Wirtschaft : INTERVIEW mit dem Bundesvorsitzenden der Deutschen Steuergewerkschaft

Die Steuervorhaben der rot-grünen Regierung liegen auf dem Tisch.Die Fachleute streiten noch über die Auswirkungen für den Finanzplatz Deutschland und die Folgen für die Anleger.Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre spricht von einem "Schlag ins Gesicht".Andere Experten warnen vor Torschlußpanik.Henrik Mortsiefer fragte den Bundesvorsitzenden der Deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek.

TAGESSPIEGEL: Herr Ondracek, ist die Deutsche Steuergewerkschaft mit den rot-grünen Steuerplänen zufrieden?

ONDRACEK: Zufrieden sind wir noch nicht.Das von der künftigen Regierung vorgelegte Modell muß an verschiedenen Stellen nachgebessert werden.Zum Beispiel muß der Spitzensteuersatz auf mindestens 45 Prozent gesenkt werden.Vor allem die übertriebene Hektik bei der Umsetzung ist unverständlich.Wenn ein Teil der Regelungen bereits am 1.Januar 1999 in Kraft treten soll, ist ein geordnetes Gesetzgebungsverfahren gar nicht mehr möglich.

TAGESSPIEGEL: Welche Kröten werden Kapitalanleger schlucken müssen?

ONDRACEK: Besonders einschneidend wird für viele Sparer die Halbierung des Freibetrags auf 3000 DM für Ledige beziehungsweise 6000 DM für Verheiratete sein.Beim aktuellen Zinssatz sind davon ja bereits Vermögen von 75 000 DM beziehungsweise 150 000 DM betroffen.Auf die Finanzverwaltung wird eine Menge Arbeit zukommen.Nach unserer Schätzung werden rund 400 000 neue Fälle zu bearbeiten sein.

TAGESSPIEGEL: Steuerschlupflöcher für Abschreibungskünstler sollen geschlossen werden.Steht Immobilien-, Schiffs- und Leasingfonds die große Flaute bevor?

ONDRACEK: Jedenfalls wird der große Boom dieser Steuersparmodelle beendet sein und auf ein Normalmaß zurückpendeln.Die größten Verlustbringer, die Sonderabschreibungen nach dem Fördergebietsgesetz, laufen ohnehin aus.Auch Verlustmodelle mit über 100 Prozent Abschreibung wie Schiffsbeteiligungen wird es nicht mehr geben.

TAGESSPIEGEL: Die Zeiten, in denen Vermögensbesitzer ihre Steuerlast auf Null drücken konnten, sind also vorbei?

ONDRACEK: Nach dem Willen der neuen Regierung sind diese Zeiten vorbei, weil die Verlustverrechnung mit anderen Einkunftsarten auf 100 000 DM bzw.200 000 DM begrenzt wurde.Zu Recht, wie ich finde, denn die steuerfreie Vermögensbildung mancher Millionäre war für viele Normalbürger ein Ärgernis.Es wird aber ein gesunder Rest von Steuersparmodellen bleiben, die ja auch als Investitionsanreize sinnvoll sind.

TAGESSPIEGEL: Werden Anleger, die in der Vergangenheit in Steuerspar-Fonds investiert haben, benachteiligt?

ONDRACEK: Nein, wer bereits investiert hat, genießt den verfassungsrechtlich garantierten Vertrauensschutz.Gesetze dürfen nicht rückwirkend eingreifen.

TAGESSPIEGEL: Konterkariert der Gesetzgeber mit der Verlängerung der Spekulationsfristen und der Absenkung des Sparerfreibetrages nicht seinen Appell, private Altersvorsorge zu betreiben?

ONDRACEK: Spekulationsgewinne sind keine Säule für die Altersvorsorge.Die Verlängerung der Fristen bei Wertpapieren trifft die Altervorsorge deshalb nicht.Anders bei den Freibeträgen.Hier ist nach unserer Aufassung zu scharf eingegriffen worden.Wer 200 000 DM für das Alter auf die hohe Kante gelegt hat, ist schwer getroffen.

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