Wirtschaft : Intershop: Die Anleger zweifeln an dem Softwarehersteller

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Die Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Softwareherstellers Intershop wachsen. Analysten und Aktionäre äußerten sich auf der Hauptversammlung des Jenaer Unternehmens am Mittwoch skeptisch darüber, ob Intershop die selbst gesteckten Ziele bei Umsatz und Ertrag in diesem Jahr erreichenkann. Die Anteilseigner warfen dem Vorstand "Selbstüberschätzung und Realitätsferne" vor. Intershop will nach dem Umsatzeinbruch im Jahr 2000 im vierten Quartal dieses Jahres Gewinne erwirtschaften.

Intershop werde die Verluste aus dem Vorjahr in diesem Jahr noch übertreffen, kündigte Vorstand Wilfried Beeck an. Nachdem das Unternehmen bereits im ersten Quartal 2001 mit einem Minus von rund 35 Millionen Euro annähernd den Gesamtverlust des Vorjahres verbucht habe, sei mit einem schlechteren Gesamtergebnis zu rechnen. Der Vorstand halte an dem Ziel fest, im vierten Quartal die Gewinnzone zu erreichen. Das werde jedoch nicht ausreichen, um die Verluste der übrigen Monate auszugleichen. Die Intershop-Aktie ging am Mittwoch auf Berg- und Talfahrt.

Die gute Nachricht: Intershop konnte am Morgen einen neuen Auftrag bekanntgeben. Das Online-Handelsportal BOL, eine Tochte der Direct-Group Bertelsmann, werde auf die Software "Enfinity" von Intershop umgestellt. Das Auftragsvolumen belaufe sich auf mehreren Millionen Euro. Nähere Angaben zur Summe machte Intershop nicht.

Die schlechte Nachricht, dass Intershop die Verluste aus dem vergangenen Jahr noch übertreffen werde, sei bereits vom Markt erwartet worden, sagte Oliver Wrangel, Analyst vom Bankhaus Merck Finck. "Es war sehr ungeschickt, wie das vom Vorstand präsentiert wurde." Dies habe wohl viele Kleinanleger zu Verkäufen veranlasst. Bis gegen Abend lag die Intershop-Aktie bei 4,04 Euro mit 1,7 Prozent im Minus.

Intershop-Gründer und Vorstandschef Stephan Schambach trat blass und beklommen vor die Aktionäre, deren Vermögen innerhalb weniger Monate um mehr als 90 Prozent geschrumpft ist. "Lassen Sie uns gemeinsam diese schwierigen Zeiten durchstehen, um schnellstmöglich wieder an die erlangten Erfolge anzuknüpfen." Bis Ende des dritten Quartals 2000 habe Intershop alle Erwartungen hinsichtlich Umsatzsteigerung und Ergebnis erreicht. Die Aktie des einst gefeierten ostdeutschen Unternehmens kletterte damals von unter zehn auf mehr als 100 Euro. Dann kam der Absatzeinbruch in den USA. Aus dem erwarteten Gewinn wurde ein Verlust von 39 Millionen Euro. Die Aktie stürzte ab.

"Durch Selbstüberschätzung und Realitätsferne ist dieses Unternehmen an den Abgrund geführt worden", sagte Jens-Uwe Nölle von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Es blieben die einzigen scharfen Worte auf der Hauptversammlung. Der Vorstand habe sich gut präsentiert, sagte Nölle. Doch sei er nicht restlos überzeugt, dass Intershop aus dem Umsatzloch herauskomme. "Aber Chancen sehe ich noch."

Analystin Michelle Lang vom Bankhaus Sal. Oppenheim ist skeptisch, ob Intershop die Wende schafft. Sie geht noch nicht davon aus, dass die Gewinnschwelle wie angekündigt im vierten Quartal erreicht wird. "Ich sage nicht, dass Intershop es nicht schafft, aber es wird sehr schwer", sagte Lang. "Das Unternehmen muss beweisen, dass es ihm nicht nur gelingt, die Kosten zu senken, sondern auch die Umsätze zu steigern." Gelinge es nicht, die eigenen Ziele zu erreichen, werde es 2002 kritisch. Dann sei Intershop ein Übernahmekandidat. "Noch reicht das Liquiditätspolster, aber im kommenden Jahr wird es dann eng." Um sich weitere Liquidität zu beschaffen hat der Vorstand den Aktionären vorgeschlagen, Wandelanleihen im Volumen von 500 Millionen Euro auszugeben. Oliver Wrangel von Merck Finck erwartet keine große Nachfrage: "Ich sehe wenig Chancen, dass Intershop Anleihen am Markt platzieren kann."

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