Wirtschaft : Intershop: Kommentar: Noch ein Risikopapier

Antje Sirleschtov

Ein Mythos verblasst. Bis zum Wochenende reihte sich Intershop noch in die Gruppe der substanzhaltigen und glaubwürdigen Technologiewerte ein: Die Software-Produkte der Jenaer sind am Markt anerkannt, das Unternehmen darf sich als Nummer Eins unter den Entwicklern von Plattformen für den elektronischen Handel bezeichnen, und selbst die überraschende Gewinnwarnung vom zurückliegenden Jahresende kratzte nicht am seriösen Ruf des Managements.

Seit gestern morgen zählt all das nicht mehr. Intershop musste abermals zugeben, dass dem Unternehmen nicht nur die Kosten davon laufen, sondern auch der Markt wegbricht. Ein erheblicher Umsatzrückgang in Amerika und vage Vermutungen für die Zukunft in Europa: Die Aktionäre verabschiedeten sich beinahe panisch aus dem einstigen Hoffnungswert, der Kurs der Aktie sank binnen Stunden unter vier Euro, und aus dem schillernden Wachstumstitel wurde im Handumdrehen ein Risikopapier.

Zugegeben, Intershop folgt dem Trend. Beinahe alle Unternehmen der New Economy, die im Umfeld des Internetbooms agieren, verlieren derzeit an Wert. Auch Intershop hängt mit seinen Produkten an Märkten, die erkannt haben, dass Überkapazitäten aufgebaut wurden und nun auf die Investitionsbremse treten. Dass die Jenaer ihre Geschäftsprognosen nicht einlösen können, war insofern zu erwarten. Alarmierend ist jedoch, dass sich nun auch die sonst konservativ - ja beinahe vorsichtig - kalkulierenden Intershoper nur wenige Wochen nach Abgabe ihrer Jahresprognose erneut korrigieren. Statt klarer Schnitte offenbart das Jenaer Management seinen Aktionären scheibchenweise die Wahrheit über den Auftragsbestand und dessen Wert - und setzt sich letztlich selbst dem Ruf aus, zu jenen unsicheren Kantonisten zu gehören, die einst vom Boom des Neuen Marktes verdeckt und nun in Krisenzeiten an die Oberfläche gespült werden.

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