Internetriese Google wird umgebaut : Was ändert sich mit Alphabet?

Der Internetkonzern Google spaltet sich auf und bekommt eine Holding, die den Namen Alphabet trägt. Was wird der Konzernumbau bringen?

von
Alphabet wird die Holding heißen, unter deren Dach das Kerngeschäft von Google und weitere Unternehmungen schlüpfen. REUTERS/Pascal Rossignol
Alphabet wird die Holding heißen, unter deren Dach das Kerngeschäft von Google und weitere Unternehmungen schlüpfen. ...Foto: Pascal Rossignol/Reuters

Auch Unternehmen kommen in die Jahre und werden fett, selbst Google ist es so ergangen. Um den 1998 gegründeten Internetkonzern wieder schlanker und beweglicher im Wettbewerb zu machen, geben die Gründer Larry Page und Sergey Brin Google eine neue Struktur.

Was genau plant Google?
Die vielen Geschäfte und Beteiligungen der als Internetsuchmaschine gestarteten Firma, die 2014 auf einen Umsatz von 60 Milliarden Euro kam, werden unter dem Dach einer neuen Holding geordnet, die den Namen Alphabet trägt. Das Webgeschäft mit der Suchmaschine und der Onlinewerbung, die 90 Prozent des Umsatzes ausmacht, soll von neuen Unternehmungen wie fahrerlosen Autos, der Finanzierung von Start-ups, Computerbrillen oder Drohnen getrennt werden. Das Kerngeschäft heißt weiter Google, wandert aber unter das Dach der Alphabet-Holding. Geführt wird Google von Sundar Pichai. Der 43-Jährige gilt als rechte Hand von Larry Page im Webbereich und bekam zuletzt immer mehr Verantwortung übertragen.

Die neue Struktur des Internetkonzerns
Die neue Struktur des InternetkonzernsFoto:René Reinheckel/Tsp

Beim Webgeschäft sollen auch die Videoplattform YouTube, das Smartphonesystem Android, die Apps, die digitalen Karten sowie die zugehörige technische Infrastruktur bleiben. Der Spezialist für Heimvernetzung Nest oder das Innovationslabor Google X werden aus dem alten Google-Konzern ausgegliedert und zu eigenen Unternehmen innerhalb von Alphabet. Zu den eigenständigen Bereichen zählen auch die Gesundheitstochter Calico oder der Glasfasernetzbetreiber Fiber.

Alphabet sei im Grunde eine Ansammlung von Unternehmen, erklärte Larry Page in einem Blogeintrag mit dem Titel „G is for Google“. Der Name sei wegen seiner Bedeutung als „eine Sammlung von Buchstaben, die die Sprache ausmachen“, gewählt worden, „eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheit“ und zudem der Kern der Schlagworterstellung bei Googles Suchmaschine.

Was bedeutet das für Nutzer und Aktionäre?

Für die Nutzer von Google-Diensten ändert sich nichts. Suchmaschine, YouTube oder Android funktionieren wie immer. Google-Aktionäre werden den Umbau jedoch bemerken: Sie bekommen statt Google-Aktien die Papiere von Alphabet mit denselben Rechten. Alphabet wird Google bis Jahresende als börsennotierte Gesellschaft ablösen. Die Aktien sollen weiter an der US-Technologiebörse Nasdaq gehandelt werden.

Welche Vorteile hat die neue Struktur für den Konzern?

„Google ist längst viel mehr als eine Suchmaschine – das soll die neue Konzernstruktur unterstreichen“, sagt Ralf Kaumanns, Digitalexperte und Kenner des US-Konzerns. Zukunftsgeschäfte, die mit der eigentlichen Google-Suche wenig zu tun hätten, würden nun selbstständiger, transparenter und flexibler geführt. Wohl auch, um mögliche Partner zu finden – oder sie im Fall des Misserfolgs schneller wieder loszuwerden. „Der Umbau folgt einem langfristig strategischen Ziel: Alphabet kann neue Geschäfte aufbauen, finanziell ausstatten – und wieder einschlafen lassen, ohne dass die Marke Google Schaden nimmt.“ Eine Versicherung von Alphabet oder eine Hotelkette? Unter dem Holdingdach ist alles möglich. Auch in Haftungsfragen werde der Google- Kern in Zukunft besser geschützt, glaubt Kaumanns. „Wenn es zum Beispiel Unfälle mit selbst fahrenden Autos gibt, wird nicht Google, sondern nur die Alphabet-Abteilung in Mitleidenschaft gezogen.“ Ganz freiwillig bauten Page und Brin Google allerdings wohl nicht um. Die Marke sei zwar nach wie vor stark, aber nicht allmächtig. „Man kann nicht überall Google drüberstülpen“, sagt Kaumanns. Das belege zum Beispiel Nexus, eine Serie von auf Android basierenden Google-Smartphones und -Tablets, die der US-Konzern von Auftragsherstellern produzieren lässt. „Trotz der Power von Google ist Nexus am Markt nicht geflogen“, sagt der Experte. „Der Druck der Börse ist spürbar, sie verlangt mehr Transparenz.“ Entsprechend groß war die Freude am Dienstag: Die Google-Aktie machte einen Kurssprung nach oben.

Es sei freilich noch völlig offen, ob Alphabet das Versprechen für mehr Transparenz auch einhalte und künftig mehr Informationen über die vielen Geschäfte preisgebe, sagt Kaumanns. „Vielleicht ist der neue Konzern auch noch verschlossener.“ Das glaubt auch Heiko Giermann, Gesellschaftsrechtler in der Düsseldorfer Kanzlei FPS: „Es ist zu vermuten, dass eine Holdingstruktur die Transparenz nicht vergrößert. Dafür spricht zum Beispiel, dass YouTube bei Google bleiben soll. So lässt sich ein etwaiger Misserfolg gegebenenfalls verschleiern.“ Nicht zuletzt dürfte Google in seiner verzweigten Holdingstruktur steuerliche Vorteile nutzen. „Alphabet wird weltweit Steuerpflichten noch besser minimieren oder Abschreibungsmöglichkeiten nutzen können“, glaubt Giermann.

Gibt es Vorbilder bei anderen Konzernen?

Google orientiert sich an anderen Konglomeraten wie der Firma Berkshire Hathaway von Starinvestor Warren Buffett oder General Electric. Diese verfügen über eine Zentrale, die sich unternehmensweit um die Finanzen kümmert, ansonsten den einzelnen Bereichen jedoch eine weitreichende Unabhängigkeit gewährt. Ähnlich soll es auch bei Google laufen. Finanzchefin Ruth Porat, die erst im März von Morgan Stanley zu dem Silicon-Valley-Konzern kam, ist für Alphabet, aber auch für die größte Tochter mit dem neuen und alten Namen Google zuständig.

Wie fallen die Reaktionen auf den Google- Umbau aus?

Die Onlinecommunity hatte natürlich schnell eine Antwort parat, nachdem Google von seinen Umbauplänen berichtet hatte. So soll die Alphabet-Holding die Internetadresse abc.xyz bekommen. Unbekannte legten daraufhin abc.wtf an – wenig schmeichelhaft, denn „wtf“ steht für den englischen Ausdruck „what the fuck“ (etwa: „Was für ein Mist“ oder „Was soll das?“). Die Adresse abc.wtf führt zur Konkurrenzsuchmaschine Bing von Microsoft. Auch Apple-Chef Tim Cook beließ es bei einer kurzen, aber freundlichen Reaktion: „Glückwunsch zur Beförderung!“ schrieb er dem neuen Chef des „kleinen“ Google, Sundar Pichai.

Die EU-Kommission erklärte, dass ihre Wettbewerbsverfahren gegen Google unabhängig vom Konzernaufbau geführt würden. „Ein Unternehmen schirmt sich durch Änderungen der Firmenstruktur nicht von einer Wettbewerbsuntersuchung ab.“ Soweit der Kommission bekannt, habe der Google-Umbau nichts mit den Ermittlungen der Kartellwächter zu tun. Die Wettbewerbshüter vermuten ein unfaires Vorgehen gegen Rivalen bei Shoppingangeboten.

Die Internetseite des neuen Google- Dachkonzerns war noch keine 24 Stunden online, da wurde sie in China bereits gesperrt. Obwohl auf der Internetseite bisher nur die Erklärung von Larry Page zu lesen war, konnten Technikfans in China seinen Brief nur mit etwas Glück in den ersten Stunden nach Freischaltung einsehen. Danach war die Seite in dem Land mit der strengen Medienzensur nicht mehr aufrufbar. (mit rtr/dpa/AFP)

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben