Interview : "Berlin hat eine starke Anziehungskraft"

Alexander Mettenheimer, Chef der Privatbank Merck Finck & Co, über die Reichen der Hauptstadt, die Risiken der Finanzkrise und die deutsche Steuerpolitik.

Mettenheimer
Alexander Mettenheimer. -Foto: Imago

Herr Mettenheimer, Ihre Bank verwaltet das Geld der Reichen. Lohnt sich das auch in der Hartz-IV-Hauptstadt Berlin?

Die Stadt mag zwar kollektiv arm sein, aber wir schätzen, dass es 10 000 bis 25 000 Vermögensmillionäre und knapp 500 Einkommensmillionäre gibt. Das ist – auf die Gesamtbevölkerung gerechnet – vielleicht etwas weniger als in München oder Hamburg. Aber in Berlin hat sich in den vergangenen Jahren unglaublich viel getan. Mit der Regierung, den Dienstleistern und Verbänden, die hierhergekommen sind, hat sich eine Bevölkerungsschicht ergeben, die sehr gut verdient. Auch einige alteingesessene Unternehmen haben durch die Wandlung der Stadt und die Erweiterung des Marktes sehr viel dazugewonnen.

Welche Bedeutung hat dabei Berlins neue Rolle als Society-Hauptstadt, die Schauspiel-Stars wie Tom Cruise oder Brad Pitt anzieht?

Wir spüren, dass Berlin eine starke Anziehungskraft hat, wenn auch nicht gerade im Gefolge von Brat Pitt, aber doch als Ausdruck solcher Bewegungen. Es gibt Kunden von weit her, die sich eine Wohnung hier kaufen. In den kommenden Jahren wird sich das noch verstärken, weil die jungen Leute Berlin selbstverständlich als Hauptstadt wahrnehmen.

Wie viele Kunden haben Sie in Berlin?

Von unseren insgesamt rund 10 000 Kunden sind etwa 500 im Raum Berlin ansässig. Wir haben die Zahl unserer Kundenbetreuer in der Berliner Niederlassung auf acht aufgestockt. Mittlerweile erwirtschaftet die Niederlassung einen sehr erfreulichen Deckungsbeitrag.

Berlin ist Ihre einzige Niederlassung in Ostdeutschland. Gibt es dort nicht genügend Vermögende, mit denen sich das Geschäft lohnen würde?

Die Trennung in Ost- und Westdeutschland benutze ich eigentlich gar nicht. Aber wir hätten gerne eine Niederlassung in Dresden oder Leipzig. Momentan prüfen wir die Möglichkeiten und suchen ein gutes Team.

Ihr Kapitalgeber, die Kreditbank Luxemburg, verlangt höhere Gewinne von Merck Finck. Schaffen Sie das?

Wir sind auf einem guten Weg. Seit 2005 sind wir in der Gewinnzone. Die Zahl unserer Kundenbetreuer ist von knapp 80 auf heute 150 gestiegen. Ende 2008 sollen es 180 sein. Der Ertrag, den wir erwirtschaften, ist noch nicht bei der Eigenkapitalrendite von 16 Prozent angelangt, die uns vorgegeben ist. Aber wenn unsere Zahlen so kommen, wie wir das erwarten, werden wir das Ziel im Jahr 2009 erreichen. Schon das kommende Jahr planen wir, mit dem besten Ergebnis unserer Geschichte abzuschließen.

Macht Ihnen die aktuelle Finanzkrise nicht zu schaffen?

In unserer Bilanz spüren wir das fast gar nicht. Wir hatten nur eine minimale Position im CDO-Markt, wo Anleihen, Kredite und Derivate in Portfolios gebündelt werden. Diese Position hat gerade mal ein Prozent Wertverlust hingenommen. Aber wir spüren natürlich, dass die Finanzwerte in den Portfolien der Kunden gelitten haben.

Wie weit wird die Krise noch gehen?

Wir haben bisher die Meinung vertreten, dass sich die Finanzkrise nicht in der Realwirtschaft niederschlagen wird. Aber je länger das andauert, desto klarer wird, dass es große Abschreibungen geben wird und dass die Bonuszahlungen an die Investmentbanker deutlich niedriger ausfallen. Dadurch wird es schon Beeinträchtigungen geben, etwa in der Luxusgüterindustrie.

Sind Ihre Kunden verunsichert?

Sie sind höchstens ein bisschen vorsichtiger geworden. Aber trotz der schwierigen Zeiten steht der deutsche Aktienmarkt gut da. Man spürt, da ist nach wie vor Druck nach oben. Die Krise macht unseren Kunden weniger Sorgen als der steuerliche Einfallsreichtum der Bundesregierung.

Sie meinen die Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge, die 2009 kommen soll?

Zum Beispiel. Dabei ist es für die Volkswirtschaft eigentlich keine erfreuliche Situation, wenn der Standort nicht so aufgestellt ist, dass jeder Reiche in der Welt gerne nach Deutschland ziehen will. Wenn Wohlhabende wegziehen, wie es seit Jahren der Fall ist, dann ist irgendetwas nicht in Ordnung.

Laut einer aktuellen Studie verfügen zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland über fast zwei Drittel des gesamten Vermögens. Der Großteil hat dagegen gar kein Vermögen. Ist das gerecht?

In jeder Gesellschaft ist eine Spreizung vorhanden. Je wirtschaftlich unternehmungslustiger die Gesellschaft ist, desto größer ist die Spreizung. Wo es gar keine Spreizung gibt, da gibt es auch keine Motivation. Wo die Spreizung dagegen groß ist, gibt es gesunde Volkswirtschaften. Irgendwo dazwischen muss sich ein Konsens bilden.

Ist die Spreizung in Deutschland eher zu klein oder zu groß?

Ich persönlich würde immer sagen: Je größer die Spreizung, umso besser ist es. Denn dann kann der Einzelne in dem Land auch richtig erfolgreich sein, und das ist eine gute Sache für das Land. Der Traum wäre es, dass alle Bürger unabhängig vom Staat sind. Solange das nicht so ist, müssen wir aber selbstverständlich denen helfen, die sich nicht selbst helfen können.

Können Sie den Unmut derjenigen verstehen, die nicht zu den Reichen gehören und die vielleicht immer weniger bekommen?

Ich kann nachvollziehen, dass es manchmal schmerzhaft ist, wenn zwei zusammen in die Schule gegangen sind und einer dann sehr viel mehr Geld macht als der andere. Subjektiv gibt es immer jemanden, der vermögender ist als man selber. Trotzdem möchte ich in einem Land leben, das insgesamt erfolgreich ist.

Was können vermögende Menschen für die Gesellschaft tun?

Sie tun ja schon etwas. Die oberen zehn Prozent der Steuerpflichtigen zahlen rund die Hälfte des gesamten Einkommensteueraufkommens. Wir brauchen diese Leute. Sie schaffen Arbeitsplätze. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass es möglichst viele Leute gibt, die möglichst viel Geld verdienen.

Heißt das auch, dass große Vermögen möglichst unangetastet von der Steuer vererbt werden sollten?

Wenn das Vermögen vom einen zum anderen übergeht, ändert sich volkswirtschaftlich nichts. Das Kapital ist noch genauso produktiv. Wenn der Staat dabei Geld abkassieren will, nimmt er in Anspruch, besser damit zu arbeiten als der Vermögensinhaber. Ich bezweifle das. Deswegen wäre es besser, die Erbschaftsteuer würde abgeschafft. Vor allem bei Vermögen von ein, zwei oder fünf Millionen Euro, bei denen man gerade so vom Kapital leben kann, ist die Versuchung groß, ins Ausland zu ziehen. Ich bin sicher, dass der Staat mehr Vermögen im Lande halten würde, wenn es keine Erbschaftsteuer gäbe. Langfristig würde unser Land dadurch auch die vier Milliarden Euro Einnahmen zurückbekommen, die die Erbschaftsteuer heute bringt.

Warum spenden Vermögende in Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten immer noch ziemlich wenig?

Das liegt zum Teil auch an den steuerlichen Bedingungen. In den USA können sie zum Beispiel 90 Prozent des Spendenbetrags auf ihre Steuerschuld anrechnen. Ich bin sicher, wenn wir so ein Modell hätten, wäre das sehr positiv. Außerdem ist die Bereitschaft etwas zu tun umso geringer, je höher die Steuerbelastung ist. Wir sind eben keine Bürgergesellschaft. Bei uns ist es der Staat, der sich um Schulbibliotheken und Sportplätze kümmert. Dafür die Hälfte meines Einkommens zu zahlen, mag in Ordnung sein. Wichtiger und richtiger wäre es allerdings, die Investitionsentscheidung dem Vermögenden zu überlassen.

Das Interview führte Stefan Kaiser.

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