Internet-Handys : Im Handumdrehen ein Zimmer

Die neuen Internet-Handys sollen das Reisen revolutionieren. Auf der ITB probiert es die Branche aus.

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Berlin - So klingen die Legenden aus der schönen neuen Handywelt: Die US-Fastfoodkette Pizzahut hat für wenige hundert Dollar ein Programm für das Apple iPhone entwickeln lassen, mit dem Nutzer per Fingerstreich Salami, Pilze oder Peperoni auf eine virtuelle Pizza schieben können. Das macht den Kunden offenbar so viel Spaß, dass Pizzahut innerhalb der ersten drei Monate rund eine Million Dollar zusätzlichen Umsatz erwirtschaftet haben soll. Beim Sportartikelhersteller Reebok konnte man sich schon seit langem vom Computer aus individuell die Farben und Stoffe eines Turnschuhs aussuchen. Das interessierte aber kaum jemanden – bis es die Anwendung auch für Internet-Handys gab. Heute verkauft Reebok angeblich mehr Schuhe über solche Smartphones als über den stationären PC.

Auf der ITB in Berlin haben Tourismusmanager in der vergangenen Woche ausführlich diskutiert, was ihre Branche daraus lernen kann. Lassen sich zusätzliche Umsätze erzeugen, haben Reiseveranstalter, Fluggesellschaften und Hotelbetreiber einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie einem Softwareentwickler ein paar hundert Dollar zahlen, damit er sich auch etwas Pfiffiges überlegt? Rund 100 Veranstaltungen gab es auf der ITB, bei denen mehr als 200 Referenten allein zu diesem Thema sprachen. Das zeige, dass die Messe mit neuen Segmenten wie dem „Mobile Travel Service“, dem Markt für mobile Dienste in der Branche, „Trendsetter und Marktführer ist“, sagte Messe-Berlin-Geschäftsführer Christian Göke.

Die Messe Berlin ging selbst mit gutem Beispiel voran und ließ ein Programm entwickeln, mit dem Messebesucher in diesem Jahr erstmals einen Plan der ITB auf ihr internetfähiges Mobiltelefon laden und sich so schneller unter den mehr als 11 000 Ausstellern in 26 Hallen zurechtfinden konnten, als wenn sie den Papierkatalog zur Hand nehmen würden – vorausgesetzt, die Besucher verfügen über so ein Smartphone, wie es neben Apple auch Nokia, Samsung, RIM oder HTC verkaufen. Das Programm gibt es kostenlos zum Download unter itb-berlin/mobi.

Auch Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin stellte auf der ITB erstmals einen mobilen Service vor. Beim Besuch des Standes in Halle 9 wähnt man sich kurz in einer Filiale von Media- Markt: Air Berlin hat einen langen Tresen aufgebaut, auf dem Handys verschiedener Anbieter liegen, mit denen man das Programm vor Ort ausprobieren kann. Es soll die Buchung auf drei Schritte reduzieren: Einloggen, Sitzplatz reservieren, Bordkarte als Barcode aufs Handy schicken lassen. Beim Einchecken lässt man diesen einlesen – Papier ist nicht nötig. Ab April steht das Programm dann unter mobile.airberlin.com frei zur Verfügung.

Der Autovermieter Sixt hat schon länger so eine Anwendung im Angebot; Auch Tuis neues Kreuzfahrtunternehmen Tui Cruises war schon kreativ: Dort können Kreuzfahrtteilnehmer Informationen zur Reiseroute und ein spezielles Online-Tagebuch über das Handy abrufen.

So sehen die ersten Schritte der deutschen Tourismuswirtschaft in die mobile Welt aus: Laut Branchenschätzungen besitzen derzeit 19 Millionen Deutsche, das sind 16 Prozent aller Handynutzer, so ein internetfähiges Gerät. In den USA sind schon 21 Prozent der Bevölkerung mit ihrem Mobiltelefon online, in Japan sogar 72 Prozent. Entsprechend weiter sind auch die Touristikunternehmen in Übersee. Dort verdienen sie sogar mit ihren Anwendungen selbst Geld. Der Reiseführerverlag Lonely Planet verkauft seine Wörterbuchprogramme für 7,99 Dollar und einen Stadtführer für 12,99 in Apples Online-Store.

Unternehmensberater Hagen Sexauer stellte auf der ITB eine Studie seines Unternehmens Sempora vor, in der er mehr als 200 deutsche Firmen aller Branchen befragte. Ergebnis: Die überwiegende Mehrheit der Firmen mit direktem Kundenkontakt glaubt, dass Smartphones für ihr Geschäft künftig eine große Bedeutung haben werden. „Aber wenn Sie nachschauen, wie viele hier auf der Messe vertretene Firmen spezielle Angebote für Handynutzer haben, wären Sie enttäuscht. Wohl nur jedes zehnte“, schätzt Sexauer. Martin Thyssen vom Blackberry-Hersteller RIM atmete jedoch auf der ITB auf. „Die ganze Branche arbeitet seit zehn Jahren an dem Thema.“ Dabei geht es etwa um die Frage: Wie buche ich ein Hotelzimmer im Handumdrehen? Die Messe brachte die Sache voran: „Jetzt kann es endlich losgehen“, sagte Thyssen.

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