Interview : "Keine Technologie ist konfliktfrei"

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck über Braunkohleverstromung, Bürgerproteste gegen hohe Windräder und die Energien der Zukunft.

310731_0_62b15a9d.jpg
Matthias Platzeck -Foto: ddp

Brandenburg ist bundesweit mit führend bei den erneuerbaren Energien. Zugleich setzt auch Ihre neue Regierung auf Braunkohle. Wie passt das zusammen?



Das diktiert die Praxis. Neben Umwelt- und Klimaverträglichkeit muss verantwortliche Politik auch die Versorgungssicherheit und die Wirtschaftlichkeit im Blick haben. Deshalb hat sich meine Regierung den konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien auf die Fahne geschrieben. Bis zum Jahr 2020 soll ihr Anteil am Primärenergieverbrauch auf 20 Prozent steigen und so zu einer tragenden Säule des Energiemixes werden. Das aber reicht für die Industrienation Deutschland nicht aus. Deshalb muss auch gelten: Solange unser Energiebedarf nicht nachhaltig und zu wettbewerbsfähigen Preisen allein durch Erneuerbare gedeckt werden kann, bleibt die Verstromung der Braunkohle bei CO2-Abscheidung eine wichtige Brückentechnologie.

In Brandenburg regt sich Widerstand gegen neue höhere Windräder, teilweise sogar gegen Solarparks. Woher sollen die Bürger den Strom künftig beziehen?

In erster Linie aus dem eigenen Land. Wir machen keine Vogel-Strauß-Politik. Wenn wir nicht anfangen für mehr Klimaschutz vor der eigenen Haustür zu sorgen, können wir nicht erwarten, dass es der Nachbar und andere tun. Diesen Schritt zu gehen, kostet Überwindung und verlangt Weitsicht. Wir in Brandenburg mussten dabei lernen, dass keine Technologie – auch nicht die Nutzung erneuerbarer Energien – konfliktfrei ist. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir die Konflikte gemeinsam mit den Betroffenen im Dialog reduzieren können.

Wie wollen Sie in der Bevölkerung die Akzeptanz von neuen Energien stärken?


Die Menschen in unserem Land müssen umfassend über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der erneuerbaren Energien informiert werden. Ich bin überzeugt, dass bei ihnen das Verständnis und das Bewusstsein dafür wachsen werden, dass Klimaschutz nur gemeinsam möglich ist. Windräder, Biogasanlagen, Solardächer sind naturgemäß übers Land verteilt. Das Stromnetz in Brandenburg ist zurzeit aber eher auf Großkraftwerke ausgelegt.

Wie wollen Sie dezentrale Energieversorgung fördern?


Sie haben recht, die Netze sind derzeit nur begrenzt in der Lage, den im Land erzeugten Strom komplett aufzunehmen und zu den Verbrauchern zu transportieren. Die Landesregierung setzt sich daher dafür ein, den Netzausbau zu beschleunigen. Sie bringt sich auf Bundesebene in Gesetzgebungsverfahren ein und bemüht sich gleichzeitig um eine Optimierung auf Landesebene. Und wir befördern die wissenschaftliche Begleitung des Netzausbaus.



Matthias Platzeck (SPD) war Umweltminister in Brandenburg und ist seit 2002 Regierungschef. Vor zwei Wochen bestätigte der Landtag ihn im Amt. Das Gespräch führte Kevin P. Hoffmann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben