Interview : "Ich bin fasziniert von der Wirtschaft"

Der Musiker und Afrika-Aktivist Bono über Armut, Geschäft und Konsum – und seine Pläne mit Adidas

Bono
Bono, Sänger der Rockband U2. -Foto: Wolff

Bono, seit bald zwei Jahren versuchen Sie, Deutschland zu mehr Hilfe für Afrika zu bewegen. Welche Fortschritte haben Sie in diesem Zeitraum gemacht?

Ich würde sagen, nicht ich, sondern wir haben Fortschritte gemacht. Es gibt hier jetzt eine breite Koalition der Willigen: von Herbert Grönemeyer bis Heidemarie Wieczorek-Zeul. Es ist eine ungewöhnliche Mischung von Leuten. Wenn wir etwas erreicht haben, und das haben wir, dann steht die Einstellung der Deutschen oben auf meiner Liste. 71 Prozent der Menschen hier unterstützen die Millennium-Ziele (siehe Kasten). In den meisten anderen Ländern wissen die Menschen nicht einmal, was die Millenniums-Ziele sind. 83 Prozent der Deutschen glauben, dass der Kampf gegen extreme Armut wichtig oder sehr wichtig ist. Das ist unglaublich. Nicht aufhören, weitermachen!

Ist der Trend nicht schon wieder vorbei?

Es ist nicht zu stoppen. Es geht etwas vor in Deutschland. Als ein Außenseiter, der ab und zu herkommt, sehe ich, dass etwas im deutschen Volk vorgeht, das neu und frisch ist. Die Sache mit der WM ist inzwischen ein Klischee, aber um diesen Geist geht es. Diese Schüchternheit, einen Platz in der Welt einzunehmen, ist lächerlich. Das ist vorbei. Die Deutschen wollen dem Rest der Welt zeigen, was sie ausmacht. Die Festlegungen, was Entwicklungshilfe angeht, spiegeln ihre geistigen Werte ebenso wider wie die strategischen und kommerziellen Erwägungen. Ich wäre sehr überrascht, wenn die Deutschen ihrer Regierung einen Wortbruch durchgehen ließen.

Aber bisher stellt Deutschland nicht die Beträge bereit, die Sie fordern.

In Heiligendamm waren wir enttäuscht, weil wir nicht erreicht haben, dass sich Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück auf einen klaren eindeutigen Pfad bis 2010 verpflichten. Das Millennium-Ziel sieht vor, dass dann 0,51 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe ausgegeben werden muss. Merkel hat sich nicht bereit erklärt, sich festzulegen, aber sie hat versprochen, sehr hart an diesen Zahlen zu arbeiten. Ihr Beitrag bei der Geberkonferenz des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose war signifikant: Die Aufstockung des deutschen Budgets für Entwicklungszusammenarbeit um 750 Millionen Euro für 2008 führte dazu, dass die übrigen Spieler am Tisch insgesamt zehn Milliarden Dollar gegeben haben. Das ist ein ernst zu nehmendes Ergebnis deutscher Führung. Aber: Bin ich nervös, wie es weitergeht? Natürlich bin ich nervös – ich wäre nicht hier, wenn ich es nicht wäre. Ich habe eine Band im Studio, die sich fragt, wo der Sänger ist. Das ist kein Witz. Noch bin ich nicht so weit, dass ich die Notbremse ziehe in Deutschland. Wir ziehen die Notbremse in Frankreich, wir ziehen die Notbremse in Italien, wir ziehen die Notbremse in Kanada…

Was heißt das: Sie ziehen die Notbremse?

Dass wir den Notfall ausrufen. In einem Interview würde ich die Leute auffordern, auf die Straße zu gehen. Holt die Transparente raus, fangt an, die Politiker da zu treffen, wo es ihnen wehtut: in ihren Wahlkreisen. Wenn sie den ärmsten, verletzlichsten Menschen der Welt Versprechen machen und sie dann nicht halten, wählen wir sie nicht. In Frankreich habe ich von einer Krise der Glaubwürdigkeit der politischen Führung gesprochen.

Was müsste passieren, damit Sie in Deutschland die Notbremse ziehen?

Wir werden uns die Zahlen sehr genau anschauen. Ich war gerade wieder in Afrika, und ich wäre sehr enttäuscht, wenn der Haushalt 2009 weniger Hilfe für Afrika enthalten würde. Ich wäre auch sehr enttäuscht, wenn er gleich bliebe. Wir brauchen einen Zuwachs. Wir brauchen eine Kurve, die uns bis 2010 auf 0,51 Prozent bringt. Ich habe mit allen Politikern gesprochen, und ich hoffe und glaube, dass sie mich nicht enttäuschen.

Werden Sie jetzt weniger offen empfangen als vor Heiligendamm?

Ich wurde immer recht freundlich empfangen. Die meisten in der SPD und ganz bestimmt Gerhard Schröder erkennen an, dass ich ihnen geholfen habe – indem ich sie gefoltert habe! – , eine Entscheidung zu treffen, die sich als eine der wichtigsten seiner Kanzlerschaft herausgestellt hat. 29 Millionen afrikanische Kinder gehen jetzt zur Schule wegen des Schuldenerlasses, der 1999 in Köln ausgehandelt wurde. 29! Millionen! Kinder! Afrikanische Führung muss sein – aber sie kann nur mit Ressourcen gedeihen, die durch Schuldenerlass frei werden.

Im vergangenen Jahr hat Ihre Organisation Data Frau Merkel als den wichtigsten Menschen des Planeten bezeichnet. Hat sie Ihre Erwartungen erfüllt?

Unsere Kritik am Abschlussdokument des G-8-Gipfels von Heiligendamm war nie eine Kritik an der Kanzlerin. Ich war enttäuscht, dass die Staats- und Regierungschefs nicht die Köpfe zusammengesteckt haben, um uns einen klare Entwicklungspfad zu geben. Aber ich war nicht von dem deutschen Anteil daran enttäuscht. Im Gegenteil, ich war überwältigt. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich sehr geringe Erwartungen vor 2007. Ich war erstaunt, dass die meine Anrufe angenommen haben, dass Kanzlerin Merkel mich sogar treffen wollte. Ich glaube, sie hat begriffen, dass es eine Krise der Glaubwürdigkeit in Europa gab und Europa unter deutscher Führung etwas für den direkten Nachbarn – Afrika – tun musste. Europa ist ein Gedanke, der ein Gefühl werden muss. Europa ist ein Konzept, klar. Aber fühlen die Menschen es? Ich glaube, Merkel hat nach unseren Gesprächen gespürt, dass diese Themen etwas sind, womit man aus dem Gedanken ein Gefühl machen kann.

Was ist mit Finanzminister Steinbrück? Haben Sie eine Zusage von ihm, dass die Vorgabe für 2010 eingehalten wird?

Ich bin direkt auf ihn zugegangen und habe meine Zahl für 2009 – 750 Millionen mehr für Entwicklungszusammenarbeit – genannt, und er hat gefragt: Sind das Pesos?

Die Antwort ist also nein.

Nein, die Antwort ist nicht nein. Ich denke, er ist ein sehr guter Mann, und er wird uns nicht enttäuschen. Ich habe den Scheck noch nicht bekommen. Aber ich komme wieder.

Würden Sie nicht mehr erreichen, wenn Sie Unternehmen überzeugen würden, in Afrika zu investieren?

Handel ist wichtiger als Hilfe. Unsere afrikanischen Freunde hassen Hilfe, weil sie Hilfe brauchen. Wenn Afrika ein Prozent mehr vom Welthandel bekäme, wäre das doppelt so viel wie die heutige Entwicklungshilfe. Ich weiß alles darüber, ich beschäftige mich damit. Meine Frau arbeitet für ihre Modelinie Edun mit afrikanischen Betrieben zusammen, und ich kooperiere über meine Kampagne Red mit verschiedenen Konzernen: Apple, Armani, Dell, Motorola machen schon mit. Jetzt möchte ich Adidas als Partner für Red gewinnen. Das würde mir gut gefallen. Wir sind in einem sehr frühen Stadium, aber ich mag die Idee einfach. Es geht immer nur ums Verlieren, wenn wir über Afrika reden. Ich möchte, dass die Anti-Aids-Kampagne Red mit Siegen assoziiert wird.

Haben Sie noch andere deutsche Marken außer Adidas im Blick? Mercedes, BMW?

Es gibt eine neue Bewegung im Konsumdenken. Es ist ein bewusstes Konsumdenken, die Menschen treffen bewusste Entscheidungen – sie wissen um die Macht ihrer Portemonnaies. Die Menschen können einen Konzern ruinieren, indem sie ihr Benzin an einer anderen Tankstelle kaufen. Wenn sie die Wahl zwischen zwei sehr ähnlichen Produkten haben, Mercedes und BMW, dann entscheiden sie sich ganz bestimmt für das Produkt, von dem sie annehmen, dass es die Welt zu einem besseren Ort macht. Jede Wette, das ist unbestreitbar.

Wirklich?

Der frühere US-Finanzminister Rubin hat mal zu mir gesagt: „Wenn Du den Kram ernst meinst, dann musst Du zwei Sachen machen. Du musst den Menschen die Größe des Problems schildern, und Du musst sagen, dass es zu lösen ist. Und dann musst Du 50 Millionen Dollar ausgeben, um das rüberzubringen. Du musst es machen wie Adidas oder Nike.“ Und ich sagte: „Wo kriegen wir die 50 Millionen Dollar her, Alter?“ Er zuckte mit den Schultern. Aber Red macht genau das: Wir lassen uns von Marketingbudgets der Konzerne huckepack nehmen. Wir Musiker, Künstler und Filmleute sind Geschäftsleuten gegenüber oft arrogant. Wir sagen, dass es keine Kreativität in den Konzernen gibt – aber wir haben unrecht.

Welche Rolle spielt Ihr eigener Private- Equity-Fond Elevation Partners? Kümmern Sie sich da auch um Afrika?

Nicht wirklich. Das ist eine seltsame Reise für mich. Ich begann, mich wegen meiner Tätigkeit als Aktivist für die Geschäftswelt zu interessieren. Da kratzt man sich am Kopf. Was macht der da? Die tiefere Antwort auf die Frage ist: Die Wirtschaft spielt eine viel größere Rolle dabei, Menschen aus der Armut zu führen, als alle Aktivisten auf der ganzen Welt zusammen. Die Aktivisten bereiten den Weg, zum Beispiel für gerechtere Handelsabkommen. Ich bin in Tansania ausgebuht worden, weil ich zu wenig pro Wirtschaft war. Und als ich nach Hause kam, wurde ich ausgebuht, weil ich zu sehr pro Wirtschaft war. Ich interessiere mich jetzt fürs Geschäft, für das Konzept dahinter. Das ist relativ neu für mich. Bei U2 waren wir zwar auch immer ziemlich gut darin, aber jetzt bin ich fasziniert von der Wirtschaft. Ich habe ein paar exzentrische, aber brillante Leute aus Nordkalifornien getroffen, die in Technologieunternehmen investieren. Die haben mich gefragt, ob ich mit ihnen zusammenarbeiten will, und ich habe bestimmt zehn Mal nein gesagt. Aber dann habe ich gesagt, vielleicht ist das doch interessant. Das sind Kräfte, die mit meinen Musikleben zu tun haben, denn Elevation Partners kümmert sich um die Schnittstelle zwischen Technologie und Medien.

Aber es geht nur ums Geschäft?

Ja.

Das Interview führt Moritz Döbler

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