Wirtschaft : Intershop: Das Kursdebakel schweißt die Mitarbeiter zusammen

Henrik Mortsiefer

Kursverluste am Neuen Markt bewegen nicht nur die Anleger. Auch die Beschäftigten der betroffenen Unternehmen sind irritiert. Mitarbeiteraktien sind wertlos geworden, Stock-Options büßen an Attraktivität ein, die Mitbestimmung wird diskutiert. Drei Beispiele aus Berlin

"Geschäftsmodelle halten nicht für die Ewigkeit", sagt Sigram Schindler. "Wenn nötig, muss man sich rechtzeitig neu orientieren." Der Chef des Berliner Technologie-Unternehmens Teles AG hat einschlägige Erfahrungen gesammelt. Teles hat sich in seiner Geschichte mehrfach neu positioniert, zuletzt wurde das ehemalige Kerngeschäft mit ISDN-Anlagen verkauft. Schindler hofft, dass die Börse es honoriert. Der Chef sitzt mit der Teles-Belegschaft in einem Boot, denn alle rund 800 Mitarbeiter sind Aktionäre des Unternehmens. Sie mussten erleben, wie die am Neuen Markt notierte Aktie abstürzte: Im Jahr 2000 von gut 40 auf knapp 3,70 Euro. "Das ist schon ein Problem", räumt Schindler ein. Aber an der Mitarbeiterbeteiligung will er trotzdem festhalten, "schon aus sozialen Gründen". Die Diskussion in den USA, welchen Sinn Stock-Options-Programme nach dem Börsencrash noch machen, könne nicht auf die deutsche New Economy übertragen werden. "Für eine Abkehr von der aufkommenden Mitarbeiterbeteiligung ist es viel zu früh", sagt Schindler. Während man in den USA auf jeder Party einen neuen Job finde, solidarisierten sich die Mitarbeiter-Aktionäre in Deutschland stärker mit ihrer Firma. Will sagen: Das Kursdebakel schweißt zusammen. "Kein böses Wort" sei bei der letzten Weihnachtsfeier gefallen, freut sich der Teles-Chef. Ein Betriebsrat? "Wir sind ein sehr kommunikatives Unternehmen", wehrt Schindler ab.

Kommunikativ geht es auch beim Berliner Software-Haus PSI zu - mit Betriebsrat. Das 1969 in Berlin gegründete Unternehmen, das mehr als 1300 Mitarbeiter an 16 Standorten im In- und Ausland beschäftigt, zählt zu den wenigen Firmen am Neuen Markt, die eine organisierte Belegschaftsvertretung haben. PSI setzt damit eine lange Mitbestimmungs-Tradition fort. "Vorstand und Belegschaft haben seit den Gründertagen den Anspruch, gemeinsam am Erfolg teilzuhaben", sagt Reinhold Kimm, Betriebsratsvorsitzender im Berliner Stammhaus. Die Verluste am Neuen Markt, die auch die PSI-Aktie unter Druck gesetzt haben, bewegen die zu großen Teilen am Unternehmen beteiligte Belegschaft wenig. Gestritten wird Kimm zufolge über ein naheliegenderes Problem der High-Tech-Branche: "Wie gehen wir mit der enormen Arbeitsbelastung oder fehlenden Arbeitszeitmodellen um?" Das Ende 2000 neu aufgelegte PSI-Stock-Options-Programm hat der Betriebsrat mitgestaltet. "Die Nachfrage nach Mitarbeiteraktien war groß", sagt Investor-Relations-Mann Karsten Pierschke. "Viele haben sich über die niedrigen Einstiegskurse gefreut."

Ein "ordentliches Betriebsklima auch ohne Betriebsrat" bescheinigt Dieter Küchler, Vorstandschef der Lipro AG, seinem Software-Unternehmen. Kleine Teams sorgten für kurze Kommunikationswege. Das zuletzt durch Zukäufe stark gewachsene Haus musste ebenfalls am Neuen Markt Federn lassen. "Die Zeit der leichtfüßigen Kapitalbeschaffung ist vorbei." Die Entlohnung orientiert sich auch bei Lipro am Erfolg. Der Aktienanteil ist aber vergleichweise gering. Küchler: "So stürzen unsere Beschäftigten bei Kursverlusten nicht ins Bodenlose."

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