Interview : Forscher Schreckenberg sieht Alternative zur Maut

Getrennte Straßen für Lkw und Pkw - das ist die Idee des Verkehrsforschers Michael Schreckenberg.

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Foto: ddp
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Herr Schreckenberg, warum gibt es immer mehr Staus?

Weil der Lkw-Verkehr beständig zunimmt. Er wird wohl noch weiter zunehmen – in den kommenden 15 Jahren um 60 bis 80 Prozent. Weil aber ein Lkw eine Fahrbahn so sehr belastet wie 100 000 Pkw, werden die Autobahnen zur Dauerbaustelle. Der Pkw-Verkehr wird zugleich eher abnehmen. Wegen der Demografie und weil das Autofahren immer teurer wird, schon aufgrund der Benzinpreise.

In der Ferienzeit stehen aber vor allem Pkw Stoßstange an Stoßstange.

Die paar Urlauberstaus fallen nicht ins Gewicht. Am meisten Verkehr herrscht in den Monaten Mai und November und eher im Westen als im Osten.

Kann man die Spediteure nicht zwingen, mehr Güter per Bahn zu transportieren?

Die Schiene stößt schon jetzt an ihre Kapazitätsgrenze. Sie wird die Transportprobleme sicher nicht lösen können. Die Politik muss eine andere Antwort finden.

Der Verkehrsminister plant eine Maut, um mehr Geld für die Straße aufzubringen.

Allein um die Straßen auf dem heutigen Niveau zu halten, ist viel Geld erforderlich – nur für die Sanierung der oft maroden Brücken oder den Ausbau der Knotenpunkte auf acht Spuren. Um Neubau geht es ja nicht einmal. Also kann eine Maut nützlich sein, wenn das Geld nicht reicht.

Als Plakette, wie in Österreich?

Das wäre der schnellste Weg, sie lässt sich binnen eines halben Jahres einführen. Eine flexiblere elektronische Vignette kann es binnen eines Jahres geben. Eine satellitengestützte Maut wie bei Lkw wäre zwar die gerechteste Lösung, weil sie eine Abrechnung je Kilometer erlaubt. Sie ist aber frühestens in zehn Jahren machbar.

Führt eine Plakette dazu, dass die Leute weniger Auto fahren?

Eher nicht. Solche Einmalkosten sind schnell vergessen.

Was passiert, wenn es weitergeht wie bisher – mit dem gleichen Etat, ohne Maut?

Das ist das Laissez-faire-Szenario. Dann wird es wesentlich mehr Staus geben. Mit allen volkswirtschaftlichen Kosten. Um das zu vermeiden, muss man heute die Weichen stellen – Verkehrspolitik ist ja eine sehr langfristige Angelegenheit.

Also ist die Maut unausweichlich?

Nein. Es gibt auch ganz andere Ideen. Man könnte etwa im Berufsverkehr einige Autobahnabschnitte für Lkw komplett sperren. Dafür könnte man parallele Strecken nur für Lkw freigeben – die A 40 und A 42 im Ruhrgebiet etwa. Lkw und Pkw passen nicht zusammen, es gibt immer mehr Reibereien. Technisch wäre das kein großer Aufwand.

Michael Schreckenberg (55) ist einer der führenden Stau- und Verkehrsforscher. Der Physiker lehrt an der Universität Duisburg-Essen.

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