Interview : „E-Mobilität hat eine große Zukunft“

BMW-Motorradchef Hendrik von Kuenheim über das neue Tourenmotorrad, große Roller und die Chancen von Elektro-Bikes.

Hendrik von Kuenheim, hier vor der BMW-Zentrale in München, ist der Sohn des langjährigen Vorstandschefs Eberhard von Kuenheim.
Hendrik von Kuenheim, hier vor der BMW-Zentrale in München, ist der Sohn des langjährigen Vorstandschefs Eberhard von Kuenheim.Foto: promo

Herr von Kuenheim, Sie haben mal gesagt: Für BMW ist dauerhafter Erfolg auch von einem wachsenden Motorradmarkt abhängig. Doch der Markt schrumpft. Wie sieht es für BMW Motorrad nach der Krise aus?
Umso größer der Kuchen, umso besser ist es natürlich auch für BMW Motorrad. Leider ist der Kuchen kleiner geworden. Schon das Jahr 2008 war vom rückgängigen Markt betroffen. Im Gegensatz zum Pkw ist bis heute noch keine Erholung auf dem Motorradmarkt zu erkennen. Jeder einzelne Monat im vergangenen Jahr war im Minus. Im Januar gab es ein weltweites Minus von sechs Prozent bei Motorrädern über 500 Kubik. In diesem Umfeld konnte BMW Motorrad seinen Marktanteil in Deutschland deutlich steigern.

Und wie sieht es in anderen Ländern aus?
In Südafrika kommen wir sogar auf einen Marktanteil von rund 40 Prozent. In Italien liegen wir bei 20 Prozent, in anderen Ländern haben wir ein Viertel des Marktes. In zwölf Ländern sind wir Volumenführer. Das, was Toyota im Pkw-Geschäft ist, ist BMW im Motorradgeschäft. Trotzdem betrachte ich das Motorradgeschäft mit Sorge. Wir wissen nicht, wann die Talsohle erreicht ist.

Was hat BMW für eine Strategie?
Wir müssen die Krise durch zusätzliche Produktangebote und Wachstum in neuen Märkten wie zum Beispiel in Brasilien kompensieren. Ende 2009 begannen wir dort mit der Produktion der G 650 GS. Vor kurzem startete dort die Fertigung des zweiten Modells. 2010 haben wir in Brasilien 3000 Motorräder verkauft.

Mit der im Vorjahr auf den Markt gekommenen S 1000 RR im Supersportsegment schaffte es BMW weltweit auf Platz zwei. Am 19. März startet der Verkauf der neuen Tourenmotorräder K 1600 GT und 1600 GTL. Wie sind Ihre Erwartungen?
Immens hoch. Es ist immerhin die zweithöchste Investition, die BMW Motorrad bisher aufgebracht hat.

Wie hoch waren die Entwicklungskosten?
Wir haben einen hohen zweistelligen Millionenbetrag investiert. Die BMW-Motorrad-Historie basiert auf den Tourern. Diese Modelle zählen zu unserem Kerngeschäft. Mit den beiden neuen Modellen wollen wir deutlich dynamischer und jugendlicher werden. Die K 1600 GTL haben wir besonders luxuriös ausgestattet, das ist im Hinblick auf den US-Markt besonders wichtig. Weltweit gibt es schon weit über 3000 Vorbestellungen. Wir haben in diesem Jahr eine Produktionskapazität von 7000 bis 8000 Stück.

Welche Märkte wollen Sie mit den Luxus-Tourern erschließen?
Die GT ist vor allem für die klassischen Motorradmärkte gedacht. Auch Osteuropa wird für uns ein wichtiger Markt. Die luxuriösere GTL wollen wir zu einem Drittel in Europa verkaufen. Ihr Hauptmarkt sind allerdings die USA.

BMW will mit den Tourern jugendlicher werden. Die Zielgruppe kann sich ein über 20 000 Euro teures Motorrad kaum leisten.
Das BMW-Kundenportfolio ist in Europa sehr unterschiedlich. In Deutschland hatte BMW im Jahr 2009 ein Kunden- durchschnittsalter von 46 Jahren, im vergangenen Jahr lagen wir bei 43 Jahren.

Dank des Supersportlers.
Ja, das stimmt. Aber in Spanien waren unsere Kunden zum Beispiel immer schon um zehn Jahre jünger, im Durchschnitt 35 Jahre. In Frankreich wird die GT unter anderem von Pendlern gefahren. In Amerika ist unsere Zielgruppe der Langstreckentourenfahrer. Zu ihrer Frage: So manche Kunden müssen zu Hause Überzeugungsarbeit leisten, wenn sie sich ein Hobby leisten wollen, das mehr als 20 000 Euro kostet. Man ist da erfolgreicher, wenn man auch für die Beifahrerin viel Komfort anbieten kann.

BMW entwickelt gerade einen Maxiroller mit zwei Versionen. Vorgestellt wurde das Concept C auf der Motorradmesse Eicma im November. Wann ist Verkaufsstart?
Wir haben vor drei Wochen die ersten 27 Stück als Vorserie produziert. Die Serienproduktion beginnt noch in diesem Jahr. Vorgestellt werden die Roller im November. Die Markteinführung wird Anfang 2012 sein. Es wird von Beginn an zwei Modelle geben: eine sportliche und eine komfortablere Variante.

Wer kauft den klassischen Maxi-Roller?
Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Der Hauptmarkt ist Italien, ein klassisches Scooterland. In Spanien sind fast 50 Prozent der Maxi-Roller-Kunden auch Pkw-Kunden. Auch in Deutschland wird der Markt wachsen. Die weitere Verbreitung der City-Maut für Pkw fördert diese Entwicklung. Der Gesetzgeber zwingt uns geradezu, Fahrzeuge für die urbane Mobilität zu bauen. Es wird auch Zwitterprodukte zwischen Autos und Motorrädern geben. Dabei kann ich mir moderne, leise Diesel-Fahrzeuge vorstellen: 400 Kubik-Maschinen mit Turbolader, die im Stadtbetrieb eineinhalb bis zwei Liter Kraftstoff verbrauchen.

Danach kommen die Elektroroller. Oder wollen Sie von E-Mobility nichts hören?
Man muss Visionär und Realist sein. Ich bin fest überzeugt, E-Mobilität auf zwei Rädern hat eine große Zukunft. Wer aber glaubt, dass wir uns alle schon übermorgen nur noch elektrisch fortbewegen, der irrt. 2013 wird BMW mit zwei revolutionären Serienautomobilen einsteigen. E-Mobilität entwickelt sich kontinuierlich. BMW Motorrad wird an der Spitze der Entwicklung mit dabei sein.

E-Fahrzeuge haben geringe Reichweiten.
Da wird ein Umgewöhnungsprozess stattfinden müssen. Der durchschnittliche Nutzer fährt pro Tag rund 35 Kilometer. 70 schafft man mit E-Fahrzeugen auch. Schon in naher Zukunft wird es Fahrzeuge mit einer Reichweite von 150 Kilometern geben. Aber was in den nächsten Jahren sicher noch nicht funktionieren wird, ist eine 800 Kilometer lange Fahrt in einem Stück. Die große Stärke eines Zweirads mit E-Antrieb ist der Einsatz im Stadtverkehr, etwa als Zweit- oder Drittfahrzeug.

Sie fahren selbst gerne Motorrad. Glauben Sie an Elektromotorräder als Alternative zu herkömmlichen Bikes?
Ich glaube nicht an Elektromotorräder im klassischen Sinn. Der typische Motorradfahrer will das Gefühl von Freiheit, Beschleunigung, Dynamik, er will den Sound seiner Maschine hören. Außerdem möchte er schnell mal an den Lago di Garda oder die Ostsee fahren können. Das geht mit einem Elektromotorrad auf absehbare Zeit nicht. Elektrozweiräder sind für Kunden in der Stadt geeignet. Zudem sind Batteriegröße und -gewicht für das Motorrad eine große Herausforderung.

Die Asiaten bauen schon Elektroroller.
Die meisten Modelle sind noch bessere Bastellösungen, mit denen sie langsam und mit sehr geringer Reichweite fahren können. Der Kunde erwartet aber eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Km/h und eine Reichweite von 100 Kilometern.

Wie weit ist der Elektroroller entwickelt?
Wir haben ein Erprobungsfahrzeug, das auf der Teststrecke bis zu 140 Stundenkilometer gefahren ist. Ob das Produkt so in Serie kommt, werden wir in den kommenden Monaten entscheiden.

Was erwarten Sie sich von der Politik?
Wenn BMW Elektroscooter auf den Markt bringt, wünsche ich mir, dass ein Bundesministerium Vorreiter ist und bei uns die Fahrzeuge bestellt. Was Berlin betrifft, hoffe ich, dass die Polizei nach der Bestellung von Moto-Guzzi-Modellen wieder auf BMW Motorrad zurückgreift und künftig auch Elektroroller bestellt. Das wäre aktive Standortförderung.

Das Gespräch führte Sabine Beikler

Hendrik von Kuenheim (51) ist der Sohn des langjährigen BMW-Vorstandschefs Eberhard von Kuenheim. Er ist begeisterter Motorradfahrer und testet neue Produkte gerne selbst. Für die Präsentation der großen Tourer K 1600 GT und GTL reiste er nach Südafrika. Der gelernte Hotelkaufmann studierte in den USA Hotelmanagement. 1985 kam er als Trainee zu BMW Nordamerika, wurde dann Gebietsleiter in den USA. Nach Stationen in Dubai, Kanada und Spanien leitet er seit 2008 die Motorradsparte. Zweiräder der Marke BMW laufen ausschließlich in Berlin-Spandau vom Band.

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