Wirtschaft : Internet: Gewinne aus der Asche

Julia Angwin

Aus der Asche der Internet-Pleite ist ein überraschendes Phänomen aufgetaucht: Einige Dot-coms auf beiden Seiten des Atlantiks verdienen Geld. Dabei waren noch vor nicht allzu langer Zeit Gewinne bei Internet-Firmen so selten wie Anzüge bei deren Chefs. Da nun aber Aktionäre nicht länger willens sind, ihr Geld in den Aufbau von Internet-Unternehmen zu investieren, haben viele von ihnen sich schlau gemacht, wie sie von selbst in die schwarzen Zahlen kommen können.

Erst vor drei Wochen hat die amerikanische Touristik-Firma Priceline.com - die früher ein Sinnbild für die Exzesse der Internet-Ära war - bekannt gegeben, zum ersten Mal Gewinnne zu verbuchen. Auch andere Unternehmen haben es geschafft: Online-Reisehändler wie Expedia und Travelocity.com, der Online-Broker Ameritrade Holding, der Internet-Immobilienhändler Homestore.com und der Online-Kartenverkäufer Ticketmaster. Auch einige kleinere Sites wie Register.com und Findwhat.com gehören dazu. Weitere Unternehmen wie die Suchmaschine Goto.com und die Teenager-Website Alloy Online sollen dieses Jahr in die Gewinnzone gelangen.

Dabei bleibt es nicht: Bei einigen unrentablen Internet-Unternehmen wird sogar das Minus kleiner. Im Dezember gaben die 40 Internet-Unternehmen des Dow Jones Internet Index Netto-Betriebsverluste von insgesamt 14,7 Milliarden Dollar im vierten Quartal bekannt. Im ersten Quartal 2001 verringerte sich das Minus auf 11,9 Milliarden Dollar. Und im zweiten Quartal dieses Jahres sanken die Verluste der 35 Unternehmen des Indizes, die bislang ihre Zahlen bekannt gegeben haben, auf nur 6,2 Milliarden Dollar. Darin ist die Goodwill-Abschreibung von 9,9 Milliarden Dollar beim Internet-Sicherheitsdienstleister Verisign nicht enthalten. Am Horizont zeigen sich weitere Hoffungsstreifen. "Wir erwarten eine zweite Welle von Unternehmen, die in die Gewinnzone rutscht", sagt Anthony Noto, Internet-Analyst bei der Investmentbank Goldman Sachs.

Trotzdem oder gerade weil sich die europäische Internet-Branche später als die amerikanische entwickelt hat, gibt es auch hier einige Dot-coms, die Gewinne machen. Im vergangenen Sommer schrieb mit Lanetro.com das erste spanische Internet-Unternehmen schwarze Zahlen. Im ersten Quartal dieses Jahres hat auch die Lanetro.com-Gruppe, die neben Spanien auch in Portugal und Mexiko vertreten ist, den Durchbruch beim operativen Gewinn erreicht.

Auch andere europäische Dot-coms versuchen ihre Aktionäre davon zu überzeugen, dass sie bald schwarze Zahlen schreiben. Im Mai war zum Beispiel bei der Londoner Handels- und Unterhaltungs-Website Lastminute.com ein neuer Ton zu vernehmen: Man rechne damit, in den Kerngeschäftsfeldern in Großbritannien und Frankreich innerhalb eines Jahres Gewinn zu machen. Für die junge Internet-Branche markiert das Auftauchen von rentablen Unternehmen einen bedeutenden Meilenstein. Nachdem Mitte und Ende der 90er Jahre ein übertriebener Optimismus in der Branche geherrscht hatte und zu viel Geld in Internet-Unternehmen investiert worden war, sind seit Januar 2000 fast 600 Dot-coms in Konkurs gegangen, darunter auch der bekannte Internet-Spielwarenhändler eToys, heißt es beim InternetDienstleister Webmergers.com.

Dadurch haben viele Aktionäre den Glauben an die Rentabilität reiner Internet-Unternehmen verloren. Und viele Verfechter von Dotcom-Werten bei Venture-Capital-Unternehmen und an der Wall Street mussten sich eingestehen, dass sie falsche Ansichten darüber hegten, wie man im Internet Geld verdienen kann.

Die Finanzierungsquelle Anzeigen fiel mit dem Wegbruch des Werbemarktes in diesem Jahr für Internet-Unternehmen weg. Der Verkauf von Waren wie Spielzeugen, Büchern und Lebensmitteln, die an die Haustür des Kunden geliefert werden müssen, erwies sich als zu teuer. Und auch beim Aufbau virtueller Marktplätze für Unternehmen konnte bisher nicht die kritische Masse erreicht werden.

Doch die rentablen Internet-Unternehmen zeigen, dass sich im Web dennoch Geld verdienen lässt. In der Mehrzahl bieten sie Dienstleistungen an, die sehr informationsintensiv sind, teilweise auf der Old Economy aufbauen und gar nicht oder kaum den physischen Transport von Gütern beinhalten. Die spanische Lanetro zum Beispiel hat sich vom Freizeitportal mit lokalen Informationen über Restaurants, Kino und dergleichen in einen Geo-Informationsservice für Dienstleistungen verwandelt. Letzterer macht es Handynutzern in, sagen wir, Madrid möglich, das nächstgelegene russische Restaurant zu finden. Lanetro hat bereits Verträge mit der Mobilfunktochter der spanischen Telefónica SA und ist bereits auf dem portugiesischen Markt.

Selbst in traditionellen Geschäftsfeldern wie dem so genannten Business-to-Consumer-Segment gibt es Erfolgsgeschichten. Die britische Website iwantoneofthose.com, die bizarre Spielzeuge für Jungen verkauft, schreibt seit der Gründung Anfang 2000 schwarze Zahlen. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen bei einem Umsatz von 500 000 Pfund (792 000 Euro) einen leichten Gewinn gemacht. Wie viel, will das Unternehmen nicht sagen. Teil der Erfolgsstrategie sei gewesen, das Internet wie einen ganz normalen Vertriebskanal zu handhaben und wie jedes andere kleine Unternehmen zu wachsen, sagt der Gründer von iwantoneofthose.com, Tim Booth.

Viele Dot-com-Überlebende haben außerdem viel in den Aufbau ihrer Marke investiert. Und viele von ihnen sind in der Reisebranche tätig - was sich als einer der attraktivsten Online-Bereiche herausgestellt hat. Im vergangenen Jahr haben Konsumenten online etwa 13,2 Milliarden Dollar für Flugtickets, Hotelzimmer und Mietautos ausgegeben, wie es bei der Unternehmensberatung Forrester Research heißt. Das ist dreiMal so viel, wie Konsumenten 2000 für Computer-Hardware ausgegeben haben - die beim Online-Shopping an zweiter Stelle stehen. "Es gibt für das Internet keine bessere Branche", sagt Henry Harteveldt, Analyst bei Forrester Research. "Man muss nichts lagern. Das meiste kann elektronisch erledigt werden. Und der Rest wird über den Postweg erledigt."

So kam das Online-Reiseunternehmen Priceline.com ins Schleudern, als seine Gründer andere Produkte - wie Lebensmittel, Benzin und Autos - verkaufen wollten. Priceline überlebte nur, weil es seine Expansionbemühungen zurückfuhr und sich wieder auf die Touristik konzentrierte. Die Konsumenten gewöhnten sich viel langsamer an den Online-Kauf, als vorhergesagt, sagt der Chef von Priceline, Richard Braddock. "Die Leute sind noch nicht so weit, Hypotheken und neue Autos im Internet zu kaufen."

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