Wirtschaft : Intershop: Vorstandschef zieht sich zurück

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Intershop-Vorstandschef und Mitbegründer Stephan Schambach zieht sich aus der unmittelbaren operativen Verantwortung für das Unternehmen zurück und gibt diese Aufgaben an Mitbegründer und Finanzchef Wilfried Beeck ab, der ab sofort als "Chief Operating Officer" fungiert. Schambach zieht damit die Konsequenzen aus dem enttäuschenden Jahresabschluss des einst hochgelobten Software-Unternehmens und dem damit verbundenen Kurseinbruch der Aktie. Im vierten Quartal 2001 will Intershop erstmals schwarze Zahlen schreiben. Für das gesamte Jahr aber rechnet Beeck, wie er am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz sagte, mit einem Nettoverlust von 38 Millionen Euro, genauso viel wie 2000. Der Umsatz soll nur moderat um 20 Prozent steigen.

Schambach selbst wollte seinen Teilrückzug nicht erläutern. Trotz der schwierigen Lage des Unternehmens erschien er nicht auf der Pressekonferenz. Er widmet sich stattdessen Kundengesprächen in den USA. Finanzchef Beeck betonte aber, Schambach werde sich nicht aus dem Unternehmen zurückziehen. "Wir wollen die Aufgaben auf mehr Schultern verteilen. Herr Schambach wird sich weiter um Produktentwicklung und Strategie vor allem in den USA kümmern." Seit das Unternehmen in die Krise geraten und der Aktienkurs abgestürzt ist, hat sich Schambach nur selten in der Öffentlichkeit geäußert. Er ist mit einem Anteil von zwölf Prozent auch größter Einzelaktionär des Unternehmens. Beeck betonte im Übrigen ausdrücklich, dass keines der fünf Gründungsmitglieder in den letzten zwölf Monaten Aktien verkauft habe.

Nach Ansicht von Beeck und dem neuen Europa-Chef Michael Tsifidaris verfügt Intershop über die beste Software für Vertriebslösungen im Internet. "Wir haben das beste Produkt im Markt und niemand merkt es", sagte Tsifidaris. "Alle unsere Partner, wie etwa Tchibo oder der Otto-Versand, verdienen durch die Anwendung von Intershop-Software Geld." Deswegen müsse Intershop die Botschaft über die eigenen Produkte vereinfachen. Die Marketing-Strategie werde so verändert, dass das Unternehmen aus seiner jetzigen Nischenposition heraus kommt. Zugleich werde die Organisation umgebaut. Bereits im Januar wurden 200 Mitarbeiter entlassen. Derzeit zählt Intershop rund 1100 Mitarbeiter, in Zukunft sollen es maximal 1200 sein. In den USA will sich das Unternehmen auf den Vertrieb konzentrieren und dabei vor allem über Partnerschaften vorankommen. Allerdings wird das US-Geschäft auch in diesem Jahr kaum auf Touren kommen. "Das wird für lange Zeit auf niedrigem Niveau stattfinden." Der Anteil des US-Geschäfts am Gesamtumsatz werde im Jahr 2001 von 30 auf nur noch 20 Prozent schrumpfen, sagt Beeck. Absolut gesehen dürfte er damit von knapp 38 Millionen Euro auf kaum mehr als 29 Millionen Euro zurückgehen.

Zum Geschäftsverlauf im ersten Quartal wollte Beeck keine Angaben machen. Klar sei aber, dass man aus dem Stand heraus den Umsatz nicht so schnell werde steigern können. Nach den gewaltigen Zuwachsraten der vergangenen Jahre - in 2000 gab es ein Plus von 166 Prozent auf 123 Millionen Euro - rechnet Beeck in 2001 mit einem Zuwachs auf 140, eventuell auf 160 Millionen Euro. Dabei wird Intershop auch auf Grund der Restrukturierungskosten, allein vier bis fünf Millionen Euro im ersten Quartal, einen ähnlich hohen Netto-Verlust einfahren wie 2000. Im vergangenen Jahr erhöhte sich das Minus von 18,4 auf 38,9 Millionen Euro. Ein Risiko bergen auch die in den USA von Anlegern eingereichten Sammelklagen. Dafür hat das Unternehmen einen siebenstelligen Betrag zurückgestellt. Den dramatischen Geschäftseinbruch im vergangenen Jahr begründet Beeck mit der Ernüchterung bei vielen Internet-Firmen, mit dem Konjunkturabschwung in den USA und mit der Investitonszurückhaltung der Kunden.

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