Wirtschaft : Internet-Umfrage: Berlin kommt bei den Bürgern schlecht weg

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65 Prozent der bundesdeutschen Bürger leben gerne in Deutschland. Das ergab die große Online-Umfrage "Perspektive Deutschland", deren Ergebnisse am Dienstag in Berlin vorgestellt wurden. Allerdings: Im Süden leben die Deutschen besser als im Westen, im Norden fühlen sie sich wohler als im Osten. Bei politisch sehr umstrittenen Themen wie Schulbildung schneiden besonders Berlin und Brandenburg miserabel ab.

Mit dem Online-Fragebogen haben die Unternehmensberatung McKinsey, das Internet-Unternehmen T-Online und der Netzableger des Stern eine Umfrage gestartet, die testen sollte, ob die Bürger im Internet eher Fragebögen beantworten, als wenn sie Besuch von professsionellen Fragern bekommen. Das Ergebnis: Online fällt es den meisten Menschen leichter, sich einem detaillierten Fragebogen zu nähern. Obwohl die Bearbeitungsdauer des Fragebogens über 20 Minuten dauerte, füllten ihn fast zwei Drittel der Befrageten bis zu Ende aus.

Man habe den Bürgern eine Plattform für ihre Einschätzungen verschaffen wollen, sagte McKinsey-Deutschland-Chef Jürgen Kluge. Um die regional unterschiedlich ausgefallenen Ergebnisse den entsprechenden handelnden Personen vor Ort zu präsentieren, werde man in den kommenden Wochen verschiedene Regionalkonferenzen in ganz Deutschland in den kommenden Wochen veranstalten, kündigte Kluge an.

Die Initiatoren hoben die je nach Region sich deutlich unterscheidenden Ergebnisse heraus. So sind in Baden-Württemberg, Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern überdurchschnittlich viele Menschen mit ihrer Region zufrieden. 75 Prozent der dortigen Bevölkerung sagt aus, sich im Umkreis des Wohnorte wohl zu fühlen. Das Schlusslicht in dieser Kategorie bildet Sachsen-Anhalt. Weniger als ein Drittel der dortigen Bevölkerung stimmt der Aussage zu, dass man in der Region gut leben kann. Berlin und Brandenburg schneiden auch nicht gerade blendend ab. Obwohl die Politiker in beiden Ländern immer wieder betonen, wie schick es sei, hier zu leben, urteilen die Einwohner anders: Beide Länder finden bei ihren tatsächlichen Bürgern nur unterdurchschnittliche Zustimmung. 55 Prozent der in Berlin lebenden und nur 38 Prozent der in Brandenburg ansässigen Menschen sind laut Umfrage zufrieden mit dem Wohnort.

Am schlechtesten schneiden Berlin und Brandenburg in Sachen Schulbildung ab. Am zufriedensten sind die Befragten in Bayern, gefolgt von Baden-Württtemberg. Brandenburg und Berlin rangieren hingegen mit einer Zustimmung von nur 15 beziehungsweise zwölf Prozent auf den letzten Rängen. Laut Umfrage fördern viele Eltern ihre Kinder inzwischen lieber dadurch, dass sie selbst einen Teil der Ausbildung finanzieren. Ein Drittel der Eltern mit höherem Bildungsabschluss wendete demnach im vergangenen Jahr mehr als 100 Mark im Monat für Nachhilfe oder ähnliche Maßnahmen auf. Rund 70 Prozent der Befragten sind bereit, für eine bessere Hochschulbildung Gebühren zu bezahlen. Trotz der hohen Akzeptanz einer Studiengebühr bevorzugen 65 Prozent der Bürger weiterhin ein rein staatliches Hochschulsystem.

Als äußerst wichtig empfinden die Befragten die Themen rund um die Familie. Während in den neuen Bundesländern 60 Prozent der Menschen mit den Möglichkeiten der Kinderbetreuung zufrieden sind, teilen in den alten Bundesländern nur 38 Prozent diese Einschätzung. So wollen 86 Prozent der berufstätigen Mütter mit Kindern im Vorschulalter mehr arbeiten. Für die Mehrzahl der Befragten stellt die mangelnde Infrastruktur für Kinderbetreuung hierbei den entscheidenden Hinderungsgrund dar.

Eine Reform der Altersvorsorge halten 90 Prozent der Befragten für notwendig. Der gleiche Anteil der Befragten gibt an zu wissen, dass künftig verstärkt privat fürs Alter vorgesorgt werden muss. Nur 40 Prozent begrüßen jedoch die neue Entwicklung hin zur privaten Altersvorsorge. Rund ein Drittel der Teilnehmer an der Befragung fühlt sich in Fragen der Geld- und Vermögensanlagen unsicher. Fast die Hälfte der Bürger mit formal niedrigem Bildungsgrad sind bei Anlagenentscheidungen unsicher. Mehr als ein Viertel der Befragten geben an, im vergangenen Jahr weniger als 1000 Mark gespart zu haben.

Um internettypische Verzerrung auszugleichen und damit repräsentative Aussagen treffen zu können, haben die Initiatoren namhafte Wissenschaftler um Unterstützung bei der Umfrage gebeten. "Wir haben ein Meinungsforschungsinstitut mit einer repräsentativen Offline-Befragung beauftragt", sagte Hans Gersbach, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg. Die Ergebnisse der persönlichen Befragungen dienten im Folgenden als Basis, um Verzerrungen in der Online-Umfrage zu beheben. In Zusammenarbeit mit dem Nobelpreisträger für Wirtschaft, Daniel McFadden, sei es gelungen, die Internetbefragung gänzlich von sogenannten Teilnahmeverzerrungen zu befreien.

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