Wirtschaft : Interview mit Bernd Eichinger: "Ich bin mein erster Zuschauer"

Herr Eichinger[der],"Duell - Enemy at the Gates"[der]

Bernd Eichinger (51) ist Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG. Der Produzent ("Das Boot", "Name der Rose") brachte in 20 Jahren rund 160 Filme heraus. Constantin erwirtschaftet einen Umsatz von 210 Millionen Mark und einen Gewinn vor Steuern und Zinsen von gut 12 Millionen Mark und ist seit 1999 am Neuen Markt notiert.

Herr Eichinger, "Duell - Enemy at the Gates", der Eröffnungsfilm der Berlinale, ist einhellig verrissen worden. Sind Sie als Verleiher enttäuscht?

Die Reaktionen waren so kontrovers, wie wir es erwartet haben. Der Eröffnungsfilm eines Festivals steht immer an herausgehobener Stelle. Das war uns klar.

War es ein Fehler, gerade mit einem Stalingrad-Epos die Berlinale zu eröffnen?

Überhaupt nicht. Wir sind sehr zufrieden. Je heftiger die Kontroverse ausgetragen wird, umso besser für den Film.

"Duell - Enemy at the Gates" ist in Babelsberg gedreht worden. Profitiert der europäische Film jetzt davon, dass deutsche Anleger viel Geld in Filmfonds gesteckt haben, das nun von Hollywood zurückfließt?

Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Es gibt keinen europäischen Film und auch keinen internationalen Film. Internationale Produktionen sind überwiegend amerikanische Produktionen. Als Produzent frage ich mich immer, wo bekomme ich für mein Geld die meiste Gegenleistung. Deshalb ist die Standortförderung ja so wichtig. So war es wohl auch für den Produzenten von "Duell - Enemy at the Gates".

War die Leistung wirklich so gut? Macht nicht eher der teure Dollar den deutschen Standort so attraktiv?

Bestimmt sogar. Es gibt einen weltweiten Wettbewerb der Studiokapazitäten, die von innen alle mehr oder weniger gleich aussehen. Das heißt, die Angebote sind nahezu identisch. Wir haben eine Zeitlang überlegt, "Duell - Enemy at the Gates" in Großbritannien zu drehen. Da können der Dollarkurs und die Fördergelder durchaus den Ausschlag geben. Das gilt übrigens auch für mein nächstes eigenes Projekt "Resident Evil", das wir für 35 Millionen Dollar in Adlershof drehen werden.

Wird es die erhofften Folgeaufträge für den traditionsreichen Filmstandort geben?

Die Vorstellung, dass ein Produzent nur wegen der Tradition nach Babelsberg geht, ist ziemlich romantisch. Sicher, ich drehe auch gern hier. Aber es hängt letztlich von den Anreizen ab, die mir geboten werden.

Zum Beispiel?

Studios müssen sich beteiligen, müssen ein kalkulierbares Risiko mittragen. Wenn ein Studio bei einer Produktion einen Umsatz von 20 Millionen Dollar macht, dann sollte es fünf bis sechs Millionen beisteuern. Es geht ja nur um die Spitzenfinanzierung.

Aus den Studios in Babelsberg kommen andere Signale. Die Betreibergesellschaft will eher sparen als neue Risiken eingehen...

Es geht ja nur um kalkulierbare Risiken, nicht um waghalsige Aktionen. Das ist doch ganz normal: Wenn ein Produzent eine bestimmte Studioauslastung zusagt, dann sollte das Studio ihm einen Teil des Risikos abnehmen.

Aus "Unzufriedenheit über ihre öffentliche Repräsentanz" haben deutsche Film- und Fernseh-Produzenten am Sonntag eine neue Interessengemeinschaft - Film 20 - vorgestellt. Warum sind Sie so unzufrieden?

Hinter Film 20 steht der Gedanke, neben den etablierten Branchenverbänden eine schnelle Eingreiftruppe zu schaffen, die unbürokratisch ist und die mit einer sehr lauten Stimme bei den Fernsehsendern auftritt. Dafür stehen die Film-20-Unternehmen, die rund 70 Prozent des Produktionsvolumens in Deutschland repräsentieren.

Das gleiche Ziel hatte schon Ex-Staatsminister Naumann mit seinem gescheiterten Bündnis für den Film...

Das, worum es uns geht, ist nicht Aufgabe der Kulturpolitik, sondern es geht um wirtschaftliche Interessen. Es kann nicht angehen, dass die Produzenten, die mehr und mehr die Programme der Sender machen, nicht auch als deren Urheber angesehen werden, sondern nur als Dienstleister. Natürlich garantieren wir auch die Finanzierung einer Film-Produktion. Aber wir haben die Ideen und wir realisieren sie bis zum fertigen Produkt. Deshalb steht uns auch das Copyright und eine entsprechende Vergütung zu.

Sie fordern also größere Verhandlungsmacht gegenüber den Fernsehsendern?

Ja. Der Autor eines Film-Stoffes schreibt, verkauft und ist das Risiko los. Der Produzent aber, der diesen entwickelt hat und verantwortlich für das Gesamtprodukt ist, trägt zudem ein erhebliches finanzielles Risiko. Das muss angemessen bezahlt werden.

Vor einem Jahr hätte niemand vermutet, dass die Film-Produzenten in der Defensive sind. Waren Sie es nicht, die den Sendern mit Ihren teuren Filmen die Preise diktiert haben?

Wir haben nie Preise diktiert. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Der Preis für einen Film steigt nur, wenn mehr als ein potenzieller Abnehmer ihn haben will.

Dann war das Angebot zu klein, um den riesigen Programmbedarf zu decken. Heute gibt es viele Lizenzhändler und Produzenten und ein Überangebot, das die Preise kaputtmacht...

Nein, da liegen Sie falsch. Das Angebot ist immer gleich geblieben, auch auf dem Weltmarkt. Die Rechtehändler, die geglaubt haben, sie könnten Filme oder Filmpakete teuer einkaufen und mit einem Aufschlag weiterverkaufen, haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das System hat schon vor einem Jahr nicht funktioniert. Die Folgen können Sie heute an der Börse sehen.

Dann ist das Börsenkapital, das viele Rechtehändler eingespielt haben, sinnlos ausgegeben worden?

Das will ich nicht kommentieren. Tatsache ist, die Einkaufswut der Händler war gewaltig. Als die Preise in die Höhe schossen, haben wir gesagt: Da machen wir nicht mehr mit. Wir haben uns völlig rausgehalten und selber mehr produziert.

Und Sie produzieren nach dem Motto "Klasse statt Masse". Ist das Risiko, Flops zu produzieren, nicht zu groß?

Nein, im Gegenteil. Je mehr ich kaufe, desto größer ist die Flop-Gefahr. Das gilt für das Verwertungsgeschäft im Fernsehen. Im Kino zählt nur, ob ich den einen richtigen Film habe, den alle sehen wollen.

Aber entscheiden sich die Leute nicht spontan zwischen vielen Filmen, wenn Sie ins Kino gehen?

Nein, sie haben sich schon vorher eine Meinung gebildet, im Fernsehen, in der Werbung oder sonstwo. Früher sind die Leute ins Kino gegangen, heute gehen sie in einen Film.

Dass sie sich aus dem heißen Lizenzhandel herausgehalten und auf Qualität gesetzt haben, ist an der Börse nicht honoriert worden. Die Constantin-Aktie notiert unter Ausgabepreis. Gibt Ihnen das zu denken?

Ich habe vor dem Börsengang gedacht, unser Erfolg wird von steigenden Kursen begleitet. Das war ziemlich naiv. Der Kurs hat auf unser tägliches Geschäft keinen Einfluss. Es sei denn wir wollten im Moment mit unseren Aktien bezahlen. Ich habe nie nachvollziehen können, warum es mit den so genannten Medienwerten einmal steil bergauf und dann wieder steil begab geht, nur weil sich die Stimmung an der Börse ändert.

Haben die Analysten keine Ahnung?

Es liegt nicht an den Analysten. Der Markt insgesamt versteht unser Geschäft nicht. Solange windige Geschäftsmodelle nicht wirklich auf die Probe gestellt und aussortiert werden, wird es mit den Aktien unserer Branche auf und ab gehen.

Die Börse hat mit einigen Medien-Unternehmen schlechte Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel mit EM.TV. Thomas Haffa hält 16,5 Prozent an Constantin Film und ist Ihr Aufsichtsratschef. Sind Sie getäuscht worden?

Nein, warum denn?

Weil Haffa Sie im Dezember 2000 mit einer dramatischen Gewinnwarnung und Korrektur seiner Prognosen überrascht hat.

Ich habe keine EM.TV-Aktien und unsere Geschäft hat mit der Entwicklung von EM.TV nichts zu tun. Constantin ist erfolgreich und muss sich darum kümmern, dass sein Geschäft stabil und wachstumsorintiert bleibt. Das ist unser Job.

Hält Haffa an seiner Constantin-Beteiligung fest?

Ich habe keine Anhaltspunkte für das Gegenteil. Wenn Haffa seine Anteile verkaufen will, muss er diese den anderen Gesellschaftern - also der Kirch-Gruppe und mir - vorher anbieten. So ist die Constantin-Holding konstruiert. Er kann seine Aktien nicht einfach auf den Markt schmeißen. Aber selbst wenn er verkaufen wollte und der Käufer uns genehm wäre - warum nicht?

Hat es Gespräche zwischen Ihnen und Haffa darüber gegeben?

Nein.

Zwischen Kirch und Haffa?

Ich weiß es nicht. Aber im Zuge der jüngsten Entwicklung ist theoretisch alles denkbar.

Würden Sie weiter gerne mit einem US-Studio zusammengehen?

Diese Überlegungen gibt es nach wie vor. Man sollte ständig schauen, wie man sich strategisch aufstellt. Aber wir haben keine Eile, und der Preis muss stimmen. Es gab Zeiten, da saß in jedem Flugzeug nach Los Angeles ein deutscher Medienmanager, der auf der Suche nach Beteiligungen oder Partner war. Dies ist glücklicherweise vorbei.

Hat sich seit dem Börsengang etwas an Ihrem Erfolgsrezept, einen Bestsellerstoff zu finden und mit internationalen Stars zu verfilmen, geändert?

Ich habe kein Erfolgsrezept. Wenn es so einfach wäre, könnte es ja jeder machen. Ein Bestseller ist auch nicht gleich ein guter Filmstoff. Wir versuchen, den Standard unserer Produktionen immer hoch zu halten. Obwohl es an der Kinokasse leider noch keinen Zuschlag für gute Filme gibt. Ich bin mein erster Zuschauer, und was mir gefällt, bringe ich ins Kino. Erst dann, wenn ich das Gefühl habe, dass draußen nicht mehr ankommt, was mir gefällt, muss ich aufhören.

Sie haben kürzlich die Rechte an dem Bestseller "Das Parfum" von Patrick Süskind erworben, Wie kommen Sie an die Stoffe, um die sich alle reißen?

Mit Ausdauer und indem ich "Nein" als Antwort nicht akzeptiere. Dann mache ich eben zehn Jahre weiter, bis ich den Stoff habe.

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