Interview : „Immer recht zu haben, nimmt den Blick für das Unrecht“

Wolfgang Nowak von der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft über die gesellschaftliche Verantwortung von Spitzenkräften.

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Wolfgang Nowak setzt sich für die Entwicklung der Zivilgesellschaft ein. -Foto: Ecopix

Herr Nowak, Postchef Zumwinkel ist wegen seiner Steuerangelegenheiten zurückgetreten. 1000 andere Unternehmer, Manager und Prominente müssen wohl auch mit Besuch vom Staatsanwalt rechnen. Haben die Eliten in Deutschland die Maßstäbe für anständiges Handeln verloren?

Ich glaube ja, jedenfalls haben viele ein Problem damit.

Wie kommt das?

Wenn man ganz oben steht, hat man immer recht. Nach und nach verschwinden die Kritiker, die auch mal ein offenes Wort wagen. Manchmal nimmt man es selbst nicht einmal mehr wahr. Selbstverständlich recht zu haben, nimmt einem früher oder später den Blick für das Unrecht.

Geht das allen so?

Es ist schwierig, sich abzukoppeln. In allen Organisationen sind die Strukturen darauf ausgerichtet, dass der Chef recht hat. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Unternehmen, Politik und Gewerkschaften. Man braucht schon viel Selbstbewusstsein und Fähigkeit zur Selbstkritik, um sich ein kritisches Umfeld zu erhalten. Unternehmenschefs und Spitzenpolitiker sind Vorbilder – ob sie es wollen oder nicht. Diese Rolle müssen sie annehmen.

Warum hinterziehen Einkommensmillionäre Steuern?

Weil sie das Gefühl dafür verloren haben, dass sie als Bürger der Allgemeinheit etwas schuldig sind. Viele haben nicht begriffen, dass mit der Macht auch die Verantwortung wächst. Sie nehmen die Macht, stellen sich aber zu selten die Fragen, vor wem sie sich verantworten müssen und wofür. Das ist der Kern des Problems.

Aber alle Unternehmen – auch die Deutsche Post und die Deutsche Bank – machen einen Riesenwirbel um ihre gesellschaftliche Verantwortung.

Aber sie nehmen sie nicht alle in gleicher Weise wahr. Die Deutsche Bank etwa wendet dafür mehr als 80 Millionen Euro im Jahr auf. Das beruht auf dem Verständnis, dass wir der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen, dass wir sie mittragen und gestalten wollen. Das ist unser Verständnis als Unternehmen und das prägt auch unser Bild von einem Manager.

Lieber als ein paar Millionen hätte die Gesellschaft, wenn alle Unternehmen und Personen ordentlich ihre Steuern zahlen würden, und zwar in Deutschland.

Das ist die Grundvoraussetzung, wenn man wirklich ein guter Bürger seines Landes sein will. Daran müssen wir uns immer wieder erinnern. Aber wir müssen uns auch klarmachen, dass das für jeden gilt: Man kann von Managern nicht verlangen, dass sie wie Franziskanermönche leben, wenn man selbst schwarz fährt, das Finanzamt beschummelt, die Versicherung betrügt oder als Betriebsrat zu gut auf Kosten der Firma lebt.

Warum? Von den Eliten muss man doch mehr erwarten dürfen als von sich selbst. Schließlich sind wir Normalverdiener und keine Vorbilder.

Das sehe ich anders. Spitzenmanager leisten mehr, aber deswegen müssen sie nicht moralischer sein als wir. Nur ihre Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit ist größer.

Das Gespräch führte Ursula Weidenfeld

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