Wirtschaft : Interview: "Gregor Gysi als Kultursenator wäre witzig"

Herr Dürr[was für eine Regierung brauch]

Heinz Dürr (68) lebt seit rund zehn Jahren in Berlin. Nach fast 25 Jahren im Stuttgarter Maschinenbauunternehmen Otto Dürr wurde Heinz Dürr 1980 an die Spitze der AEG berufen. Nach zehn Jahren folgte der nächste Sanierungsjob: Von 1991 bis 1997 war Dürr Vorstandsvorsitzender von Deutscher Reichsbahn und Deutscher Bahn.

Herr Dürr, was für eine Regierung braucht Berlin?

Wir brauchen einen stabilen Senat. Die Unternehmer, die nach Berlin kommen oder die hier ein Unternehmen gründen wollen, brauchen Verlässlichkeit. Herrn Wowereit traut man das zu. Jetzt kommt es darauf an, was wir für Senatoren kriegen. Also einen Wirtschaftssenator, der etwas von der Wirtschaft versteht. Oder eine Finanzsenatorin wie Frau Krajewski, die einen guten Job gemacht hat. Natürlich spielt auch der Kultursenator eine wichtige Rolle.

Wäre ein Kultursenator Gregor Gysi nicht eine witzige Sache?

Witzig wäre das mit Sicherheit. Nur: Der Kultursenator soll dafür sorgen, dass die Kultureinrichtungen witzig sind und nicht er selbst der Witzigste ist. Und im Übrigen sollte der Kultursenator internationale Beziehungen haben, damit wir auch Künstler in die Stadt kriegen.

Haben Sie Angst vor einem rot-roten Senat?

Das Signal nach draußen wäre schlimmer als das, was wirklich in der Stadt passieren würde. Meine Freunde in Stuttgart haben zum Beispiel allergrößte Bedenken gegen die PDS. Noch schwieriger wird es, wenn Sie ins Ausland gehen. Vergangene Woche war ich in New York, und viele Leute dort machen sich Gedanken über das, was in Berlin passiert. Weil die Berlin immer noch als Frontstadt im Kopf haben. Also für das internationale Image der Stadt wäre ein rot-roter Senat sehr schädlich.

Und für die wirtschaftliche Entwicklung?

Alle Wettbewerber von Berlin hätten es dann wesentlich leichter. Dagegen wird in einer Ampel-Koalition vermutlich die FDP den Wirtschaftssenator stellen. Das kann nicht schaden. Aber alles in allem hat der Senat vor allem die Aufgabe, die Spaltung der Stadt zu überwinden. Das müssen Leute bewerkstelligen, denen man das auch glaubt.

Kann man die mit Abstand stärkste Partei in den Ostbezirken einfach vor der Tür lassen?

Die sind ja in den Bezirksparlamenten vertreten und können dort zeigen, was sie können. Und dass sie vor der Tür stehen - das stimmt ja nicht. Die PDS ist im Abgeordnetenhaus stark vertreten und kann sich in der Opposition profilieren. Es ist ja für Herrn Gysi als Oppositionsführer viel einfacher, spektakuläre Vorschläge zu machen, als wenn er in der Regierung sitzt.

Das Wachstum in Berlin liegt seit Jahren unter dem Bundesdurschnitt. Wie kommt die Stadt in Schwung?

Hier gibt es kreative Leute. Die Firma Dürr hat zum Beispiel ein Softwareunternehmen in Berlin übernommen. In solchen jungen Branchen gibt es die alte Formel "Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps" nicht mehr. Da gibt es eine Verbindung von Business und Kultur. Für solche Leute und solche Firmen ist Berlin interessant, aber nicht für einen Maschinenbauer.

Sind Kultur und Regierungssitz die einzigen Stärken Berlins?

Sicher werden wir keine Industriestadt alter Prägung mehr, und die Kultur spielt eine immer größere Rolle. Da unser Wirtschaftssystem laut Jeremy Rifkin von einer großen Fabrik in ein großes Theater umgebaut wird, passt das natürlich wunderbar: Die Politik, Verbände, Firmen-Repräsentanzen und Kunsteinrichtungen machen eine lebendige Mischung aus, die Berlin helfen wird.

Sie sind seit zehn Jahren in der Stadt. Was hat sich seitdem entwickelt?

Wir haben vor allem eine ordentliche Infrastruktur geschaffen, da hat sich viel getan...

bei Straßen, Flughafen, Schulen?

Die Ausstattung der Schulen ist natürlich schwierig, da muss viel mehr investiert werden. Es gibt eine Heinz und Heidi Dürr Stiftung, die kümmert sich um sozial schwache Kinder. Wir finanzieren mit der Stiftung ein Projekt für alleinerziehende Mutter. Und bei der Gelegenheit habe ich mitbekommen, dass es bei der Betreuung von Kindern hier in der Stadt böse aussieht. Und was den Flughafen betrifft: Es wäre ein Riesenfehler, wenn Tempelhof geschlossen würde. Für das große Business ist dieser Flughafen außerordentlich wichtig. Aber zu einer zeitgemäßen Infrastruktur gehört für mich auch eine moderne Verwaltung. Beispielsweise verfügt die gesamte Berliner Staatsanwaltschaft angeblich nur über neun Internetanschlüsse. Die Wirtschaftskriminellen "sollten" eigentlich alle nach Berlin kommen, weil sie hier auf die Verjährung ihrer Straftaten hoffen können.

Wer bezahlt die Modernisierung?

Berlin muss das Schaufenster des Landes werden. Also sollte der Bund Berlin nicht mit der Renovierung der Museumsinsel abspeisen. Ferner kann die Bankgesellschaft komplett verkauft werden; es gibt ja Interessenten, die dafür ein paar Milliarden Mark zahlen würden. Und schließlich lassen sich auch über private-public-partnership-Projekte Finanzierungsprobleme lösen.

Was sollten die ersten Schritte der neuen Koalition sein?

Die Politik muss ein Programm machen für eine zehnjährige Sanierung dieser Stadt. Das muss man den Leuten richtig erklären, dann ziehen die mit. Grundvoraussetzung für ein effizientes Sanierungsprogramm ist aber, dass der Regierende die verfassungsrechtlich abgesicherte Richtlinienkompetenz erhält. Er muss als Krisenmanager handeln und entscheiden können. es kann nicht sein, dass er auf die Rolle eines relativ ohnmächtigen Politikmoderators beschränkt wird.

Ist es positiv, dass das Jahrzehnt der Großen Koalition zu Ende ist?

Irgendwie war das an der Zeit. Die CDU hat sich in der Affäre Bankgesellschaft ziemlich ungeschickt verhalten und die SPD hat das zu nutzen gewusst. Es gilt ja die Regel, "Riesen fallen über Maulwurfshügel" - so ist das mit der Spende von 40 000 Mark an Landowsky gewesen.

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