Interview : "Die richtigen Künstler bringen den Erfolg"

Frank Briegmann ist Deutschland-Chef von Universal Music. Im Tagesspiegel-Interview spricht er über die Krise im Musikgeschäft – und wie man sie lösen kann.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Briegmann.

Danke. Aber wofür?

Die Rolling Stones wechseln von Ihrem Wettbewerber Emi zu Universal Music.

Ja, darüber freuen wir uns. Universal Music wird den Soundtrack zu dem Film "Shine A Light" veröffentlichen, der auf der Berlinale läuft.

Und danach? Gibt es weitere Projekte mit den Stones?

Immer langsam. Zunächst machen wir "Shine A Light", dann sehen wir weiter.

Freut es Sie auch, dass mit Emi gerade einer Ihrer wichtigsten Wettbewerber zerlegt wird?

Schadenfreude ist mir fremd. Das, was bei Emi passiert, ist bedauerlich und für den Markt insgesamt unerfreulich.

Ist die Krise bei Emi symptomatisch für die Lage der Musikbranche, die seit Jahren mit sinkenden Erlösen kämpft?

Nein. Ich kann von außen nicht beurteilen, wie die Situation bei Emi entstanden ist. Und ich will auch nicht darüber spekulieren. Wenn man Universal Music betrachtet, sieht man, wie man auch in einem schwierigen Markt erfolgreich sein kann.

Wir können also davon ausgehen, dass Universal Music nicht wie Emi mit 70 Prozent seiner Künstler kein Geld verdient?

Davon dürfen Sie sicher ausgehen. Das zeigen ja im Übrigen unsere Zahlen.

Heißt das auch, Universal Music hat 2007 die Wende geschafft?

Seit ich 2004 Universal Music übernommen habe, arbeiten wir konsequent daran, unsere Position in einem schwierigen Markt auszubauen. Der deutsche Musikmarkt ist in den vergangenen Jahren geschrumpft. Insbesondere das Geschäft mit den physischen Tonträgern hat gelitten. Erfreulicherweise ist es uns gelungen, uns ein Stück weit von diesem Branchentrend zu entkoppeln. Insbesondere unsere digitalen Geschäfte und unsere Lizenz- und Merchandisingerlöse sind gestiegen.

Unter dem Strich hat Universal Music also den Umsatzrückgang gestoppt?

Unser Umsatz ist im Vergleich zu 2006 stabil geblieben. Das heißt, wir haben unseren Marktanteil gesteigert. 2007 schließen wir mit einem Marktanteil von knapp 35 Prozent ab. Am Ende lebt aber niemand vom Umsatz, sondern vom Ergebnis. Und dieses haben wir seit 2004 jährlich gesteigert.

Was erwarten Sie für 2008?

Ich freue mich auf viele wichtige, große Veröffentlichungen. Es seien hier nur exemplarisch die neuen Alben von Künstlern wie Rosenstolz, Reamonn, Schiller, Anna Netrebko, U2, Rihanna und Nelly Furtado genannt. Daher abgeleitet erwarte ich für Universal Music Deutschland ein weiteres erfolgreiches Geschäftsjahr.

Wie schafft es Universal Music, in diesem schrumpfenden Markt zu wachsen?

Unser Schlüssel zum Erfolg ist, dass wir national wie international in den letzten Jahren in die richtigen Künstler investiert haben. Dafür stehen Namen wie beispielsweise Amy Winehouse, Timbaland, Snow Patrol, Pussycat Dolls oder Mika und in Deutschland zum Beispiel Tokio Hotel, Juli, Jan Delay, Ich + Ich oder Semino Rossi. Außerdem haben wir beim Vertrieb und bei der Vermarktung frühzeitig die richtigen Weichen gestellt und konsequent auf die Kosten geachtet.

Raus aus den klassischen Medien, rein ins Internet?

So radikal sicher nicht, aber wir haben in den vergangenen Jahren verstärkt in den Onlinemarkt investiert. Darüber hinaus haben wir die Wertschöpfungskette verlängert. So haben wir das Berliner Merchandising-Unternehmen Deutschrock übernommen und uns mit dem Kauf der britischen Sanctuary-Group Know-how und Umsatz in den Bereichen Management und Tour ins Haus geholt, um unseren Künstlern noch mehr Service aus einer Hand bieten zu können. Im Übrigen investieren wir in den Aufbau eines Künstlers 100 000 bis 500 000 Euro. Dieses Geld müssen wir über verschiedene Kanäle zurückverdienen.

Einige kümmern sich trotzdem lieber selbst um ihre Vermarktung. Radiohead verkauft sich sehr erfolgreich online. Madonna ist von Warner zum Konzertveranstalter Life Nation gewechselt. Paul McCartney veröffentlicht seine neue CD bei Starbucks. Ist das ein neuer Trend?

„Einige“ ist die richtige Formulierung. Für die Mehrheit trifft das nicht zu. Richtig ist, dass es viele neue Player und Allianzen im Musikmarkt geben wird. Einige kommen aus der Industrie, andere aus dem Live-Bereich oder aus der digitalen Welt.Übrigens sind Madonna und Paul McCartney nicht in die Selbstständigkeit, sondern zu anderen Playern gewechselt. Und gestatten Sie mir die Anmerkung, dass die Starbucks-CD von Paul McCartney von Universal Music vermarktet wird.

Nennen Sie uns drei gute Gründe, warum man sich noch eine CD kaufen sollte?

Die beste Antwort darauf könnten Ihnen die Kunden geben. Knapp 90 Prozent unseres Umsatzes machen wir immer noch über CDs. Die CD bietet eine bessere Tonqualität als ein MP3, und Sie bekommen je nach Ausstattung Texte, Booklets oder Bücher und Fotos dazu.

Meinen Sie, damit einen 17-Jährigen zu überzeugen, der sich seine Musik aus dem Netz zieht – legal oder illegal?

Jüngere Menschen sind affiner, Musik digital zu erwerben. Dass 1,5 Millionen junge Fans eine Tokio-Hotel-CD gekauft haben, spricht allerdings für sich.

Musik spielt eine immer größere Rolle im Leben der Menschen, aber die, die sie vermarkten, verdienen immer weniger damit.

Schauen Sie sich die Social-Networks im Internet an wie MySpace, YouTube, Facebook und wie sie alle heißen. Immer mehr Menschen definieren sich mithilfe von Musik und suchen darüber Gleichgesinnte. Die Plattformen, auf denen Musik verbreitet wird, haben auch deshalb gigantische Unternehmenswerte erreicht – zum Teil aber auf der Basis von Rechtsverletzungen. Wir müssen also die Frage beantworten, wie solche Internet-Plattformen die genutzte Musik denen vergüten, die sie machen beziehungsweise die Rechte halten.

Und haben Sie eine Antwort?

Ein gutes Beispiel ist YouTube. Mit denen haben wir klare Vereinbarungen getroffen. Dort gibt es einen Universal-Music-Kanal. Jedes Mal, wenn dort ein Musikvideo läuft, werden wir vergütet. Mit E-Plus bieten wir erfolgreich einen Kombitarif an, mit dem Handynutzer Zugriff auf bestimmte Songs aus unserem Repertoire haben. Das wäre auch mit anderen Providern ausbaufähig.. Es lassen sich also legale Modelle finden. Dass wir auf der anderen Seite gegen diejenigen vorgehen, die nicht bereit sind, die Rechteinhaber zu vergüten, sehe ich als selbstverständlich an.

Reicht die Verschärfung des Urheberrechts, die jetzt in Kraft getreten ist?

Das reicht nicht. So schützt Frankreich die Urheberrechte wesentlich konsequenter. Dort werden die Internet-Provider vom Staatspräsidenten mit in die Verantwortung genommen, illegale Musiknutzung aufzudecken.

Das Gespräch führten Moritz Honert und Henrik Mortsiefer.

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