Interview : "Arbeitslosigkeit ist wie Salzsäure"

"2010 wird es nicht mehr reichen, auf die klassische Kurzarbeit zu setzen" - Martin Kannegiesser, Präsident von Gesamtmetall, über das Krisenjahr 2010 und Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung.

310095_0_790f152f.jpg
Wer entlassen muss, der sollte nicht an den Pranger gestellt werden, fordert Martin Kannegiesser. -Foto: dpa

Herr Kannegiesser, Sie waren kürzlich für eine Woche in den USA. Wie sieht es da aus, wie laufen die Geschäfte?

Ich habe Kunden besucht, um die Hand am Puls zu halten. Seit mehr als 40 Jahren bin ich regelmäßig in den USA, und man spürt jetzt, dass das Land durch die Krise zerzaust ist. Die Grundstimmung in den großen Familienbetrieben meiner Branchen scheint besser, weil die in den vergangenen Jahren regelmäßig investiert haben und technisch auf einem guten Stand sind. Bei den Großen ist es schwieriger. Die sind permanent durch Zukäufe gewachsen und müssen nun konsolidieren und modernisieren, doch dazu fehlen jetzt die finanziellen Mittel.

Auch bei uns kommen die Familienunternehmen besser durch die Krise.

Trotzdem sollte man die nicht auf den Sockel stellen. Es schält sich aber heraus, was langfristig die richtigen Konzepte sind. Und was unser Geschäft in den USA angeht: In diesem Jahr verlieren wir Geld und der Wechselkurs macht uns zu schaffen. Aber für das nächste Jahr sind wir guter Dinge, weil wir im Trend liegen mit unseren Produkten und weil wir eine gute Mannschaft haben in den USA.

Und zu Hause? Machen Sie Kurzarbeit?

Nein, das ist auch nicht in Sicht. Trotzdem spüren auch wir die Krise.

Gibt es einen Verlust in diesem Jahr?

Nein.

Offenbar ein besonders gut geführtes Unternehmen.

Na ja, da kommen verschiedene Faktoren zusammen, wie Marktsituation und Marktstellung. Die Mannschaft ist gut, vor allem die Flexibilität ist enorm. Wir segeln hart am Wind, und wenn sich ein Kunde kurzfristig entscheidet, dann finden wir fast immer eine Lösung. Wir werden in diesem Jahr weniger Umsatz machen, doch wir müssen niemanden entlassen und kommen derzeit auch ohne Kürzungen bei den Personalkosten zurecht.

2010 wird vermutlich schlimmer als 2009 – wie stellen Sie sich darauf ein?

Das eine oder andere Projekt wird natürlich überdacht. Manche Investitionen sind riskant, da bekommt man schon mal Zweifel. Aber wenn es irgendwie geht, dann sollte man an der Produktentwicklung auf keinen Fall sparen.

Wie problematisch ist die Finanzierung?

Die ist nach wie vor schwierig. Im Übrigen auch bei Kunden, bei denen wir das früher nicht gewohnt waren. Denen müssen wir bei der Finanzierung helfen, wozu wir mit Banken zusammenarbeiten. Aber wir können das auch nur leisten, weil wir eine gute Eigenkapitalausstattung haben. Nur so können wir auch mit ins Risiko gehen.

Scheuen die Banken das Risiko?

Risiko und haftendes Kapital waren völlig aus der Balance geraten – eine wesentliche Ursache für die Krise. Das darf so nicht mehr passieren. Allerdings muss jetzt die Versorgung der Realwirtschaft im Vordergrund stehen, selbst wenn reine Finanzgeschäfte eine höhere Rendite versprechen. Außerdem muss das Instrument der Verbriefung wieder stärker gemacht werden. Sie war ja nicht der Grund für die Probleme, sondern die Tatsache, dass die Grundgeschäfte, auf denen sie aufbaute, krank waren.

IG-Metall-Chef Huber schlägt einen Beteiligungsfonds vor, ausgestattet mit den Erlösen einer Zwangsanleihe für Vermögende. Der Fonds könnte dann die schwache Eigenkapitalbasis der Firmen stärken.

Wer soll steuerfinanzierte Zwangsfonds führen und über den Einsatz der Mittel in Konkurrenz zu privaten Fonds und Beteiligungsfonds entscheiden? Solche Zwangsgebilde bewirken meistens Verzerrungen und politische Verfilzungen. Heute machen wir eine Eigenkapitalanleihe, morgen eine Bildungsanleihe, danach eine für das Gesundheitswesen. Da kommt man dann schnell auf das Feld der politischen Beliebigkeit.

Die IG Metall will unbedingt Massenentlassungen verhindern.

Wir sind in der Analyse dicht beieinander und gehen davon aus, dass 2010 schwierig wird. Die meisten Firmen stecken weiter in der Krise. Die langfristigen Perspektiven sehen wir aber positiv. Unsere Branche steht für Technologie, und bei den Megatrends – zum Beispiel Gesundheit, Energieeffizienz, Klimaschutz – sind wir ganz vorn dabei. Zwei, drei gute Jahre liegen hinter uns, in denen wir wettbewerbsfähiger wurden. Daran hat sich nichts geändert, wir müssen jetzt eben durch das Tal durch. Unser Leistungsspektrum ist auch im Vergleich zu anderen Ländern sehr gut. Dafür muss man aber auch eine Menge tun – und das schwere Jahr 2010 überbrücken.

Sinkt die Bedeutung der Industrie?

Nein, obwohl der Wettbewerb aus Schwellenländern wächst und wir uns dort rechtzeitig einnisten müssen. Wir haben in unserer Wirtschaft einen Industrieanteil von 26 Prozent, die Amerikaner von zwölf Prozent. Wir halten unsere Struktur mit den vielen sich ergänzenden Clustern für vorbildlich. Aber wir dürfen auch nicht zwanghaft an überholten Strukturen festhalten. Unsere Webstühle waren auch mal gut, zu Gerhard Hauptmanns Zeiten, aber manches Know-how wird eben nicht mehr oder nur in geringerem Maße benötigt.

Brauchen wir das Opel-Know-how?

Wir hätten regional ein soziales Problem, keine Frage, wenn Opel vom Markt verschwände. Das Know-how aber würde zu einem großen Teil bestehen bleiben, in welcher Form auch immer.

Die Amerikaner helfen General Motors mit 50 Milliarden Dollar, und wir streiten über vergleichsweise geringe Opel-Hilfen.

Im Fall Opel ging es um Erhaltungssubventionen. In den USA gibt es nur noch zwei Autohersteller, und mit den Milliarden versucht die Regierung, General Motors zukunftsfähig zu machen. Das ist eine andere Situation als bei uns.

Zurück zum schwierigen Jahr 2010. Kurzarbeit wird vermutlich nicht mehr reichen, um Massenentlassungen zu vermeiden. Gibt es weitere Instrumente?

Beschäftigung zu halten ist für uns ein ganz großes Ziel. Das fällt für unsere Betriebe unter Zukunftssicherung. Und gesamtgesellschaftlich wirkt Arbeitslosigkeit ja wie Salzsäure, die frisst sich überall durch. Aber: Wenn es nicht mehr anders geht, dann muss man auch umstrukturieren können. Die Firmen dürfen in dem Fall nicht an den Pranger gestellt werden. Arbeitslosigkeit verhindern ohne Verkrustungen zu riskieren, das ist das Motto der Stunde. Alles in allem haben wir in diesem Jahr bisher eine Superleistung gebracht: Die Produktion sinkt um 25 Prozent, aber nur fünf Prozent der Arbeitsplätze wurde abgebaut.

Im Ausland spricht man vom „German Beschäftigungswunder“.

Ja, doch wir müssen wissen, wie wir uns das erkauft haben – nämlich mit viel Geld und einem Wechsel auf die Zukunft, über den Weg gewaltiger Schulden. Es war vor allem die große Übereinstimmung zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Politik, die uns das mit dem Instrument der Kurzarbeit ermöglicht hat. Nur: Ein Instrument bleibt wirkungslos, wenn nicht die Überzeugung auf mittel- und langfristige neue Erfolge dahintersteckt.

Das Modell Deutschland funktioniert also noch, die Kooperation der Sozialpartner und überhaupt der Sozialstaat?

Ja, wir sind gut damit gefahren. Für 2010 mit seiner zunehmenden Differenzierung der wirtschaftlichen Entwicklung in den Betrieben wollen wir nicht allein auf die klassische Kurzarbeit setzen, sondern unserem Tarifvertrag Beschäftigungssicherung eine bessere Chance geben. Dieser Vertrag ermöglicht eine Verkürzung der Arbeitszeit von 35 auf 30 Stunden ohne Lohnausgleich – Arbeitszeit und Personalkosten fallen dann um 14 Prozent, und die Mitarbeiter erhalten im Gegenzug eine Jobgarantie. Dieses Instrument ist von der Kurzarbeit überdeckt worden.

Ist das so schlecht?

Für die Betriebe ist die Anwendung des Tarifvertrags flexibler und kostengünstiger. Deshalb würden wir die Option zu einer Absenkung unter 30 Wochenstunden für richtig halten. Die IG Metall entgegnet uns, dass dann der Einkommensverlust im Vergleich zum Kurzarbeitergeld nicht mehr akzeptabel wäre. Sie schlägt deshalb einen Teillohnausgleich vor, bei dem das Instrument für die Betriebe dann aber zu teuer wäre. Sie regt deshalb an, die auf unter 30 Stunden abgesenkte Wochenarbeitszeit von Sozialversicherungsabgaben für das Jahr 2010 zu befreien. Wir halten diesen Vorschlag für erwägenswert – er würde beim „großen Kurzarbeitergeld“ vermutlich Einsparungen bringen.

Das Gespräch führte Alfons Frese.


KARRIERE

Martin Kannegiesser (68) wurde in Posen geboren und wuchs in Westfalen auf. In Vlotho besitzt er ein Unternehmen für Wäschereitechnik. Kannegiesser übernahm die Firma 1968 von seinem Vater und baute sie zum Weltmarktführer mit rund 1200 Mitarbeitern aus.


FUNKTIONÄR

Seit neun Jahren ist er Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Der mächtigste deutsche Industrieverband ist Gegenspieler der IG Metall. Kannegiesser hat die Flexibilisierung des Flächentarifs forciert. Er wird wegen seiner Sachlichkeit auch in der IG Metall geschätzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben