Interview : „Es gibt noch viele offene Fragen“

Regine Günther, Leiterin der Abteilung Klimaschutz und Energie beim WWF, plädiert für ein Kohlemoratorium und erklärt im Interview mit dem Tagesspiegel, warum.

Kann Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (CCS) Klimaschutz sein?

Es gibt noch viele offene Fragen. Noch ist unklar, ob das Kohlendioxid (CO2) wirklich unter der Erde bleibt und wie es mit der natürlichen Umgebung reagiert. Deshalb ist es wichtig, dass die Europäische Union zwölf Demonstrationsvorhaben plant und Unternehmen Pilotprojekte starten. Wenn diese offenen Fragen positiv beantwortet werden, kann CCS einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten – vor allem in den schnell wachsenden Schwellenländern wie China. Deshalb muss CCS dann sofort kommerziell eingesetzt werden. Meines Erachtens ist die Herausforderung so groß, dass wir CCS ohne sorgfältige Prüfung nicht ausmustern dürfen. Natürlich gehört die Zukunft den erneuerbaren Energien. CCS ist keine Lösung, sondern ein Notnagel.

Was muss die EU rechtlich regeln, damit CCS eingesetzt werden kann?

Für uns ist wichtig, dass die EU vorschreibt, dass der Einsatz von CCS Pflicht für Kohlekraftwerke wird, sobald es verfügbar ist. Wir fordern bis dahin ein Moratorium für Kohlekraftwerke. Denn auf das Versprechen der Industrie, jetzt neue Kohlekraftwerke zu bauen und sie nachträglich mit CCS auszurüsten, vertrauen wir nicht. Darüber hinaus müssen Sicherheitsstandards für CO2- Lager und Pipelines geschaffen werden. Und auch der diskriminierungsfreie Zugang zur CO2-Infrastruktur muss EU-weit geregelt werden.

Welche Bedingungen muss die Industrie aus Ihrer Sicht erfüllen?

Die Industrie ist gefordert, diese Option glaubwürdig voranzutreiben. Es muss klar sein, dass das Geschäftsmodell Kohle ohne CCS in rasantem Tempo Akzeptanz verliert. Es darf nicht mehr als ein Prozent CO2 in 1000 Jahren austreten. Dafür muss es eine staatliche Überwachung geben. Auch dürfen nur geeignete Lagerstätten genutzt werden.

Das CO2 wird mit Pipelines transportiert werden müssen. Wem sollen diese Pipelines gehören, der Industrie?

Ich persönlich denke, dass wir genug schlechte Erfahrungen mit Netzen in privater Hand haben. Man sieht das bei Strom- und Gasnetzen. Deshalb ist zu überlegen, ob in diese Infrastruktur nicht auch öffentliche Mittel fließen sollten.

Wie soll CCS im Emissionshandel behandelt werden?

CCS-Anlagen haben den Vorteil, nur einen sehr kleinen Teil CO2-Zertifikate kaufen zu müssen. Im Falle eines Lecks müssen zusätzliche Zertifikate gekauft werden. Ich halte nichts davon, die Zertifikate zu einer Art Technologieförderung zu machen, indem man CCS-Anlagen extra Zertifikate gibt.

Regine Günther (45) ist seit 1999 Leiterin der Abteilung Klimaschutz und Energie bei der Umweltstiftung World Wide Fund for Nature (WWF).

Die Fragen stellte Dagmar Dehmer.

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