Interview : "Die nächsten 30 Jahre werden super"

Maschinenbaupräsident Manfred Wittenstein über Ingenieure und den guten Standort Deutschland.

Wittenstein
In Berlin studiert, als Unternehmer in Baden-Württemberg erfolgreich: Manfred Wittenstein. -Foto: dpa

Herr Wittenstein, wie viele Ingenieure suchen Sie derzeit für Ihr Unternehmen?

Da wir seit 20 Jahren Personalmarketing machen, wissen wir, wie wir unseren Nachwuchs rekrutieren müssen. Deshalb haben wir gegenwärtig auch keine Probleme, Ingenieure und andere Fachkräfte zu bekommen.

In diesem Jahr stellen Sie 150 Personen ein. Gibt es doch keinen Fachkräftemangel?

Mit einer Ausbildungsquote von mehr als zehn Prozent sorgen wir selbst vor. Wir geben ferner Stipendien an talentierte Schüler und führen Wettbewerbe für Jugendliche durch, um das technische Interesse und Verständnis zu fördern. Und wir haben eine Berufsakademie vor unserer Tür in Bad Mergentheim mit neuen Studiengängen – das alles hilft uns, das nötige Personal zu finden.

Ihre Firma baut für den Airbus A380 eine Art Motor, der die Flugzeugtüren öffnet. Wie kommen Sie an so einen Auftrag?

Ende der 80er Jahre haben wir mit der Entwicklung eines intelligenten Getriebes begonnen. Unsere Kernkompetenz sind kleine, leistungsstarke Antriebe, die man auch im Flugzeug einsetzen kann. Zum Beispiel haben wir einen Antrieb für ein Frachtladesystem entwickelt. Später gab es dann die Möglichkeit beim A380, und gemeinsam mit einem Partner haben wir die Chance wahrgenommen.

Sie produzieren auch Medizintechnik, zum Beispiel einen Knochenmarknagel. Wie passt das zu einem Getriebehersteller?

An dem Beispiel sieht man sehr schön, was den Maschinenbau inzwischen auch ausmacht. Life Science gebe es gar nicht ohne Maschinenbau. Der Nagel, der mit dem Knochen wächst, ist Antriebstechnik pur: ein hydraulischer Zylinder mit einem Durchmesser von zwölf Millimetern. Da sind ein Motor drin, Sensorik, Mechanik, ein normales Getriebe, Energie- und Datenübertragung. Alles in allem Technik vom Feinsten.

Und der Nagel hilft beim Wachsen?

Ja, der wird eingesetzt bei Menschen mit einer Wachstumsschwäche. Wenn zum Beispiel ein Bein kürzer ist als das andere oder nach einem Unfall ein Stück Knochen im Ober- oder Unterschenkel fehlt und die Knochen nachwachsen sollen. Die Technik am und im Menschen wird immer interessanter. Wir dringen sogar mit unserer Technologie in den Menschen ein. Und genau dieser Prozess verändert unsere Sicht auf Technik.

Das rasante Wachstum Ihrer Firma basiert auf der Produktion hierzulande. Offenbar ist der Standort gar nicht schlecht.

Ich bin ein eifriger Verfechter des Standorts Deutschland. Wir haben die besten Voraussetzungen. Das Zusammenspiel, das wir hier in der Region mit öffentlichen Stellen haben, ist hervorragend. Wir expandieren und wollen in den kommenden fünf Jahren unseren Umsatz verdoppeln. Und das erforderliche Personal für das Wachstum brauchen wir im Wesentlichen hier in Deutschland.

Wo allerorten Ingenieure gesucht werden.

Ja, im Maschinenbau insgesamt fehlen mindestens 9000 Ingenieure. Doch es gibt auch hoffnungsvolle Trends. Derzeit ändert sich das Image des Ingenieurs. Ingenieursein ist mehr, als irgendwas im stillen Kämmerlein auszurechnen.

Nämlich?

Ein Ingenieur stellt den Menschen Werkzeuge zur Verfügung, mit denen sie etwas Sinnvolles anstellen können. Bei jungen Menschen stellen wir ein zunehmendes Interesse an Technik fest. Vor allem auch bei Mädchen. Noch haben wir viel zu wenige Ingenieurinnen, das ist unser großes Problem. Dabei sind Ingenieure und Ingenieurinnen mit das Wichtigste, was wir in Deutschland haben. Die Ingenieurwissenschaft ist immer auch Teil der Kultur eines Landes und eine wichtige Grundlage für die Entwicklung.

Warum hat sie dann in den vergangenen Jahrzehnten an Attraktivität verloren?

Es gab lange die Einstellung, dass Technologien eher bedrohlich sind. Die Risiken wurden stärker gewichtet als die Chancen. Das ändert sich. Grundsätzlich finde ich es auch nicht schlecht, wenn wir mit einer gewissen Skepsis auf Technologien schauen. Der Vorteil ist, dass wir dann über manche Dinge tiefer nachdenken als andere und dann eben auch die nachhaltigere Lösung entwickeln. Die Probleme auf der Welt, ob Wasser- oder Energieversorgung und Klimawandel, lassen sich aber ohne ingenieurtechnische Leistungen nicht lösen.

Sie fordern die Politik auf, sich stärker um die Industrie zu kümmern. Aber wie?

Es geht sehr stark um Bildung. Wie gehen wir um mit Technik in der Schule? Sind die Ausbildungsgänge zeitgemäß? Wäre es nicht sinnvoll, bei Kindern bereits im Kindergarten spielerisch und mit Experimenten das Interesse zu wecken? In der Ausbildung sollten wir eine Mentalität ausprägen, die Probleme erkennt und sie auch lösen will. Dazu müssen wir Kinder und Jugendliche auf Kompetenzen hin schulen. Wissen, wie es geht, aber mit dem Wissen nichts anfangen können, ist das Gegenteil von Kompetenz.

Haben die mittelständischen Firmen genügend Kompetenz? Kommt der Wissenstransfer, die Kooperation von Wissenschaft und Unternehmen, endlich in Gang?

Der Austausch zwischen Forschung und Industrie ist ausbaufähig. Wobei wir mit Forschungsverbünden gute Erfahrungen haben. Im VDMA haben wir vor 40 Jahren eine Forschungsvereinigung von Mittelständlern zum Thema Antriebstechnik gegründet. Diese Vereinigung ist ein Grund dafür, warum wir bei der Antriebstechnik weltweit vorn liegen. Wenn staatliches Geld in solche Verbünde investiert wird, ist es gut angelegt.

Der Steuerzahler soll dem gut verdienenden Maschinenbau auf die Sprünge helfen?

Es geht darum, dass der Mittelstand auf Grundlagenergebnisse der Ingenieurwissenschaften zurückgreifen kann, um dann so schnell wie möglich mit Produkten auf den Markt zu kommen. Die Anforderungen des Marktes an Schnelligkeit und Zuverlässigkeit der Produkte werden immer größer. Wir sind ja gut aufgestellt in Deutschland, was Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen anbelangt. Wenn wir beides noch besser zusammenbringen, dann schaffen wir eine Beschleunigung in unseren Prozessen.

In der Standortdebatte der vergangenen 15 Jahre wurde vor allem die Kostenbelastung thematisiert, gerade auch in der Industrie. Ist das heute nicht mehr wichtig?

Kosten spielen immer eine Rolle, das gehört zum unternehmerischen Handwerk. Aber das Thema sollte man nicht in den Vordergrund stellen, sonst sieht man womöglich die anderen Punkte nicht: unsere Zuverlässigkeit und Liefertreue, die Qualität und Reaktionsgeschwindigkeit, die uns auszeichnen. Im Zentrum steht das einzigartige Produkt, mit dem wir auf dem Weltmarkt die Kunden überzeugen.

Gegenwärtig geht es dem Maschinenbau so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wann kommt das Ende des Aufschwungs?

Aktuell fahren wir volle Kapazitäten, im Durchschnitt mit rund 92 Prozent, und können hier und da den Weltmarktanteil ausbauen. Wann die nächste Ruhephase kommt, kann derzeit keiner sagen.

Finanzkrise, teurer Euro und hoher Ölpreis – das alles kann den deutschen Maschinenbau nicht stoppen?

Wenn die Weltwirtschaft wächst, dann verkraften wir den hohen Euro. Auf Dauer tut uns das aber natürlich nicht gut, schon heute verlieren wir deswegen hier und da Aufträge. Die Finanzkrise betrifft uns bislang nicht, die Banken haben ihre Kreditvergabe nicht verändert.

Dann schauen Sie also mit Optimismus auf ihre dreijährige Präsidentenzeit?

Der Maschinenbau in Deutschland ist eine absolute Zukunftsbranche. Wir profitieren von der weiteren Globalisierung und der Agenda der Welt: Umwelt, Klima, Gesundheit – dazu braucht man den Maschinenbau. Und wenn wir Deutschen weiter die besten Lösungen haben, dann haben wir eine Superchance für die nächsten 20, 30 Jahre.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

Manfred Wittenstein, 1942 in Berlin geboren, studierte Ingenieurwissenschaften an der TU Berlin. Mitte der 70er Jahre übernahm er die väterliche Firma in der Nähe von Bad Mergentheim an der Tauber und entwickelte sie zu einer Unternehmensgruppe, die bei Getrieben zu den Weltmarktführern zählt. In diesem Jahr steigt die Mitarbeiterzahl um 150 auf 1250.

DER VERBAND

Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) repräsentiert die wichtigste Industriebranche mit gut 920 000 Beschäftigten hierzulande. Wittenstein führt als ehrenamtlicher Präsident den Verband in den kommenden drei Jahren.

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