Wirtschaft : Interview: "Anschläge auf Industrieanlagen sind nicht mehr auszuschließen"

Herr Bauer[kann die Münchener Rück als]

Wolf Otto Bauer ist im Vorstand der Münchener Rückversicherung AG zuständig für den Bereich globale Schäden.

Herr Bauer, kann die Münchener Rück als weltgrößter Rückversicherer die Schäden abschätzen, die durch die Terroranschläge in den USA entstanden sind?

Die Bandbreite bei den Schäden ist immer noch sehr groß. Sie reicht von 30 bis 70 Milliarden Dollar. Inklusive davon ausgelöster Folgen für die Aktienmärkte kann man die Summe auch noch höher ansetzen. Wir haben das aber selbst nicht berechnet.

Wie teuer werden die Terroranschläge für die Münchener Rück?

Wir schätzen die Schäden auf rund 2,1 Milliarden Euro und sind zuversichtlich, damit auf der sicheren Seite zu sein. Das ist aber keine endgültige Zahl. Man kann nicht ausschließen, dass noch was hinzu kommt. Aber man kann auch hoffen, dass nicht alles gebraucht wird.

Teilen Sie die Auffassung des Pächters des World Trade Centers (WTC), Larry Silverstein? Er geht ja davon aus, dass der Einsturz der beiden Türme als zwei getrennte Ereignisse zu sehen ist und die Assekuranz deshalb zweimal die volle Versicherungssumme von 3,5 Milliarden Dollar zahlen muss?

Nein, natürlich nicht. Wir vertreten eine andere Rechtsauffassung und gehen von nur einem Ereignis aus. Falls sich unsere Sicht nicht durchsetzt, müssten wir unsere Schadensschätzung von 2,1 Milliarden Euro aber sicher nicht annähernd verdoppeln, weil das WTC-Gebäude nur einen Teil unserer Schäden ausmacht.

Schlägt diese Summe voll auf Ihr Jahresergebnis 2001 durch?

Klar ist, dass wir beim Ergebnis kräftige Einbußen hinnehmen müssen. Wir werden Ende November das Ergebnis unseres dritten Quartals veröffentlichen und uns dann näher dazu äußern. Eine Dividende auf Vorjahreshöhe von 1,25 Euro pro Aktie ist nach wie vor geplant.

Drohen 2001 Verluste?

So kann man das nicht sagen. Ein Spaziergang ist dieser Abschluss aber nicht. Ein Unternehmen wie die Münchener Rück mit Kapitalanlagen im Wert von 165 Milliarden Euro hat aber Möglichkeiten, das Ergebnis in einem gewissen Rahmen gestalten.

Im Streit um die Haftpflichtversicherung von Passagierjets werfen Politiker und Fluggesellschaften der Assekuranz vor, sich aus der Verantwortung zu stehlen, weil keine ausreichende Deckung mehr angeboten wird. Stimmt das?

Niemand stiehlt sich aus der Verantwortung. Passagiere werden ja nach wie vor versichert. Was darüber hinaus an Drittschäden gedeckt werden kann, ist eine andere Frage. Zu sagen, "Was geschehen ist, kümmert uns nicht", wäre ein Hasardspiel. Fliegende Bomben waren in unserer Kalkulation bisher nicht berücksichtigt.

Wie kann der Konflikt denn gelöst werden?

Die Staaten und Regierungen sind dafür verantwortlich, dass Friede und Sicherheit herrscht. Deshalb sind nun auch sie gefordert. Für Versicherer muss eine klare Haftungsgrenze da sein. Was geschieht, ist eine Art Krieg privatwirtschaftlich allein nicht versicherbar.

Planen Sie Terrorklauseln wie in der Luftfahrtversicherung auch in anderen Sparten der Assekuranz?

Ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen, sind Anschläge auf große Industrieanlagen sicher nicht mehr auszuschließen. Auch in derartigen Policen wird man die Haftung pro Ereignis in Zukunft begrenzen, ein Jahreslimit festlegen, Beiträge deutlich erhöhen oder kurze Kündigungsfristen einführen müssen. Davon betroffen sind vor allem die Sparten Sach- und Betriebsunterbrechungsversicherung.

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