Interview : "Kohle- ist besser als Atomstrom"

Stefan Kohler ist Chef der Deutschen Energie-Agentur. Mit dem Tagesspiegel spricht er über längere Laufzeiten für AKW, die Zukunft der Kohle und Stromsparen.

Auch im Jahr 2050 können erneuerbare Energien noch nicht konventionelle Kraftwerke ersetzen, glaubt Stefan Kohler und plädiert für moderne Kohlekraftwerke.
Auch im Jahr 2050 können erneuerbare Energien noch nicht konventionelle Kraftwerke ersetzen, glaubt Stefan Kohler und plädiert für...Foto: T. Rückeis

Herr Kohler, seit zehn Jahren versuchen Sie den Deutschen das Energiesparen beizubringen. Mit welchem Erfolg?

Wir haben heute einen ganz anderen Diskussionsstand als im Jahr 2000. Das Thema Energieeffizienz hat auf der Nachfrageseite, also auf der Seite der Verbraucher, einen höheren Stellenwert. Und das hängt auch mit uns zusammen.

Inwiefern?

Wir haben zum Beispiel bei 400 Gebäuden dargestellt, dass energieeffizientes Bauen auch im Bestand, also in Altbauten möglich ist. In unserer Datenbank lassen sich mehr als 14 000 Aussteller von Energiepässen listen – weil wir beim Thema energieeffizientes Bauen eine ausgezeichnet Expertise haben. Das hat beispielsweise auch die Chinesen bewogen, uns bei dem Thema um Rat zu fragen.

Hängt der Wille zum Sparen nicht im Wesentlichen von der Höhe des Energiepreises ab?

Es gibt inzwischen ein Preisniveau, bei dem wir die Wirtschaftlichkeit von vielen Energiesparmaßnahmen nachweisen können. Allein bei den Gebäuden erreicht das Einsparpotenzial bis zu 50 Prozent, wenn die Gebäudehülle richtig gedämmt wird. Wir brauchen also keine höheren Energiepreise, um bis zum Jahr 2020 eine Verdoppelung der Energieproduktivität zu erreichen, wie die Bundesregierung vorgibt.

Warum investieren die Leute trotzdem so mäßig in Energiesparmaßnahmen?

Weil man über eine Investitionshürde springen muss. Ob Sie ein Haus sanieren oder einen energieeffizienten Kühlschrank kaufen – die Leute gucken auf die Anfangsinvestition und lassen eher außer Betracht, wie sich die Investition in den folgenden Jahren amortisiert.

Erklären sich so auch die Vorbehalte gegen die Energiesparlampe und das Wehklagen über das Ende der Glühbirne?

Das ist auch eine emotionale Diskussion, manchen behagt das Licht nicht. Dabei gibt es ein breites Lichtspektrum auch bei Energiesparlampen, so dass für jeden Geschmack etwas dabei sein sollte. Doch Vorbehalte, auch irrationale, gibt es immer. Es gibt auch Architekten, die behaupten, ein energieeffizientes Haus sei hässlich. Oder der Heizungsmonteur, der noch immer nicht begriffen hat, dass eine neue, effiziente Pumpe für die Heizung zwar etwas teurer ist, aber dafür nur ein Viertel des Stroms verbraucht.

Wird das anders durch das Energiekonzept, das die Regierung in den nächsten Wochen vorlegen will?

Wir erwarten einen zusätzlichen Auftrieb für unsere Arbeit. Nicht nur auf der Nachfrageseite, sondern auch, was energieeffiziente System anbelangt, etwa die Integration von erneuerbaren Energien in unser System. Zum Beispiel die Systemkosten von Fotovoltaikanlagen. Wir haben inzwischen sehr viele Anlagen, die aber nur tagsüber und bei Sonneneinstrahlung auch Strom liefern. Es müssen also für die übrige Zeit teure Kraftwerkskapazitäten vorgehalten werden.

Wer für Solaranlagen ist, muss also auch für konventionelle Kraftwerke sein?

Jedenfalls geht es auf absehbare Zeit nicht ohne. Und wenn heute nicht der Kraftwerkspark verjüngt wird, dann laufen weit über das Jahr 2020 hinaus die alten Anlagen, die oft nur einen Wirkungsgrad von 33 Prozent und hohe CO2-Emissionen haben. Ein neues Steinkohlekraftwerk darf heute nicht mehr unter 47 Prozent gebaut werden, und bei Gas sind wir sogar bei über 58 Prozent Wirkungsgrad. Wenn wir zum Beispiel bei Kohle bleiben, dann könnten wir mit neuen Anlagen zwischen 30 und 40 Prozent der CO2-Emissionen sparen.

Neue Großkraftwerke, die über Jahrzehnte laufen, würden aber die Entwicklung der erneuerbaren Energien blockieren. Und die sollen ja im Idealfall 2050 die gesamte Stromversorgung abdecken.

Das wird nicht funktionieren. Die technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen sind zu groß, auch weil es Wind- und Solarstrom zu Zeiten gibt, zu denen der Strom nicht gebraucht wird. Infrastruktur, Netze, Speichertechnologie – das muss alles mit berücksichtigt werden. Und das braucht alles Zeit und Geld.

Dann halten Sie 100-Prozent-Szenarien für Unfug?

Das Ziel ist doch, möglichst wenig CO2 auszustoßen – zum Beispiel 90 Prozent weniger im Jahr 2050. Das erreicht man zum einen mit verschiedenen Technologien. 54 Prozent können wir aber nur mit Einsparung und einer Steigerung der Energieeffizienz erreichen.

Wir brauchen also keine längeren Laufzeiten für die Atomkraftwerke?

Ich würde im Zweifel eher den Bau eines hochmodernen Steinkohle- oder Erdgaskraftwerks empfehlen, um Atomkraftwerke abschalten zu können, die nicht mehr dem aktuellen Sicherheitsstandard entsprechen. Aber wenn die Gesellschaft den Bau moderner Kohle- oder Gaskraftwerke verhindert, bleibt am Ende kaum etwas anderes übrig, als Kernkraftwerke länger laufen zu lassen.

Zuletzt hieß es, die Akw-Betreiber böten der Regierung 30 Milliarden Euro für eine Laufzeitverlängerung von durchschnittlich zwölf Jahren pro Anlage. Ein guter Preis?

Die Zahlen wurden bisher nicht bestätigt. Ich denke aber, wenn die Energieunternehmen etwas anbieten, wird es sich für sie auch lohnen. Ich bin da aber eher auf Umweltminister Röttgens Seite, der sagt, wir sollten die Laufzeitverlängerung nicht vom Preis abhängig machen. Die einzig relevanten Kriterien müssen sein: Sicherheit, gesicherte Endlagerung und die Notwendigkeit.

Auf wie viele Jahre Verlängerung läuft es wohl hinaus?

Ich würde 14 tippen – und zwar im Durchschnitt. Das hieße, einige Anlagen liefen noch deutlich länger. Andere aus der alten Baulinie 69, wie zum Beispiel Isar 1 und Brunsbüttel, dürften wohl abgeschaltet werden. Auch hinter Krümmel wird wohl ein großes Fragezeichen gemacht.

Wie groß ist das Fragezeichen hinter der Kohle?

Entscheidend ist hier die CCS-Technik zur Abscheidung und die Verwendung von CO2. Auch da läuft die Diskussion viel zu eng und teilweise hysterisch rund um die möglichen Lagerstätten, an denen CO2 unterirdisch gelagert werden soll. Zudem ist die Industrie schon weiter, Unternehmen wie zum Beispiel Wacker Chemie erforschen bereits die Wiederverwertung von CO2, zum Beispiel zur Algenaufzucht. Dann ist CO2 kein Abfallstoff, sondern ein Wirtschaftsgut, das stofflich oder energetisch verwendet werden kann.

Würden Sie ein Haus über einer CO2-Lagerstätte kaufen?

Ja, warum nicht?

Alles in allem sind Sie also für das Auslaufen der Akw und den Neubau von Kohlekraftwerken mit CCS?

Ja. Deutsche Unternehmen sind doch vor allem dafür bekannt, dass sie effiziente Maschinen- und Anlagentechnik produzieren. CCS-Technik könnte ein Exportschlager für unsere Firmen werden, denn Kohle wird weltweit noch für lange Zeit genutzt.

Wird Vattenfall es schaffen, ein großes CCS-Projekt in Brandenburg zu realisieren?

Ich hoffe es. Man darf zwar nicht mit dem Kopf durch die Wand, und bei vielen Kraftwerksprojekten fehlte es an einer offenen und wirklich transparenten Kommunikation. Aber man muss auch mal durchhalten und Widerstände durch Kommunikation und Transparenz überwinden, um das durchzusetzen, was richtig und notwendig ist. Unser Industriestandort Deutschland benötigt neben dem Klimaschutz auch wettbewerbsfähige Energiepreise.

Das Gespräch führten Alfons Frese und Kevin P. Hoffmann.

DIE KARRIERE

Der gebürtige Augsburger Stefan Kohler arbeitete in der Industrie, bevor er 1981 zum Ökoinstitut nach Freiburg ging. Zehn Jahre später wurde er Chef der niedersächsischen Energieagentur. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller beauftragte Kohler im Jahr 2000 mit dem Aufbau der Deutschen Energie-Agentur.

DIE DENA

Die Agentur versteht sich als „Kompetenzzentrum für Energieeffizienz und erneuerbare Energien“. Inzwischen arbeiten rund 150 Vollzeitmitarbeiter für die Dena, deren Gesellschafter der Bund (50 Prozent), die bundeseigene KfW Bankengruppe (26 Prozent) und mit jeweils acht Prozent die Allianz, die Deutsche Bank und die DZ Bank sind.

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