• Interview mit dem Chef der Europäischen Arzneimittelagentur Ema: „Der Verlust der britischen Experten ist ein Jammer“

Interview mit dem Chef der Europäischen Arzneimittelagentur Ema : „Der Verlust der britischen Experten ist ein Jammer“

Guido Rasi, Chef der Europäischen Arzneimittelagentur Ema, über den Brexit, den anstehenden Wegzug aus London und die Zukunft seiner Behörde.

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Er bleibt. Behördenchef Guido Rasi will mit der Ema an ihren neuen Standort ziehen. Zu den Kandidaten für den Ema-Sitz gehört auch Berlin.
Er bleibt. Behördenchef Guido Rasi will mit der Ema an ihren neuen Standort ziehen. Zu den Kandidaten für den Ema-Sitz gehört auch...Foto: promo

Herr Rasi, die Europäische Arzneimittelagentur (Ema) bereitet sich auf eine Zukunft ohne die Briten vor. Was bedeutet der Brexit für Ihre Institution?

Er bedeutet in erster Linie, dass die Arbeit innerhalb der Ema neu verteilt werden muss. Das Portfolio, das derzeit noch von den Kollegen der britischen Arzneimittelbehörde gemanagt wird, muss auf andere EU-Staaten übertragen werden. Und natürlich müssen wir sehr viele herausragende Experten aus Großbritannien ersetzen. Das ist eine Herausforderung, aber sie ist lösbar.

Die Ema bewertet Arzneimittel, die auf den europäischen Markt kommen sollen. Welche Rolle spielen die Briten dabei?
Bei der Arzneimittelbewertung führen die britischen Experten als Berichterstatter Teams an, die Dossiers zu einzelnen Medikamenten erstellen. Etwa 20 Prozent aller unserer Arzneimitteldossiers kommen von den Briten – das ist ein sehr großer Output. Die Prozessroutine und das bestehende Fachwissen in diesem Bereich müssen nun transferiert und von den 27 verbleibenden EU-Mitgliedstaaten weitergeführt werden. Zudem bedarf es eines neuen Berichterstatters. Der Verlust der britischen Experten ist ein Jammer und eine Verschwendung von Wissen und Experten.

Was verändert sich noch durch den Brexit?
Wir sind durch den Brexit gezwungen, bestimmte Arbeitsprozesse neu zu organisieren. Das kann die Agentur effektiver machen. Das gilt auch für das Netzwerk der EU-Mitgliedstaaten, das für unsere Arbeit so wichtig ist. Infolge des Brexits können andere Länder ihre Expertise stärker bei der Ema einbringen.

Wie sieht Ihr Fahrplan für die nächsten 24 Monate aus mit Blick auf den dann wirksamen Austritt der Briten?
Wir planen auf mehreren Feldern parallel. Zum einen bereiten wir uns darauf vor, dass die Ema umziehen muss – wohin, werden wir aller Voraussicht nach im Oktober erfahren. Eigentlich ist dieser Termin für uns viel zu spät. Zu spät, um ein Bürogebäude für die Ankunft von mehr als 800 Mitarbeitern vorzubereiten, von der Umsiedlung der Familien und der Neuorganisation ihres Lebens ganz zu schweigen. Wir haben eine Taskforce eingerichtet, die sich unter anderem auch darum kümmert, wie das Leben für unsere Mitarbeiter in anderen Städten aussehen könnte.

Wie viele Szenarien bereiten Sie vor?
Wir tragen Informationen zu allen Kandidaten zusammen, die sich um den künftigen Sitz der Ema bewerben. Wir stellen uns in jedem Fall darauf ein, dass wir unsere britischen Experten ersetzen müssen. Für sie werden zunächst Experten aus fünf oder sechs Ländern einspringen. Später können die Aufgaben unter den 27 EU-Mitgliedern neu verteilt werden.

Gibt es also keine Chance mehr, dass die Europäische Arzneimittelbehörde doch in London bleibt?
Im Moment sieht es ganz so aus. Aber wer weiß, vielleicht kommt es ja doch noch zu einer anderslautenden Vereinbarung. Wir gehen allerdings nicht davon aus: Man hat uns gesagt, dass die Ema bis zum 30. März 2019 britisches Territorium verlassen haben muss.

Der Mietvertrag für den Bürokomplex der Ema am Canary Wharf läuft noch bis 2036 und ist nicht vorher kündbar. Wie viel kostet das Gebäude die Arzneimittelagentur pro Jahr?
2017 fallen dafür 14 Millionen Euro an.

Wissen Sie schon, wie teuer der Umzug in eine andere Stadt werden könnte?
Wir haben noch keine endgültige Kalkulation, da die Kosten stark davon abhängen, in welchem Land der neue Sitz der Ema liegen wird. Natürlich versuchen wir, die Kosten anhand von EU-Behörden abzuschätzen, die bereits einen Umzug hinter sich haben. Wie teuer die Sache am Ende wird, ist eng damit verknüpft, was der jeweilige Bewerber umsonst zur Verfügung stellt. Auch die Fixkosten für die Umsiedlung unserer Mitarbeiter werden je nach künftigem Standort variieren.

Wer wird die Kosten der Ema im Zuge des Brexits übernehmen?
Das weiß keiner. Die Kosten für den Umzug der Mitarbeiter bezahlt die Agentur. Wir werden in jedem Fall Geld zurückstellen. Ob wir dafür von Großbritannien, der EU oder einem Mitgliedstaat kompensiert werden, ist derzeit noch völlig offen. Uns ist eigentlich egal, wer dafür aufkommt – so lange uns überhaupt einer hilft.

Welche Summe stellen Sie für einen potenziellen Umzug zurück?
Wir diskutieren das gerade mit den zuständigen Abteilungen.

Erlauben Sie zwei persönliche Fragen. Was haben Sie empfunden, als Sie von der Brexit-Entscheidung der Briten erfahren haben?
Es fühlte sich an wie eine Scheidung. Da war Traurigkeit ob des Abschieds von einer Idee. Und die Gewissheit, dass sich alles ändern wird.

Sie stehen seit 2013 an der Spitze der Ema. Werden Sie auch bei der Agentur bleiben, wenn diese in ein anderes Land umzieht?
Aber ja, natürlich! Mein Vertrag läuft noch bis zum 16. November 2020 und so lange werde ich bleiben, egal, wohin die Reise geht.

Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?
Es ist ein Zustand zwischen Angst und Entschlossenheit. Vielen Mitarbeitern bereitet die Ungewissheit Sorge. Einige Kollegen haben uns verlassen und es gibt offene Stellen. Aber die, die bleiben, machen mit ungeheurem Selbstbewusstsein und großer Hingabe weiter und stellen sich der Aufgabe. Es gibt keine Verzögerungen, und auch die Qualität der Arbeit hat nicht gelitten. Die Motivation ist immer noch sehr hoch.

Wie gehen Sie mit der Angst der Mitarbeiter um?
Wir dürfen die Zukunft nicht rosiger darstellen, als sie tatsächlich ist. Aus diesem Grund stellen wir unseren Mitarbeitern jede noch so kleine Information über sämtliche Schritte der Organisation zur Verfügung. Unser Personal soll nicht das Gefühl bekommen, dass in einem höher gelagerten Raum Entscheidungen getroffen werden, die auf ihren Schultern lasten und ihr Leben gravierend verändern. Ich hoffe, dass solche vertrauensbildende Maßnahmen die Verbindungen zwischen Managern und Mitarbeitern stärken.

Wissen Sie schon, wie viele der derzeit rund 800 Mitarbeiter der Ema mit der Agentur umziehen werden?
Der endgültige Standort wird über die Zahl entscheiden. Im besten Fall werden 80 bis 85 Prozent der Mitarbeiter mit der Agentur umziehen, im schlechtesten weniger als 50 Prozent.

Welchen Standort wünschen sich Ihre Mitarbeiter?
Wir werden das Personal demnächst zu diesem Thema befragen. Zur Auswahl stehen dann all die Städte und Regionen, die sich um den künftigen Sitz der Ema bewerben.

Und Sie?
In dieser Frage verhalte ich mich natürlich neutral. Ich hoffe nur, dass die Entscheidung für einen Standort am Ende nicht auf politischen, sondern rationalen und operativen Erwägungen beruht. Es wäre sehr im Sinne der öffentlichen Gesundheit. Die ideale Stadt muss vor allem das Kriterium der Erreichbarkeit erfüllen. Die Ema bekommt pro Woche Besuch von etwa 700 Menschen aus aller Welt. Deswegen ist Erreichbarkeit eines der vier Kriterien, die für uns besonders wichtig sind. Zudem brauchen wir für unsere Arbeit Direktflüge in die EU-Mitgliedstaaten, internationale Flüge für Unternehmen aus Drittstaaten sowie Wohnraum für mehr als 800 Mitarbeiter und Schulen für deren Nachwuchs.

Der Berliner Senat sähe die Ema gerne in Berlin. Ist die Stadt aus Ihrer Sicht ein geeigneter Standort für Ihre Institution?
Berlin hat sicherlich viel zu bieten – mehr sage ich dazu nicht.

Spielt Größe bei der Suche nach dem geeigneten Kandidaten eine Rolle?
Ich würde sagen: Es gibt da eine kritische Masse. Natürlich muss die Ema nicht unbedingt in einer Zwölf-Millionen-Stadt wie London ihre Zentrale haben. Aber sie braucht schon ein bisschen internationales Flair.

Wie wichtig ist die geografische Nähe zur pharmazeutischen Industrie?
Sie spielt überhaupt keine Rolle. Wir sind absolut unabhängig und so wollen wir auch wahrgenommen werden.

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