjamin sieht ebenfalls einen Trend zu Aktien, die als Marktführer gelten oder die bereits Gewinne verzeichnen wie America Online (AOL), der größte Internetdienstleister der USA.Mit dem Suchmaschinenbetreiber Yahoo favorisiert er eine weitere profitable Firma.Amazon.com, der größte Online-Buchhändler, ist ebenfalls auf seiner Empfehlungsliste.Bei Amazon.com gehen die Ansichten der Analysten allerdings stark auseinander.Jonathan Cohen, Internetanalyst bei der Investmentbank Merrill Lynch hält die Aktie für klar überbewertet.Denn trotz des soliden Managements des Unternehmens sei Buchhandel ein Geschäft mit geringen Gewinnspannen.

Bei Goldman Sachs gilt AOL seit drei Jahren als die beste Investmentidee im Internetbereich.Die Firma habe sich mit ihren Partnern eines der günstigsten Kommunikationsnetzwerke der Welt geschaffen.Dazu habe AOL einen großen Teil der Software ausgelagert."Im Bereich der Browser-Technologie prügeln sich Firmen wie Microsoft oder Netscape darum, bei AOL anbieten zu können", meint Parekh.Die Browser sind die Voraussetzung, um im Internet surfen zu können.

Goldman Sachs stützt sich bei seiner Bewertung der Unternehmen stark auf die Qualität des Managements und dessen Fähigkeit, schnelle Marktentwicklungen zu nutzen.Wegen der turbulenten Veränderungen sei es für Unternehmen und Investoren schwierig, die Richtung zu erkennen.Parekh: "Wir reiten auf einer Internet-Tsunami", also auf einer Art riesiger Flutwelle.

Parekh macht verschiedene Marktsegmente aus.Eines davon ist der Hardware- Bereich mit Anbietern wie Sun Microsystems oder Cisco Systems, die für die Infrastruktur des Internet sorgen.Parekh hält diese Firmen für eine nicht ganz so schwankungsanfällige Alternative, ins Internet zu investieren.Ein weiterer Bereich sind Unternehmen, die die Software herstellen, mit denen das Internet genutzt werden kann.Auf der Goldman-Empfehlungsliste: Der Browseranbieter Netscape.Zu den jüngsten Trends zählen die Anbieter von Suchmaschinen.Goldman Sachs empfielt in diesem Segment den Branchenführer Yahoo.Die neueste Welle besteht aus den Einzelhändlern im Internet, dem sogenannten e-commerce.Dazu gehören der Buchhändler Amazon.com oder der Reiseanbieter Preview Travel.

Parekh fordert von langfristigen Investoren Geduld.Mit jedem Jahr werde das Internet ausgereifter, die Kapitalisierung und die Liquidität der Unternehmen werde zunehmen.Investoren die einen schnellen Dollar machen wollen, warnt er jedoch.

Die Tochter der Comic-Figur Mike Doonesbury ist von diesen Geschäften ohnehin überfordert.Ob das alles in der Schule erklärt werde, fragt sie ihren Vater."Nein", antwortet der, "dafür ist es zu neu."

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben