Internet : Mit Google in die Luft gehen

Die Suchmaschine steigt in das Geschäft mit Ticketverkäufen ein. Das könnte den Online-Reisemarkt komplett verändern.

E. Krummheuer,A. Postinett
Mobile first.
Mobile first.Foto: picture-alliance/ dpa

Düsseldorf - Mit Superlativen wird nicht gespart. Die Touristikbranche spricht von einer „neuen Gefechtslage“, „einem Erdbeben“ oder schlicht einem „Hammer“: Google will für 700 Millionen Dollar (560 Millionen Euro) die im Online-Flugbuchungsgeschäft als führender Dienstleister geltende US-Gesellschaft ITA Software übernehmen. Das wird nicht ohne Folgen bleiben: Google- Chef Eric Schmidt machte in einer Telefonkonferenz unmissverständlich klar, dass er nicht wie bisher weitermachen wolle. Das, was Google mit den ITA-Daten vorhabe, werde in nichts dem ähneln, was heute schon auf dem Markt sei.

Nach dem Internet-Videoportal Youtube (rund 1,7 Milliarden Dollar) und der mobilen Werbeplattform Ad-Mob (750 Millionen Dollar) ist ITA Googles drittgrößter Zukauf. Heute liefern Internet-Portale kaum mehr als tabellarische Flugdaten, Verfügbarkeiten und Preise. Bei Metasuchmaschinen, die mehrere Portale und Seiten von Fluggesellschaften parallel abfragen, kommen noch die Ergebnisse von konkurrierenden Flug- Portalen wie Expedia oder Orbitz hinzu.

Google könnte viel weiter gehen und zum Beispiel Fluginformationen mit Reiseinformationen, Fotos und Videos des Zielortes verbinden, Empfehlungsseiten über die Qualität von Fluggesellschaften einbinden, Hotelseiten samt Empfehlungsseiten anzeigen, dazu die Flughafenanreise per Routenplaner in Google Maps anbieten. Das alles könnte übersichtlich auf einer Seite angezeigt werden, später auch mit Direktkauf-Option auf einem der Portale. Mit Sicherheit wird die neue Reisesuche zuerst den Weg auf Googles Smartphone Android finden. „Mobile first“, lautet seit Anfang des Jahres 2010 die Devise in der Konzernzentrale von Google im kalifornischen Mountain View.

Nathan Zielke, Luftfahrtexperte der Beratungsfirma Arthur D. Little, hat auf so etwas gewartet: „Derzeit ist kein Anbieter in der Lage, wirklich transparent, effizient und airline-übergreifend einen kundenfreundlichen Überblick zu geben. Google wird eine Suche bieten, die komfortabel, einfach und umfassend die wesentlichen Kundenanforderungen erfüllen wird.“ Die Konsequenz: Innerhalb kurzer Zeit könnten die Amerikaner weltweit so viel Nachfrage bündeln, dass sie „das Distributionsverhalten der gesamten Branche ändern können“. Im Klartext: Der heute dominierende Vertriebsweg über Reisebüros oder Online-Portale gerät unter Druck, die Endkunden-Preise könnten sinken. Zielke ist sich sicher: „Die Airlines werden sich nicht lange sträuben.“ Denn sie hoffen, weitere Zwischenhändler ausschalten zu können.

In den USA wird heute bereits jedes zweite Ticket online gebucht, sagt Google-Strategiemanagerin Marissa Mayer. Die Tendenz ist steigend. In Deutschland liegt die Zahl der Online-Buchungen nach Angaben der Fluggesellschaften noch unter den Zahlen aus den USA. Genaue Daten wollen sie aber nicht nennen. Buchungsplattformen und Online-Reisebüros kämpfen nicht nur im Wettbewerb untereinander, sondern auch mit den Fluggesellschaften selbst, die große Teile des Marktes über eigene Internet-Portale abschöpfen. Bei den großen deutschen Gesellschaften Lufthansa und Air Berlin gibt man sich bedeckt. Googles Zukauf habe eine neue Lage geschaffen, doch man müsse abwarten. Eine Lufthansa- Sprecherin machte deutlich, dass ein Google-Eintritt durchaus willkommen wäre. Zumindest dann, wenn es „eine neue Suchfunktion gibt, dank derer Lufthansa besser im Netz gefunden wird“.

Verlierer in Europa könnten Buchungssysteme wie Amadeus oder Sabre sein, die heute Mittler zwischen Fluggesellschaften und den Reisebüros sind. In einer Art Oligopol beherrschen sie den Markt und gelten als teuer und kompliziert. Wie ein Vertreter einer Reisebürokette dem „Handelsblatt“ erklärte, werden bei Amadeus neben einer monatlichen Gebühr pro angeschlossenem Computer noch einmal zwischen 25 und 50 Cent pro gebuchtem Streckensegment fällig. Das läppert sich.

Sollte der Internetkonzern einmal den Schritt von der Such- zur Buchungsmaschine gehen, wäre das Angebot im Reisevertrieb sicherlich hoch willkommen, sagen Branchenvertreter. „Im Moment sieht es noch so aus, als ob sich Google nur auf den US-Markt konzentrieren will“, sagt Florian Bauhuber vom Institut für eTourismus, mit dem die Universität Eichstätt-Ingolstadt kooperiert. „Aber das kann sich ja schnell ändern.“E. Krummheuer/A. Postinett (HB)

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