Interview : „Allein wohnen heißt nicht, allein zu sein“

Herr Schneider, immer mehr Menschen in Deutschland leben allein. Woran liegt das?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Der Anstieg der Einpersonenhaushalte betrifft in erster Linie die 35- bis 55-Jährigen und die über 70-Jährigen. Bei der mittleren Altersgruppe liegt das vor allem an der Zunahme der Scheidungen. Meist bleibt ein Partner allein zurück, in der Regel der Mann. Bei den älteren Alleinwohnenden sind 52 Prozent weiblich, weil die Frauen eine höhere Lebenserwartung haben. Dazu kommt, dass vor 50 Jahren die damals unter 35-Jährigen kaum eine andere Lebensform als die Ehe wählen konnten. Heute akzeptiert die Gesellschaft das Alleinwohnen. Weil es teuer ist und eine gute Wohnraumversorgung voraussetzt, ist dieser Trend nur in wohlhabenden Gesellschaften zu sehen.

Wohnen diese Menschen nur allein, oder sind sie allein?

Allein zu wohnen bedeutet nicht, allein zu sein. 30 Prozent der unter 35-Jährigen, die allein wohnen, sind in einer festen Partnerschaft. Dazu kommt eine starke Verbreitung von Fernbeziehungen. Hier gibt es zwei Konzepte: „Long distance relationships“ und „Living apart together“. „Long distance relationships“ sind oft beruflich bedingt, die Menschen leben gezwungenermaßen getrennt. „Living apart together“ steht für ein verändertes Partnerschaftsideal, das stärker auf Autonomie setzt. Auch die steigende Kinderlosigkeit und der Aufschub der Familiengründung spielen eine Rolle. Viele bekommen erst jenseits der 35 Kinder und leben vorher allein. Das liegt auch daran, dass die Ehe als Versorgungsinstitution an Bedeutung verliert. Viele Frauen können heute sehr gut für sich selber sorgen.

Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Alleinwohnen ist kein Indikator für Vereinzelung oder das Verschwinden der Familie. Die Entwicklung zeigt vielmehr, dass institutionelle Vorgaben an Bedeutung eingebüßt haben und man freier entscheiden kann, wie man leben will.

Hat die Familie als Lebensform ausgedient?

Nein, die Familie wandelt sich. Neben der klassischen Kernfamilie haben sich viele andere Lebensformen etabliert. Familie verliert nicht an Bedeutung, sie gewinnt an Vielfalt. Dennoch gibt es immer mehr Haushalte ohne Kinder. Deutschland hat den höchsten Anteil dauerhaft kinderloser Frauen weltweit. Das ist ziemlich dramatisch. Aber auch Alleinwohnende können ja Kinder haben. Familie ist heute nicht mehr so stark auf den Haushalt beschränkt und endet auch nicht mit Scheidung. Sie hat zunehmend den Charakter von sozialen Netzwerken.

Wie werden wir in der Zukunft leben?

Wir werden weiter in Familien leben, aber die Lebensformen werden sicher abwechslungsreicher, bunter, dynamischer.

Norbert Schneider (54) ist Soziologie-Professor an der Universität Mainz. Seit 2009 leitet er das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. Mit ihm sprach Jahel Mielke.

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