Interview : Frank May, Vattenfall: "Menschen haben es gern kuschelig"

Frank May, Chef der Wärmesparte von Vattenfall, über gefühlte Temperaturen und intelligente Netze.

Frank May erklärt, warum Vattenfall nicht automatisch mehr verdient, wenn es kalt wird. Foto: Tzscheuschner
Frank May erklärt, warum Vattenfall nicht automatisch mehr verdient, wenn es kalt wird.Foto: Tzscheuschner

Herr May, was ist die optimale Zimmertemperatur?

Experten empfehlen zwischen 16 in Schlafzimmern und 21 Grad in Wohnräumen. Das empfinden wohl auch die meisten Menschen als angenehm. Allerdings spielt dabei eine große Rolle, wie das Wetter draußen ist: Wenn die Sonne scheint, scheint es uns auch drinnen wärmer, als es tatsächlich ist. Wenn der Himmel grau ist oder draußen Wind weht, stellen wir fest, dass die Kunden die Heizung gern etwas mehr aufdrehen.

Also spielt auch Psychologie in Ihrem Geschäft eine Rolle.

Könnte man sagen. Menschen haben es zu Hause eben gerne kuschelig. Es geht um gefühlte Temperaturen. Mit Physik allein kommt man im Wärmegeschäft nicht weit.

Gilt denn die Formel: Je kälter der Winter, desto besser Ihr Geschäft?

Nicht unbedingt. Extrem niedrige Temperaturen, wie wir sie auch in diesem Winter wieder erlebt haben, sind natürlich gut für unseren Absatz. Wenn es draußen sehr kalt ist, kostet die gemütliche Wärme drinnen mehr. Wir müssen bei sehr strenger Kälte aber auch mehr Brennstoff einsetzen. Für diese wenigen sehr kalten Tage schalten wir dann unsere gasbefeuerten Spitzenanlagen dazu, die ausschließlich Wärme produzieren.

Was ist die günstigste Außentemperatur für Vattenfall?

Bei etwa Null bis minus fünf Grad, würde ich sagen. Dann sind unsere Heizkraftwerke, die nach dem Prinzip der Kraft- Wärme-Kopplung funktionieren, also Wärme und Strom erzeugen, am effektivsten ausgelastet. Der Ausnutzungsgrad des eingesetzten Brennstoffs liegt dann bei etwa 90 Prozent.

Also steigt Ihre Gewinnmarge nicht, wenn es sehr kalt wird.

Richtig, ab etwa minus zehn Grad schrumpft sie stark, weil der Betrieb dieser Spitzenanlagen, also Gaskraftwerke, die wir dann zuschalten müssen, relativ teuer ist.

Sie haben Klimaschutzbündnisse unterschrieben, etwa mit dem Berliner Senat. Da geht es auch um Energieeffizienz der Verbraucher. Was haben Sie davon, wenn Ihre Kunden weniger verbrauchen?

Es ist in der Tat eine besondere Situation, wenn ein Produzent und Händler verpflichtet wird, weniger von seinen Produkten zu verkaufen – in unserem Fall Wärme und Strom. Aber auch wir haben kein Interesse an Energieverschwendung. Wir fühlen uns dem Klimaschutz verpflichtet und den Kunden, die sparen wollen. Die wollen gut beraten werden.

Warum ausgerechnet von Ihnen? Als Händler sind sie doch befangen.

Weil wir die Energieexperten sind. Da macht es für den Gesetzgeber Sinn, uns konstruktiv einzubinden, bevor er ein unüberschaubares Geflecht an Gesetzen dafür schaffen muss. Wir haben eben Erfahrungen, die wir weitergeben können. Darüber hinaus sind wir unseren Kunden verpflichtet und entwickeln uns mit ihnen. Und dass wir ihre Ansprüche erfüllen können, zeigt sich an unserer Geschäftsentwicklung. Berlin als Stadt bietet uns Herausforderungen, die andere Versorger in anderen Ballungsräumen nicht in dem Umfang meistern müssen.

Inwiefern?

Nehmen Sie ein großes Mehrfamilienhaus im riesigen Altbaubestand von Mitte. Der Besitzer renoviert sein Haus komplett und baut Wärmedämmung ein. Diesen Kunden wollen wir doch nicht verlieren, nur weil er vernünftigerweise seinen Besitz energetisch saniert hat. Ihm viel Energie zu liefern, wenn die Leitung eh da liegt, kann jeder. Aber flexibel viel Energie zu liefern, das ist die Kunst.

Kann man damit Geld verdienen?

Immer besser. Das Lösen komplexer Probleme wird ein zunehmend wichtiger Teil unseres Geschäfts. Wärmeversorgung ist heute mehr als nur Brennstoff verfeuern. Da müssen kreative Lösungen her. Zum Beispiel haben wir ein virtuelles Kraftwerk entwickelt – eines meiner Lieblingsprojekte.

Virtuell klingt nach Luftschloss.

Nein, das ist sehr konkret, die Idee gibt es schon ein paar Jahre. Aber unser virtuelles Kraftwerk ist das erste, das den Schritt aus den Laboren in die energiewirtschaftliche Realität geschafft hat. Wir haben ein zentrales Steuerungssystem für dezentrale Blockheizkraftwerke und Wärmepumpen aufgebaut. Es kann die schwankende Stromproduktion aus erneuerbaren Energien intelligent in dezentrale Wärme umwandeln.

Wie weit ist der Aufbau?

Bei Start des Projektes vergangenen Oktober hatten wir 2000 Wohneinheiten an das System angeschlossen, zum Jahreswechsel waren es schon 6000. Ende dieses Jahres wollen wir 100 000 Wohnungen in unser virtuelles Kraftwerk integriert haben.

Wie funktioniert das technisch?

Wenn wir zum Beispiel aktuell viel Windstrom im Netz haben, steuern wir bevorzugt die stromverbrauchenden Wärmepumpen an. Die vor Ort vorhandenen Wärmespeicher nehmen die Energie auf und geben sie so ab, wie die Wärme dort gebraucht wird. Wenn wir aber wenig Wind haben, schalten wir ein Kontingent KWK-Anlagen zu, die Wärme und zugleich Strom produzieren, der ins Netz gespeist wird.

Wäre es nicht einfacher, sie würden einfach Ihr Fernwärmenetz ausbauen?

Natürlich bauen wir das Fernwärmenetz weiter aus. Jedes Jahr kommen etwa 20 000 Wohneinheiten dazu. Aber es würde sich nicht lohnen, in jedem Siedlungsgebiet Leitungen zu verlegen. Weil wir aber auch dort neue Kunden gewinnen wollen, bieten wir dezentrale Lösungen an, die in das virtuelle Kraftwerk eingebunden werden können.

Heute haben Verbraucher viel mehr Möglichkeiten zu heizen als vor 20 Jahren: Holzpellets, solarthermische Anlagen. Warum noch Fernwärme?

Vor allem wegen der Preisstabilität. Während Heizöl- und Holzpreise zum Beispiel in den vergangenen Jahren stark geschwankt sind, konnten wir die Fernwärmepreise relativ stabil halten. Eine Heizungsanlage schafft man sich nicht jedes Jahr neu an, da spekuliert man auf die Brennstoffkostenentwicklung der nächsten 20 Jahre. Und bei dem Vergleich haben wir bisher immer gezeigt, dass unser Angebot sich nicht verstecken muss: Fernwärme ist sehr zuverlässig, wird ökologisch und effizient hergestellt und ist preiswert. Und Sie gewinnen einen Kellerraum, weil sie keine große Anlage aufstellen müssen.

Jetzt steigen fast alle Rohstoffpreise aber weltweit stark an.

Ja, auch wir sehen steigende Energiepreise, an denen wir uns als Erzeuger orientieren müssen. Durch unsere Preisstruktur und den Brennstoffmix erreichen wir aber, dass unsere Kunden Preissprünge wie bei Gas- und Ölheizungen nicht erleben werden. Ich rechne deshalb mit einer sehr moderaten Anpassung, die am Preisvorteil der Fernwärme nichts ändern wird. Die endgültige Entscheidung fällt Anfang April.

Das Gespräch führte Kevin P. Hoffmann

ZUR PERSON

MANAGER

Frank May wurde 1966 in Wuppertal geboren, studierte Maschinenbau mit Schwerpunkt Energie- und Wärmetechnik in Aachen und promovierte in Bochum. 1999 ging er zur Hamburger HEW, die später ebenso wie die Berliner Bewag von Vattenfall übernommen wurde. Seit 2008 leitet er die Wärme- Sparte von Vattenfall.

UNTERNEHMEN

Die Vattenfall Europe Wärme AG versorgt über eine Million Wohneinheiten in Berlin mit Wärme aus zehn Kraftwerken, neun Blockheizkraftwerken sowie einem Heizwerk. Das Leitungsnetz ist rund 1500 Kilometer lang und wächst jährlich weiter um bis zu 25 Kilometer.

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